Die Breitbandversorgung ist unerlässlich.
+
Gerade im ländlichen Raum ist der Glasfaserausbau von erheblicher Bedeutung. (Symbolfoto)

Ausbau im Gigabit-Bereich?

Schnelles Internet im ländlichen Raum: Wie Unternehmen, Ärzte und die Landwirtschaft davon profitieren

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
    schließen

Schnelles Internet: Gerade für den ländlichen Raum ist es von erheblicher Bedeutung. Es ist Chance und Bedrohung zugleich. Dort, wo Firmen und Mitarbeiter schnelle Verbindungen haben, können sie die Trümpfe des Landlebens gegen die der Stadt ausspielen. Wo Internet fehlt, wird es schwierig.

Fulda - Mit Platz 8 gehört der Landkreis Fulda zu den zehn am besten mit schnellem Internet versorgten Landkreisen in ganz Deutschland bei der Versorgung mit mindestens 50 Mbit/s. „Damit sind 98,6 Prozent der Haushalte versorgt“, weiß Digitalministerin in Hessen Professor Dr. Kristina Sinemus (CDU) und propagiert einen Ausbau im Gigabit-Bereich, während derzeit in den meisten Orten in Osthessen 100 MB verfügbar sind.

Die Begründung: „Wir müssen feststellen, dass sich Arbeiten, Lernen und Konsum weiter ins Internet verlagern. Auch landwirtschaftliche Betriebe werden in der Zukunft immer mehr auf hohe Datenraten und schnelle Übertragungsleistungen angewiesen sein.“ Sinemus erklärt, dass bereits heute die Landwirtschaft zu den am höchsten digitalisierten Branchen gehöre.

Fulda: Schnelles Internet im ländlichen Raum - Wie Unternehmen und die Landwirtschaft davon profitieren

Auch Christoph Burkard, Regionalmanager der Region Fulda Wirtschaftsförderungsgesellschaft, betont, dass schnelle Datenverbindungen auch da nötig seien, wo man es nicht vermute. Er erwähnt ebenfalls die Landwirtschaft - Stichwort Smart Farming. Prominente Beispiele dafür sind voll autonome Bearbeitungs- und Erntemaschinen oder Echtzeit-Bodenanalysen mit präziser Ausbringung von Dünger.

Aber auch der Tourismus braucht schnelles Internet – mehr denn je. Wer in die Rhön kommt, will hier in Ruhe wandern. Er sucht Beschaulichkeit ohne die Hektik der Städte. Aber er möchte sich bei seinen Wanderungen auch digital orientieren können – und spätestens abends nach der Dusche im Hotel oder in der Pension will er auf ein leistungsstarkes WLAN nicht verzichten. (Lesen Sie hier: Land Hessen fördert Breitbandberatungsstelle Osthessen mit mehr als 100.000 Euro)

Das gilt auch für Menschen, die überlegen, in die Rhön zu ziehen, um hier dauerhaft zu leben. Bei ihnen richtet sich eine der ersten Fragen an die mögliche zukünftige Wohnsitzgemeinde nach dem schnellen Internet. Bauherren erwarten heute Glasfaser in ihrer zukünftigen Wohnung wie Strom und Wasser. Auch ein Grund, warum Landrat Bernd Woide (CDU) Glasfaser in jedem Haus im Kreis Fulda möchte.

Gute Datenverbindungen erleichtern nicht nur die Freizeitgestaltung, sondern auch – und nicht zuletzt – die Arbeit aus dem Home-Office, auch für Schüler. Dörfer, die das nicht haben und die auch keine Perspektive auf Breitband haben, tun sich schwer, Einwohner zu gewinnen. Und noch ist das Gefälle gewaltig. Im Rhein-Main-Gebiet sind Gigabit-Anschlüsse selbstverständlich.

Und wie sieht die Versorgung in der Region aus?

Landkreis Fulda

Im Landkreis Fulda hat die Telekom rund 96 Prozent der Haushalte mit Bandbreiten von mindestens 100 Megabit pro Sekunde ausgestattet. Damit gehört der Kreis, was die flächenmäßige Abdeckung angeht, zur bundesweiten Spitze. Erreicht wurde dies durch den Glasfaserausbau bis zu den Kabelverzweigern, den grauen Kästen an der Straße. Von dort zu den Haushalten werden die vorhandenen Kupferkabel genutzt. Vor zehn Jahren hatte der Landkreis zunächst den Energieversorger ÜWAG (heute Rhön-Energie) mit dem Ausbau beauftragt. Der Kreis gab 22 Millionen Euro aus. 76 Prozent kamen als Zuschuss von Bund und Land. Der Landkreis und die Gemeinden wollen jetzt einen großen Schritt tun:Sie prüfen, wie jeder Haushalt einen Glasfaseranschluss erhalten kann. Damit ist eine Datenübertragung im Gigabit-Bereich möglich. Landrat Bernd Woide (CDU) hofft auf neue Förderprogramme von Bund und Land.

