Frühchen Melina durfte das Klinikum Fulda verlassen.
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Frühchen Melina durfte endlich aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Die Kleine sagt schon „Mama“

Jüngstes Frühchen der Welt: Klinikum Fulda erzählt vom Kampf um Melinas Leben

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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14 Monate lang wurde Melina, die als jüngstes Frühchen der Welt gilt, im Klinikum Fulda behandelt. Vor einigen Wochen wurde sie aus der Klinik entlassen. Bei der Pressekonferenz blickt das Team um Professor Dr. Reinald Repp, Direktor der Kinderklinik, auf die Zeit zurück.

  • Bei einer Pressekonferenz schildert das Kinikum Fulda den Kampf um das Leben von Frühchen Melina.
  • Nach nur 21 Wochen und vier Tagen kommt ein Zwillingspaar zur Welt: Der Junge schafft es nicht, aber das Mädchen überlebt.
  • Stationsleiterin Marion Krimm-Schätz sagt, dass sie den Morgen, an dem die Zwillinge eingeliefert wurden, nie vergessen werde.
  • Die Eltern von Melina bedankten sich bei allen Beteiligten.

Fulda/Lauterbach - Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich am 5. März 2019 in der Nähe von Lauterbach abgespielt haben und bei denen Rettungssanitäter Christopher Stöhr und seine Kollegen vom Rettungsteam einige richtige Entscheidungen getroffen haben.

Dr. Thomas Menzel vom Klinikum Fulda: „Es war eine besondere Situation“

Am Morgen wird Stöhr zu einer Hausgeburt gerufen. Nach nur 21 Wochen und vier Tagen kommt ein Zwillingspaar zur Welt. Ein Junge und ein Mädchen. Der Junge schafft es leider nicht und verstirbt noch am selben Tag, aber das Mädchen Melina wird als jüngstes Frühchen der Welt überleben.

In einem solchen Inkubator werden die Frühchen am Leben gehalten.

„Es war eine besondere Situation, unglaublich, wie das Rettungsteam es schaffte, so kleine Kinder lebend in die Klinik zu bringen“, sagt Dr. Thomas Menzel, Sprecher des Vorstands am Klinikum. Das sei das Verdienst von Stöhr und dem Rettungsteam.

14 Monate nach diesem Einsatz sagt der Rettungssanitäter: „Wir waren überwältigt, als wir hörten, dass es gelungen ist, das Kind zu retten.“ Im Rettungswagen seien beide Kinder mit Sauerstoff und Wärme versorgt und ins Klinikum gebracht worden. Dort wartete bereits das Team um Reinald Repp.

Prof. Dr. Reinald Repp, Dr. Christian Weber, Marion Krimm-Schätz, Judith Laibold und Christopher Stöhr (Rettungsdienst Mittelhessen) bei der Pressekonferenz im Klinikum.

„Der erste wichtige Schritt ist die Beatmung herzustellen“, erklärt Oberarzt Dr. Christian Weber, und Stationsleiterin Marion Krimm-Schätz fügt an: „Für uns war das eine außergewöhnliche Situation, weil die Kinder bei einer Hausgeburt zur Welt kamen. In Windeseile haben wir die Intensivplätze vorbereitet und die Kinder versorgt. Ich hatte Herzklopfen. Diesen Morgen werde ich nie vergessen.“ Jeder kleinste Schritt könne große Auswirkungen haben. Gerade die ersten fünf Tage seien entscheidend, stellt Weber heraus.

Folgeschäden bei Melina noch nicht gänzlich abzusehen

Bei so jungen Frühchen kann es zu Hirnblutungen kommen. Auch im späteren Verlauf können verschiedene Komplikationen auftreten – in der Lunge, im Darm oder an der Netzhaut, die so früh nicht ausgebildet ist.

Ob Melina Folgeschäden haben wird, sei noch nicht gänzlich abzusehen, erklärt Reinald Repp. Die Prognose sei aber gut: „Melina hatte keine Hirnblutung. Das ist schon einmal eine wichtige Voraussetzung.“ Viel mehr möchte er nicht sagen, weil die Eltern erst einmal nicht in die Öffentlichkeit treten wollen.

Oberarzt Dr. Christian Weber wird von einem Kameramann interviewt.

Melinas Eltern bedanken sich bei allen Beteiligten

In einer Pressemitteilung des Klinikums Fulda bedankten sich die Eltern aber bei allen Beteiligten, die sich um Melina gekümmert haben. „Wir bewundern den Mut und erkennen an, dass das Team die Entscheidung getroffen hat, unserer Tochter eine Chance zu geben. Über vierzehn Monate, die unser Kind im Klinikum Fulda war, hat uns das Team zur Seite gestanden. Jede und jeder einzelne dort hat uns Hoffnung geschenkt – Tag für Tag“, heißt es von Seiten der Eltern, die mehr als ein Jahr täglich zum Klinikum nach Fulda gependelt sind, um eine Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen.

Der Dank gelte auch dem Rettungsdienst, der so schnell gekommen war und den Schwestern, die Geduld mit den Eltern hatten: „ Es war für uns nicht einfach, und wir waren manchmal nicht einfach.“

Außerdem berichten die Eltern: „Und am Morgen nach der ersten kurzen Nacht zu Hause mit unserer Tochter ist es das strahlende Lächeln der Kleinen, das uns für so vieles entschädigt.“

Jüngstes Frühchen der Welt: Melina spricht schon ein paar Worte

Das Medieninteresse am jüngsten Frühchen der Welt – Melina teilt sich diesen Titel mit einem Kind in den USA, das 2014 ebenfalls nach 21 Schwangerschaftswochen und vier Tagen geboren wurde – ist groß.

Einen Satz lässt sich Repp doch noch entlocken: „Soviel, glaube ich, darf ich sagen: Melina spricht sogar schon ein paar Worte wie „Mama“ – das schaffen ja einige Reifgeborene im gleichen Alter noch nicht.“ Repp habe große Hoffnung, dass das Kind, das mit weniger als 500 Gramm geboren wurde, ein „glückliches Leben führen wird“.

Die meisten Frühchen, die überleben, hätten später keine größeren gesundheitlichen Probleme. „Nach meiner Wahrnehmung leiden sie vielmehr unter den Vorurteilen. Ich plädiere dafür, dass Frühchen nicht per se mit anderen Augen betrachtet werden als reifgeborene Kinder“, betont Repp.

Bei Melina „war eine Überlebenschance da“

Dass Melina lebt, grenzt an ein Wunder. Denn offiziell geht die Leitlinie davon aus, dass die Überlebenschance bei Frühgeborenen, die vor der 22 Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sehr gering ist.

„Solche Leitlinien sind wichtig. Aber wir entscheiden im Zweifel für das Leben. Und es war eine Überlebenschance da. Und wir hatten in den vergangenen Jahren schon mehrere Kinder, die so früh geboren wurden“, Repp.

Eines davon ist Frieda. Das Mädchen, das heute acht Jahre alt ist, wurde nach 21 Schwangerschaftswochen und fünf Tagen geboren und galt damals ebenfalls als jüngstes Frühchen der Welt.

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