Ein eigenes Stück grünes Paradies haben sich viele Kleingärtner geschaffen – hier in der Kleingartenanlage Johannisau.
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Ein eigenes Stück grünes Paradies haben sich viele Kleingärtner geschaffen – hier in der Kleingartenanlage Johannisau.

Flucht ins Grün

Nachfrage explodiert: Kleingärten werden immer beliebter

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
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Es gab Zeiten, da wurden sie noch als Laubenpieper bespöttelt und mit Gartenzwergen in Verbindung gebracht. Doch dieses Image haben Kleingartenbesitzer hinter sich gelassen – spätestens in Corona-Zeiten, in denen es offenbar immer beliebter wird, ein eigenes Fleckchen Grün zu bewirtschaften – auch in Fulda.

  • Der Trend zum Kleingarten macht sich in Osthessen in den letzten Wochen stark bemerkbar.
  • Die Parzellen in allen acht Fuldaer Vereinen sind allesamt belegt.
  • Die Kleingärtner vermuten: Fehlende Urlaubsreisen in Zeiten von Corona könnten den Trend begünstigt haben.

Fulda/Hünfeld - Es ist ein Trend, der sich auch in der Region bemerkbar macht: In der Coronazeit hat das Stück Grün für viele Menschen eine ganz neue Bedeutung bekommen. Das gilt auch für die Schrebergärten. Die Nachfrage schnellt bei vielen Vereinen in die Höhe. Kleingärten seien bundesweit seit Beginn der Coronakrise besonders gefragt, heißt es beim Bundesverband der Kleingärtner. Es gebe mindestens eine Verdopplung der Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr, sagte der Verband der Nachrichtenagentur dpa. In Berlin, Hamburg oder München habe sich die Nachfrage teilweise sogar vervierfacht.

Auch die Fuldaer Vereine bekommen das zu spüren: „Diesen Boom kann ich bestätigen“, sagt Michael Schüßler vom Stadt- und Kreisverband Fulda der Kleingärtner: „Alle acht Vereine melden mir: ausverkauft.“ Die acht Kleingärtnervereine der Stadt sind im Verband organisiert. „Die Corona-Pandemie hat diesen Ansturm zu mindestens 90 Prozent ausgelöst“, betont Schüßler. „Die Menschen möchten raus, einStückchen Freiheit haben“, berichtet er. Noch immer bekomme er Anfragen. Doch die Vereine könnten den Bedarf nicht decken. Schüßler ist gleichzeitig Vorsitzender der Kleingartenanlage Langer Rain bei der Edelzeller Siedlung.

Waidesgrund und Aschenberg: Zahlreiche Anfragen ereilen Kleingärtner

So geht es auch Rudolf Schmidt, Vorsitzender in der Kleingartenanlage Am Sonnenhang am Aschenberg in Fulda. Er hat mehr Anfragen als sonst in den vergangenen Wochen gezählt. Doch er muss die Anrufer enttäuschen: „Unsere 60 Gärten sind das ganze Jahr über besetzt, wir haben keine freien Plätze“, berichtet er. Die Parzellen würden oft von Generation zu Generation weitergegeben. Seinen eigenen Garten bewirtschaftet er dort seit 27 Jahren.„Ich war Fernfahrer und habe die Ruhe gebraucht“, erinnert er sich. Das erhoffen sich seiner Ansicht nach auch viele Interessierte von einem eigenen Fleckchen Grün. Doch er stellt noch etwas anderes fest: „Die Menschen ziehen sich zurück und möchten sich selbst ernähren können“, sagt Schmidt.

Auch Rolf Kibler, Vorsitzender des Kleingartenvereins Waidesgrund, berichtet von zahlreichen Anfragen. Der Verein war vor einiger Zeit vom Schrebergartenweg in die Maberzeller Straße umgezogen, weil die Stadt in Bahnhofsnähe neuen Wohnraum schaffen möchte. Nur eine Handvoll Mitglieder zogen mit um an den neuen Standort. Im November vergangenen Jahres feierten sie dort Richtfest für das neue Vereinsheim.

