Rockt mit Avantasia in Fulda die Bühne: Tobias Sammet.
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Rockt mit Avantasia in Fulda die Bühne: Tobias Sammet.

Sänger im Interview

„Ich gucke Fußball und beobachte Vögel“: Tobias Sammet über Corona, das neue Avantasia-Album und Günter Netzer

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
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Tobias Sammet (43), Frontmann von Edguy und Avantasia, erklärt im Corona-Interview, warum er gerade aussieht wie der junge Günter Netzer, wie es mit seinem neuen Album voran geht und wie er die Chancen für sein Konzert mit Avantasia im Sommer sieht. 

Fulda - Ein Jahr Corona: Was bedeutet das für die Kulturszene? Wir haben bei Künstlern, Veranstaltern und Museumsleitern mal nachgefragt. Heute im Interview: Frontmann von Edguy und Avantasia Tobias Sammet.

Corona und kein Ende. Für Künstler bedeutet das meist: die Verschiebung der Verschiebung der Verschiebung von Veranstaltungen. Du hast dich schon im ersten Lockdown eingeigelt und an einem neuen Avantasia-Album gearbeitet. Ist es denn schon fertig?
Nein, und ich will auch noch gar nicht fertig sein, denn der kreative Prozess in meiner kleinen, eigenen Welt macht mir im Moment sehr viel Spaß und hilft mir dabei, mich abzulenken. Rein künstlerisch ist also alles im grünen Bereich. Veröffentlicht wird das Ganze irgendwann später im Jahr, wobei ich hoffe, dass dann noch jemand CDs kauft. Schon vor zwei Jahren war der Markt im Eimer, Covid hat jetzt noch einen drauf gesetzt, und alle hören Musik im Internet. Ich bin aber ein haptischer Mensch und will Dinge anfassen, Booklet, CD, LP, das ist ja ein Gesamtkunstwerk. Dieser ganze Digital-Kram ist mir dagegen wirklich suspekt.
Ein Bestseller-Autor sagte kürzlich uns gegenüber, er findet, Friseure haben eine größere Lobby als Künstler. Siehst du das auch so?
Das ist ja auch irgendwie nachvollziehbar. Wenn ich jetzt zum Beispiel in den Spiegel schaue, dann seh’ ich da den jungen Günter Netzer. Und beim Einkaufen sieht man dann auch die Frisuren der anderen, oder was seit dem Lockdown noch davon übrig ist. Das rückt im Alltag also irgendwie schon eher ins Bewusstsein der Leute, als das Fehlen von Konzerten. Mir selbst ist Musik wichtiger als die Frisur, aber im Grunde sitzen wir doch alle im selben Boot. Ich wünsche jedem Friseur das Beste und will nicht in einen Wettbewerb gehen, wer nun ärmer dran ist. Auch dieses Rumhacken auf den privilegierten Profi-Fußballern, weil sie noch spielen dürfen. Lasst die doch machen!
An jedem Künstler hängt ja in der Regel ein komplettes Arsenal an Tontechnikern, Tourmanagern, Merchandisern, Fahrern, Roadies und so weiter, die seit einem Jahr genauso auf dem Trockenen sitzen. Von dieser Zunft bekommt die Allgemeinheit nur sehr wenig mit. Du hast da andere Einblicke; wie schlimm ist es?
Schlimm. Es ist ein Hoffen und Bangen, manche stehen vor dem Aus, und die ersten versuchen irgendwie, sich beruflich anderweitig zu orientieren, weil es nicht mehr geht. Viele haben ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht, das sind mehrheitlich selbstständige Ein-Mann-Unternehmen ohne Netz und doppelten Boden in ihrer Altersvorsorge. Alle hoffen darauf, dass es mit dem Impfstoff bald zurück zu einer Art von Normalität geht. Und dennoch: Im Großen und Ganzen herrscht trotz alledem allgemeines Verständnis für die Corona-Maßnahmen, dazu haben auch manche von ihnen in ihrem Umfeld zu krasse Erfahrungen mit dem Virus gemacht.

Interview: Tobias Sammet über Corona, das neue Avantasia-Album und blöde Frisuren

Wir sind alle keine Hellseher, und ob dein Konzert mit Avantasia im Sommer vorm Dom stattfinden kann, werden wir sehen. Wäre es dir lieber, du könntest es mit Auflagen durchziehen, oder würdest du noch warten wollen, bis die Welt wieder halbwegs im Lot ist?
Das kommt darauf an, wie „halbwegs im Lot“ aussieht. Ich will auf keinen Fall, dass irgendjemand lebensgefährlich erkrankt, weil ich ein Konzert gegeben habe. So interpretiere ich meine Grundrechte nicht. Ich bin aber kein Wissenschaftler. Wenn sich die Situation im Frühsommer entspannt, was ich hoffe, dann bin ich optimistisch. Es ist dann Sommer, das Konzert ist draußen, da ist viel Platz und viel frische Luft. Letzten Endes kann ich das aber nicht abschließend beurteilen oder gar entscheiden. Wir müssen halt mit der Impferei auch endlich mal Gas geben.
Wie geht es dir denn persönlich in der momentanen Lage? Desinfizierst du immer noch deine Post?
Nein, ich bin vorsichtig, aber nicht paranoid. Insgesamt geht es mir ganz gut, aber natürlich ist das alles eine große Herausforderung. Und ich verstehe, wenn Leute daran verzweifeln und auch mal wütend werden. Aber das bringt uns ja nicht weiter. Keiner hat das so gewollt, und niemand hat Erfahrungen, wie man mit so einer Situation am besten umgeht. Das gilt für die Politik, für die Wissenschaft und auch für den Musiker im Lockdown. Ich denke immer, das ist alles Pillepalle im Vergleich zu dem, was unsere Großeltern mal durchmachen mussten. Ich halte mich an die Maßnahmen und konzentriere mich letzten Endes auf das, was ich selbst beeinflussen kann.
Womit lenkst du dich ab, wenn du mal nicht arbeitest? 
Ich gucke oft Fußball. Ich finde es gut, dass wir der Bundesliga nicht auch noch den Saft abgedreht haben. Schalke-Fans mögen mir das nachsehen. Wie auch immer, das bringt mich Samstagnachmittags auf schönere Gedanken. Ansonsten beobachte ich die Vögel, schippe Schnee, wenn welcher liegt, und sitze halt so rum, aber sehr oft mache ich tatsächlich Musik. Das ist für mich nicht nur Arbeit, sondern Entspannung. Wenn ich komponiere oder aufnehme, blende ich alles andere aus.

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Denkst du, bei der Kultur wird durch Corona eine Art natürliche Selektion stattfinden und am Ende nur das Gehaltvolle überleben, oder werden wir danach von einer Horde wild gewordener Mario Barths überschwemmt?
Vermutlich werden vor allem die Leiseren und Kleineren verschwinden, denen die Puste ausgeht. Aber irgendwie möchte ich auch gerne daran glauben, dass Qualität und das Gehaltvolle sich am Ende vielleicht doch durchsetzen.

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