84 Jahre in Fulda

Ende für Kaufhaus-Kerber: Galeria Kaufhof schließt schon am Donnerstagabend seine Pforten

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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  • Volker Nies
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Über Jahrzehnte besaß das 1958 eröffnete Kaufhaus Kerber eine einzigartige Anziehungskraft – auch weil es seiner Zeit oft voraus war. Seit 2004 ein Galeria-Kaufhof-Standort, wurden am Donnerstagabend die Türen des Kaufhauses dann endgültig geschlossen.

Update vom 15. Oktober, 19.45 Uhr: Circa 19.10 Uhr schloss Filialleiter Michel Meijboom die Türen von Galeria Kaufhof zum letzten Mal. Das frühere Kaufhaus Kerber ist damit Geschichte. Ursprünglich war geplant, das Kaufhaus erst am Samstag zu schließen. Am Donnerstag hatte das Unternehmen noch letzte Waren abverkauft und für Schnäppchenjäger bis zu 90 Prozent Rabatt auf seine Produkte gegeben.

Ein ausführlicher Bericht zur Schließung folgt.

Aus und vorbei: Filialleiter Michel Meijboom schließt am Donnerstagabend die Türen von Galeria Kaufhof endgültig.

Lesen Sie hier die Erstmeldung:

Fulda - Bei der Ausstattung seines Kaufhauses und der Auswahl seiner Produkte, bei der Werbung und der Mitarbeiterführung – in allen Bereichen hat der Unternehmer Karl Kerber mit seinem 1958 eröffneten Kaufhaus in der Fuldaer Innenstadt Maßstäbe gesetzt – weit über die Region hinaus.

Fulda: Kaufhaus Kerber war Kult - Galeria Kaufhof schließt für immer

Selbst nachdem die Familie Kerber das Kaufhaus 1991 an Kaufhof verkaufte und es 2003/2004 zu einem Galeria Kaufhof-Haus umgebaut wurde, blieb es ein kräftiger Magnet für Fulda.

Doch die bundesweite Krise der Kaufhäuser und die Insolvenz der Gruppe Galeria Karstadt Kaufhof im Frühjahr 2020 fordert nun ihren Tribut. Das ehemalige Kerber-Kaufhaus schließt Mitte bis Ende dieser Woche für immer – wann genau, hängt ab vom Tempo des Ausverkaufs ab.

Kaufhaus Kerber und später Galeria Kaufhof - Haus schließt nächste Woche für immer

Die Schließung macht nicht nur Mitarbeiter, ihre Familien und Kunden traurig, sondern eine ganze Region. Denn das Kaufhaus war eine Institution – auch weil es oft seiner Zeit voraus war. Als erstes Haus in Fulda besaß es Rolltreppen – wobei der Kunden mit der Rolltreppen hinauffuhr, aber bis zum Umbau 2003/2004 auf Treppen hinuntergehen musste. Die Rolltreppen zogen Menschen jeden Alters in das Kaufhaus.

Max Elsbach legt Grundstein: Kerber übernahm 1936 jüdisches Geschäft

Die Präsenz des Kaufhauses Kerber in Fulda begann am 25. April 1936 in der Marktstraße 8 – in den Räumen, die ein jüdischer Kaufmann zuvor hatte verlassen müssen.

Waren in wenigen Preisstufen, günstig und in Selbstbedienung anbieten – mit diesem Modell wurde die Genossenschaft Erwege („Einkaufgenossenschaft Rheinisch-Westfälischer Geschäftshäuser“) in den 1920er und 1930er Jahren erfolgreich. Die Einzelhändler waren eigenständig, bündelten aber ihren Einkauf.

1932 eröffnete der Kaufmann Karl Eduard Kerber (damals erst 16 Jahre alt) einen Erwege-Laden in Gießen. Sein Vater besaß einen Porzellan-Großhandel. Im gleichen Jahr eröffnete der jüdische Kaufmann Max Elsbach (damals 41) ein Erwege-Geschäft in der Marktstraße in Fulda.

Mit Hitlers Machtübernahme 1933 gerieten jüdische Händler unter Druck. Das NS-Regime rief zu ihrem Boykott auf, 1935 musste jeder jüdische Händler am Eingang das Schild „Jude“ anbringen. Für Elsbach wurde es immer schwieriger.

Seine Lehrlinge belieferten manche Kunden heimlich. 1936 zogen Max Elsbach und Ehefrau Henny, mit Sohn Gert (8) nach Berlin-Dahlem. Sie hofften auf ein besseres Leben in der Großstadt. Das weitere Schicksal der Familie ist ungeklärt.

Kerber, der die Entwicklung seines Genossenschaftskollegen Elsbach verfolgt haben dürfte, übernahm das Geschäft, benannte es in Kaufhaus Karl Kerber um und stellte in Zeitungsanzeigen dann stets heraus, dass es sich um ein „Deutsches Geschäft“ handele – und nicht mehr um ein jüdischen Geschäft.

Kerber war auch Vorreiter bei der Nutzung der Plastiktüte. Eine grün-rote Tüte, eine Kerberschdutt, wird in vielen Familien heute noch gehütet. Im Schlussverkauf wurde das Haus von Kunden regelrecht gestürmt.

An der Fassade weist Galeria Kaufhof in der Rabanusstraße auf die bevorstehende komplette Schließung des Kaufhauses hin.

Legendär war auch die Milchbar. In ihr trafen sich vor allem junge Leute. Sie saßen – wie in Hollywood-Filmen – auf Barhockern um eine runde Theke und schlürften Milchshakes. Die Feinschmeckerabteilung im Untergeschoss führte Spezialitäten, die es in Fulda nirgendwo sonst gab.

Betriebsrat lobt Engagement der Mitarbeiter im Abverkauf

Karl Kerber hatte ein Gespür für seine Kunden. Er war regelmäßig, aber nicht immer vor Ort. Er ließ seinen Mitarbeiter in Fulda freie Hand. Sie durften selbst Ware ordern, was dazu führte, dass das Kaufhaus die Waren führte, die in Fulda gefragt waren – und nicht in einer Einkaufszentrale in Köln oder Essen.

Es gab Kindermodenschauen oder die Wahl zur „Hausfrau des Tages“. Schlagerstars wie Dorthe und Rex Gildo stießen ebenso auf ein begeistertes Interesse wie „Frau Antje“ aus Holland oder der „Sarotti-Mohr“, die Spezialitäten zum Probieren anboten. In der Spielwarenabteilung turnten einmal echten Schimpansen, ein anderes Mal fuhr eine gigantische Carrera-Rennbahn zwischen Kindern durch.

Karl Kerber

Kerber prägte das Haus mit Innovationsfreude und dem ehrlichen Interesse an Kunden und Mitarbeitern. Für sie gab es schon früh eine betriebliche Altersversorgung. Der besondere Kerber-Geist verflog etwas, als Kaufhof den Betrieb 1991 übernahm und 2004 auch nach außen aus dem Kerber-Kaufhaus ein Galeria-Kaufhof-Standort wurde.

Aber der besondere Zusammenhalt der Mitarbeiter ist geblieben. Den Abverkauf wickeln sie mit hoher Motivation und geringem Krankenstand ab. Der Betriebsrat lobt das Engagement der Mitarbeiter und die Fürsorge durch den letzten Filialgeschäftsführer: Michel Meijboom (44), seit 18 Jahren im Konzern und vorher in Leipzig und Hildesheim, ist seit Mai 2020 Chef in Fulda. Er teilt das Schicksal seiner Mitarbeiter. Auch er wird nach Ende Oktober arbeitslos.

Rubriklistenbild: © Sabrina Mehler

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