Kleingärten: Vor sechs Wochen begann der Ansturm

Vor vier bis sechs Wochen begann ein Ansturm, wie Kibler berichtet:„Es kamen unheimlich viele Anfragen, inzwischen sind alle 23 Parzellen vergeben“, berichtet er. Doch noch immer riefen Interessierte an, die er dann vertrösten müsse. „Es kann schon sein, dass dieser Ansturm mit der Coronakrise zusammenhängt“, sagt Kibler. Einige Anfragende hätten ihm berichtet, dass sie in diesem Jahr erst einmal nicht in den Urlaub fahren und sich hier nun einen Garten für die Kinder und zur Erholung geschaffen hätten.

Ähnlich dem Schrebergarten steht auch der Saisongärten in den letzten Wochen hoch im Kurs.

Im Kleingartenverein Hünfelder Unsben stellt sich die Situation etwas anders dar, was aber auch an der Struktur des dortigen Vereins liegt: Üblicherweise verwaltet einemVerein eine Fläche, die er an seine Mitglieder verpachtet. In Hünfeld gibt es vier verschiedene Parteien, wie Vereinsvorsitzender Steffen Diegmüller erklärt: die Eigentümer, die auch im Grundbuch stehen, die Pächter dieser privaten Grundstücke sowie die Pächter vonFlächen der Stadt Hünfeld und der Stiftung Schustergut, die ebenfalls von der Stadt verwaltet wird. „Der Kleingartenverein hat sich Ende der 80er Jahre gegründet, um die verschiedenen Parteien zusammenzuführen“, berichtet Diegmüller. Er stellt auf einer Fläche auch Geräte und eine Kompostierungsanlage zur Verfügung.

Viele Menschen träumen von einer eigenen kleinen Oase im Schrebergarten.

Zurück in den Schrebergarten: Kleingärtner hoffen, dass der Trend anhält

Eine besondere Nachfrage nach den insgesamt 78 Kleingärten in der Coronakrise verzeichnet der Vorsitzende nicht:„Die 41 Grundstücke, die Stadt und Stiftung verpachten, sind alle voll. Ein einziger Garten ist derzeit ungenutzt, aber dieser gehört einer Erbengemeinschaft“, berichtet Diegmüller und ergänzt:„Seit Corona hat es nur einen Wechsel gegeben: Anfang Juni hat ein Eigentümer seinen Garten an jemanden verkauft, der bislang eine Fläche von der Stadt gepachtet hatte. Dessen Garten hat auch gleich einen Nachpächter gefunden.“

Hintergrund

Viele Kleingartenvereine in Hessen haben in den zurückliegenden Wochen einen enormen Zulauf von Interessenten verzeichnet. Das berichtete die Nachrichtenagentur dpa schon Anfang Mai. In Zeiten von Corona scheinen Schrebergärten demnach besonders gefragt zu sein – das öffentliche Leben ist über Monate beeinträchtigt, der Sommerurlaub fraglich. Die Nachfrage nach freien Gärten sei eine Reaktion auf die Einschränkungen, sagt Reinhold Six, Vorsitzender des Landesverbands der Kleingärtner.

Frankfurt bildet in Hessen die Hochburg der Kleingärtner. In der dicht besiedelten Stadt gibt es nach Angaben des Landesverbands 111 Vereine mit knapp 16 000 Mitgliedern. Hessenweit vertritt der Verband 313 Vereine mit etwa 35.000 Mitgliedern. Hinzu kommen Gärten, die über die Städte und Kommunen verpachtet werden.

Im Stadt- und Kreisverband Fulda der Kleingärtner, der 1964 gegründet wurde, sind acht Kleingärtnervereine organisiert, die etwa 720 Mitglieder haben.

Michael Schüßler vom Stadt- und Kreisverband Fulda der Kleingärtner hofft, dass das Zurückbesinnen auf einen Kleingarten keine Mode ist, sondern ein Trend, der anhält. „Ein Garten ist schließlich auch mit Arbeit verbunden“, sagt er und verweist auf Gemeinschaftstätigkeiten, die in jedem Verein anfallen. Wer keine Parzelle ergattern konnte, der kann sich auf eine Warteliste setzen lassen, wie er erklärt. „Wer wirklich Interesse an einem Kleingarten hat, der hat es auch noch in einem halben Jahr.“

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