Eine Regenbogenfahne schmückt die Pfarrkirche Breitenfeld.
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Eine Regenbogenfahne schmückt die Pfarrkirche Breitenfeld. (Symbolbild)

„Nein zum Nein aus Rom“

Disput in der Kirche: Ist Segnung homosexueller Paare gegen Gottes Willen? Reaktionen von Pfarrern aus Fulda

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Kaum ein Thema hat in den vergangenen Tagen so sehr polarisiert wie das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare. Selbst die katholische Kirche ist in der Beurteilung tief gespalten, immer mehr Kritiker erheben ihre Stimme.

Fulda - Roma locuta, causa finita – Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt. So heißt es traditionell in der katholischen Kirche. Doch für das Verbot der römischen Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Partnerschaften gilt das offenkundig nicht. Die Entscheidung hat in Deutschlands katholischer Kirche einen Proteststurm entfacht. (Lesen Sie hier: Trotz Corona sind Gottesdienstbesuche zu Ostern erlaubt - Kirchen in Fulda erfreut)

So auch beim Klostervorsteher Korbinian Klinger OFM vom Franziskanerkloster Kreuzberg. Seine Antwort auf die Glaubenskongregation: das Hissen einer Regenbogenflagge vor dem Kloster. „24 Stunden habe ich hin und her überlegt, ob ich die Fahne aufziehen sollte“, sagt er. Am Sonntagnachmittag fand Korbinian Klinger in der Mülltonne einen Regenschirm mit Regenbogenfarben. „Das war dann für mich der ausschlaggebende Fingerzeig Gottes“, betont der Klostervorsteher. Beim Aufziehen der Flagge bekam er Applaus von Wanderern. „Sie wussten, das Zeichen der Regenbogenfahne zu deuten: Nein zum Nein aus Rom.“ (Lesen Sie hier: Lesbisches Paar heiratet trotz Abfuhr vom Bistum Fulda)

Disput in der Kirche: Segnen Pfarrer aus Fulda homosexuelle Paare?

Die Glaubenskongregation hatte klargestellt, dass es nicht erlaubt sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen, da solche Verbindungen „nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden“ könnten. Auf Deutsch: Selbst wenn der Papst wollte, dürfte er nicht.

„Es ist ein Machtwort“, sagt Martin Kirschner, Professor für Theologie, über die Glaubenskongregation. „Es ist der Versuch, den Raum der Kirche zu besitzen und zu bestimmen, auch um offene Kommunikationsprozesse zu unterbinden.“ Und dieser Versuch sei ins Gegenteil umgeschlagen. Roma locuta, causa finita? Von wegen!

Online posten immer mehr Priester, dass sie die Vorgaben aus Rom falsch finden, sich nicht daran halten, dass sie „ungehorsam“ sein wollen. Das Bistum Limburg hat zum Beispiel sein Facebook-Profilbild geändert. Der Limburger Dom wird nun von einem Kreis in Regenbogenfarben umschlossen. 

Es ist ein Proteststurm, den es in der katholischen Kirche so noch nicht gegeben hat. Immer mehr Bischöfe, Priester und Gläubige erheben das Wort gegen Rom und sagen Nein zum Nein. „Ich werde weiterhin alle Menschen segnen, die einen Segen erbitten, und das in einem würdigen Rahmen“, sagt Korbinian Klinger.

Erklärung aus Rom: Segnung homosexueller Paare ist verstößt gegen Wille Gottes

Andere wie Kardinal Rainer Maria Woelki verteidigen hingegen die Erklärung aus Rom. Der Erzbischof von Köln sieht „eine Stärkung des katholischen Ehe- und Familienverständnisses“. Einige Gläubige haben das Thema auch irrtümlich missverstanden, weil sie von der Segnung Homosexueller ausgegangen sind. Dem ist aber nicht so. Homosexuelle dürfen weiterhin gesegnet werden, die Partnerschaft zu einer gleichgeschlechtlichen Person allerdings nicht.