Vogelsbergkreis

Der Vogelsbergkreis bemüht sich seit rund zehn Jahren um schnelles Internet. Weil die Telekom zunächst kein Interesse am Ausbau hatte, gründeten die Kreise Vogelsberg und Wetterau sowie viele Kommunen die Breitbandinfrastrukturgesellschaft Oberhessen (Bigo). Später erklärte sich die Telekom dann doch bereit, auch den Vogelsberg auszubauen. In vielen Kommunen ist nun eine fast flächendeckende Internet-Versorgung über Kupfer vorhanden, teilweise kombiniert mit einer Glasfaserversorgung von Schulen und Gewerbegebieten. Der Vogelsbergkreis hat 22,2 Millionen Euro investiert, 80 Prozent davon kamen als Zuschüsse. In den nächsten zwei Jahren soll vor allem der privatwirtschaftliche Glasfaserausbau zulegen. Die Stadtwerke Lauterbach sowie die Firmen Goetel aus Göttingen und TNG Stadtnetz aus Kiel wollen Glasfaser ohne Zuschüsse verlegen. Der Vogelsbergkreis erwartet, dass alle Kommunen des Kreises davon profitieren werden.

Main-Kinzig-Kreis

Der Main-Kinzig-Kreis wurde im Sommer 2011 aktiv. Das Ziel: Mindestens 50 Mbit/Sekunde für 95 Prozent aller Haushalte, sonst mindestens 25 Mbit. Im März 2012 wurde die Breitband Main-Kinzig GmbH gegründet. Im Oktober 2012 begannen die Tiefbauarbeiten. Im Spätsommer 2015 war der Ausbau abgeschlossen: Der Main-Kinzig-Kreis erreichte als erster Kreis in Deutschland beinahe das Ziel, allen 150 000 Haushalten den Zugang zu 50 Mbit zu ermöglichen. Dafür wurden fast 650 Kilometer Glasfaserkabel verlegt. Die Investitionskosten bewegten sich unter den geplanten 50 Millionen Euro. Mit Hilfe von Fördermitteln des Bundes und des Landes Hessen ergibt sich nun die Möglichkeit, Unternehmen in den Gewerbegebieten des Kreises kostenlos mit Glasfaser bis in das Gebäude direkt an das bestehende Breitbandnetz anzubinden. Dadurch haben Unternehmen zukünftig die Möglichkeit, symmetrische Bandbreiten bis in den Gigabitbereich erhalten zu können.

Auch die medizinische Versorgung der Menschen auf dem Land wird vom schnellen Internet profitieren. Davon ist Dr. Jörg Simon, Internist und Aufsichtsratschef im Gesundheitsnetz Osthessen (GNO), überzeugt. Jede Woche setzt sich der Fuldaer Mediziner vor den Bildschirm und nimmt sich eine Stunde Zeit für Patienten, die ebenfalls vor einem Bildschirm sitzen. „Die Ärztedichte wird in Zukunft nicht größer werden. Mit der Telemedizin können wir die Qualität der Versorgung hoch halten“, prognostiziert Simon. Der digitale Fortschritt werde die Medizin für alle Menschen präziser machen.

Breitband ist also auch eine große Chance für die ländlichen Räume. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Unternehmen Cleanprince mit Sitz in Nüsttal-Morles. Cleanprince ist ein Onlineshop, der sich auf Reinigungsmittel spezialisiert hat. Die Internetbranche war früher ein Aushängeschild für Großstädte wie Berlin, Frankfurt oder München. Das ist heute nicht mehr so. Mit einem Internetshop kann man in Morles ebenso gut arbeiten wie in München – wenn der Internetanschluss stimmt.

Digitalministerin Kristina Sinemus weiß, dass auch landwirtschaftliche Betriebe immer mehr auf hohe Datenraten angewiesen sind.

„Wir haben uns für diese ländliche Gegend als Standort entschieden, gerade weil wir nicht auf Laufkundschaft angewiesen sind, sondern von überall in Deutschland aus arbeiten und versenden können“, berichtet Cleanprince-Prokuristin Kathleen Kraus. Das Unternehmen war 2014 in Petersberg gegründet worden. Die Räume für Lager und Versand wurden aber schneller als erwartet zu klein. Im Februar 2019 war Richtfest für das Lager- und Produktionsgebäude in Morles.

Schnelles Internet auf dem Land: Alle profitieren davon - keine möchte mehr verzichtet

„Wir sind täglich darauf angewiesen, einen aktuellen Sendungsstatus unserer Lieferungen abfragen zu können. Der Kunde am Telefon gibt sich nicht damit zufrieden, wenn er gesagt bekommt, dass das Internet gerade mal wieder Pause hat“, sagt die Prokuristin. „Als Hersteller und Onlinehändler liefern wir aus Nüsttal unsere Reinigungs- und Pflegemittel nach ganz Europa. Oft muss etwa in kürzester Zeit mit Onlineübersetzern in die griechische, niederländische oder spanische Sprache übersetzt werden, um mit Kunden zu kommunizieren. Wenn es dann an der Internetverbindung hakt, dann ist das zermürbend und frustrierend“, erklärt Kraus.

Landkreis Fulda: Kosten einer flächendeckende Versorgung mit Glasfaseranschlüssen: 300 Millionen Euro

Der Glasfaserausbau ist also geplant, doch wer soll den Ausbau bezahlen? Der Landkreis Fulda kalkuliert, dass eine flächendeckende Versorgung mit Glasfaseranschlüssen rund 300 Millionen Euro kosten würde. Digitalministerin Sinemus ist sich sicher: „Der Ausbau digitaler Infrastrukturen ist eine gesamtwirtschaftliche Aufgabe und kann nur gelingen, wenn alle mit anpacken: die privaten Telekommunikationsunternehmen, der Bund, die Länder und die Kommunen.“

Das könnte Sie auch interessieren