Kinder gehen mit Kälbchen spazieren
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Der Kälbchenexpress zieht durch die Neuhofer Landschaft.

Ausgiebige Spaziergänge

„Kälbchenexpress“ auf Bilandshof: Fast täglich kümmern sich sechs Kinder um den Rindernachwuchs

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Manchmal bocken sie oder machen unerwartet Freudensprünge auf den Feldwegen rund um den Bilandshof: Die Kälbchen von Familie Vogel bekommen regelmäßig Besuch von Kindern aus dem Ort, die sich um sie kümmern und mit ihnen spazieren gehen.

Neuhof - Liebe Rinder, liebe Kinder, bitte einsteigen! Der „Kälbchenexpress“ ist bereit zur Abfahrt: Yavanna (12) mit Peanut, Paul (13) mit Tonks, Franziska (5) mit Donnatella, Mia (12) mit Ruby und Anna (11) und Fabian (7) mit Chiara sind die heutigen Gespanne.

Das Fell der fünf Kälbchen glänzt im Licht der Sommersonne: „Heute war Waschtag. Wir haben die Kälber mit Wasser abgespritzt, eingeseift, wieder abgewaschen und zum Schluss abgetrocknet“, erzählen die vier jungen Schaffnerinnen und die zwei Zugbegleiter, die mit dem „Kälbchenexpress“ durch die Neuhofer Landschaft ziehen. Der Premiumwaschgang für den heutigen Tag ist das gleiche Programm, das die Kälbchen bekommen würden, wenn sie an einem Wettbewerb teilnehmen. (Lesen Sie hier: Ilonka schafft Rekordmarke: 100.000-Liter-Kuh auf dem Bilandshof bei Neuhof ausgezeichnet)

Fulda: „Kälbchenexpress“ in Neuhof - Kinder kümmern sich um Rindernachwuchs

Daher kommt die Idee mit dem „Kälbchenexpress“ auf dem Bilandshof: „Normalerweise gehen wir auf Tierschauen – aber die fallen wegen Corona aus. Deshalb machen die Kinder das mit den Spaziergängen“, erzählt Tanja Vogel, die mit ihrem Mann Jörg den Zucht- und Milchviehbetrieb leitet. „Für die Tiere ist das gut, weil sie dadurch zutraulicher werden.“ Und die Kinder haben großen Spaß, wenn sie mit den Kälbchen am Strick über die Feldwege rund um den Hof im Landkreis Fulda laufen.

Die Tiere sind zwischen drei Wochen und einem halben Jahr alt – danach sind sie zu groß und kräftig, um von den Menschenkindern geführt zu werden. Doch auch später, wenn sie ausgewachsen sind, erkennen die Rinder die Kinder und sind wesentlich zutraulicher ihnen gegenüber. Kein Wunder, denn zu den Aufgaben der „Zugbegleitung“ gehört es auch, die Tiere mit Milch und Müsli zu versorgen, sie zu putzen, die Boxen auszumisten und neu einzustreuen.

Kälbchenpflege auf dem Bilandshof: Fast 100 Tiere haben die Kinder schon betreut

„Inzwischen haben die Kinder etwa 100 Kälber betreut“, erzählt Vogel. Sogar bei den Geburten seien die Kinder dabei, sie würden eine Menge Verantwortung für die Tiere übernehmen und fast täglich vorbeikommen – es sei denn, sie fahren in die Ferien. Denn sogar die fleißigsten Zugbegleitungen brauchen hin und wieder ein paar freie Tage.

Eigentlich, so erzählen die Eltern, die öfter mal Taxi spielen müssen für die Fahrten raus zum Bilandshof am Neuhofer Ortsrand, wollten die Mädels Yavanna, Mia und Anna sich Ziegen anschaffen. Weil die Eltern jedoch nicht sonderlich begeistert waren von der Idee, entstand der „Kälbchenexpress“ auf dem Bilandshof – und die Mädels beweisen bereits seit einem Jahr ihre Ausdauer bei der Pflege der Kälber. Paul hilft schon länger bei der Hofarbeit mit und kommt auch, um auf dem Feld zu helfen. Und Fabian ist als Bruder von Anna mit an Bord.

Die Kinder dürfen die Namen für die neugeborenen Kälber aussuchen, unter der Bedingung, dass sie mit dem Buchstaben der Mutterkuh beginnen – so wird das in der Rinderzucht gemacht. Sie wissen schon genau, was sie wann zu tun haben. Sogar die fünfjährige Franziska, Tochter von Jörg und Tanja Vogel, kann sagen, was nach einer Geburt zu beachten ist: „Dann holen wir eine Gießkanne und schütten Wasser auf die Kälbchen“ – damit sie sich erschrecken und die Lebensgeister geweckt werden, ergänzt ihr Vater. (Lesen Sie hier: „Wir sind Knechte auf dem eigenen Hof“: Landwirt aus der Rhön ärgert sich über niedrige Milchpreise)

Auch Namen dürfen die Kinder den neugeborenen Kälbern geben

Jetzt aber geht es auf Tour – obwohl die Kälbchen schon lange auf den Beinen sind, schließlich war ja heute Waschtag. „So ein bisschen Bewegung, Schatz, das kriegst du doch hin“, motiviert Paul ein Kälbchen namens Tonks. Und das Kälbchen Chiara wird von Anna geführt: „Die kleine Maus ist immer etwas bockig.“ Deshalb springt sie hin und wieder wild über den Weg oder bleibt stehen, sodass die Kinder sie anschieben müssen. Die Mitarbeitenden vom „Kälbchenexpress“ kennen alle Eigenheiten der Passagiere.

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