So oder so kann es aus Sicht der katholischen Kirche in dieser Form nicht weitergehen. Dies zeigt eine YouGov-Umfrage, die der Kirche einen massiven Verlust an Glaubwürdigkeit bescheinigt. Jeder Vierte der Befragten sagt, er denke aktuell über einen Kirchenaustritt nach. Der häufigste Grund für eine solche Überlegung ist allerdings der Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen (39 Prozent), gefolgt von den Moral- und Gesellschaftsvorstellungen (38 Prozent).

Der Bischof von Fulda, Dr. Michael Gerber, erklärt: „Als Kirche begegnen wir allen Personen mit Wertschätzung, Achtung und Respekt. Das gilt auch für homosexuelle Menschen.“ In Bezug auf die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ringe die Kirche allerdings weiterhin mit der Frage, in welchem Verhältnis diese zur Ehe stehen. Für die katholische Kirche habe das Sakrament der Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau seit jeher eine besondere Bedeutung. „Das ist auch der Hintergrund der aktuellen Antwort der Glaubenskongregation: Jede scheinbare Gleichsetzung von kirchlich-sakramentaler Trauung und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist zu vermeiden. Aber auch homosexuelle Menschen können gesegnet werden. Allerdings darf eine solche Handlung nicht mit dem Trau-Ritus oder Elementen daraus verwechselt werden.“

Erklärung aus Rom zu Segnung homosexueller Paare - Reaktionen aus Fulda gemischt

Der Fliedener Pfarrer Thomas Maleja macht seinen Standpunkt klar: „Kann ich einen Menschen segnen, der homosexuell ist? Ja. Kann ich eine homosexuelle Partnerschaft segnen? Nein.“ Als Pfarrer könne er jeden segnen: „Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes und wird von Gott geliebt, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Bei der naturgegebenen Ehe geht es auch aus christlicher Sicht unter anderem um den Zweck, Nachkommen zu zeugen. Das ist bei einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft innerhalb der Verbindung nicht gegeben. Daher segne ich nur sakramentale Ehen.“ Zudem betont er, dass die Klarstellung vom Vatikan für jeden, der im Namen der Kirche handelt, verbindlich ist.

Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buß hingegen macht deutlich: „Verlautbarungen aus Rom sind zunächst immer sehr kirchenrechtlich und zu wenig an der Wirklichkeit der Menschen orientiert. Man kann dann verstehen, dass viele Menschen sich einfach missverstanden fühlen. Es fehlen die Anklänge an die pastorale Situation bei uns. Die Nachricht will sicher keine Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren sein. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, dass allen Menschen die seelsorgliche Zuwendung gelten muss“, sagt er.

Die Angst in Rom sei sicher, es könne dann keine klare Unterscheidung zum Sakrament der Ehe mehr gegeben sein. „Ich glaube aber, dass dies für diejenigen, die um diesen Segen bitten, nicht im Vordergrund steht. Sie wollen einen Segen für ihr Leben, dass sie verantwortet vor Gott gehen. Segen heißt lateinisch Benedicere, und bedeutet wörtlich: Gutes sagen, Gutes wünschen. Und Menschen etwas Gutes für Ihr Leben zusagen, das ihnen Kraft gibt, muss für jeden Menschen gelten, egal welche Lebensform der- oder diejenige gewählt hat.“ Buß halte es wie Erzbischof Ludwig Schick: „Wir erbitten den Segen Gottes allen Familien und für alle, die andere Lebensformen gewählt haben.“

Ein Blick nach Nordhessen zeigt: Auch in Kassel gibt es Widerstand gegen den Vatikan*: Wie die „HNA“ berichtet, haben die Dekanatsleitung und einzelne Pfarrer der katholischen Kirche angekündigt, gleichgeschlechtlichen Paaren künftig den Segen zu erteilen. *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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