Hilmar Dörge, Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie, (links) und Volker Schächinger, Direktor der Medizinischen Klinik I, haben Fritz Kramer (Mitte) behandelt.
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Hilmar Dörge, Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie, (links) und Volker Schächinger, Direktor der Medizinischen Klinik I, haben Fritz Kramer (Mitte) behandelt.

Vorreiter in Deutschland

Klinikum Fulda wendet Spezial-Kniff bei Herz-OP an: Patient Fritz Kramer berichtet

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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Normalerweise muss bei einer Bypass-Operation der Brustkorb durchtrennt und aufgespreizt werden, um so an das Herz zu kommen. Am Klinikum Fulda gibt es allerdings eine neue Methode, bei der das nicht nötig ist. Der frühere Fuldaer Landrat Fritz Kramer war einer der ersten Patienten.

Fulda - Als Professor Dr. Hilmar Dörge vom Klinikum Fulda im Juni 2019 einen Vortrag über eine neue minimal-invasive Bypass-Operation hörte, hätte er wahrscheinlich nicht gedacht, dass er diese Methode bereits fünf Monate später am 15. November 2019 erstmals selbst anwenden würde. Und zwar als einziger in ganz Deutschland.

Die Idee, die der Kiewer Mediziner Oleksandr Babliak bei dem Vortrag damals vorstellte, klingt zunächst simpel: Der Operateur gelangt mit einem Schnitt zwischen der vierten und fünften Rippe an das Herz. Mithilfe von Teflon-Bändern wird der Muskel innerhalb des Herzbeutels gedreht, um so an die Stelle zu gelangen, wo der Bypass gelegt werden soll. Das hat einen Vorteil: Es muss nicht wie bei einer konventionellen Bypass-Operation der gesamte Brustkorb geöffnet werden. Der Patient ist schneller wieder mobil.

Fulda: Klinikum wendet Spezial-Kniff bei Herz-OP an - Vorreiter in Deutschland

„Wenn der Brustkorb geöffnet wird, sollen Patienten drei Monate lang die Arme nicht über den Kopf nehmen. Auch psychologisch ist es besser, wenn das nicht nötig ist. In zehn Jahren wird sich die minimal-invasive Methode in dem Bereich durchsetzen“, ist Dörge überzeugt. So lange werde es aber wahrscheinlich noch dauern, denn für Chirurgen sei es körperlich anstrengender. „Die OPs dauern länger. Eine normale Bypass-Operation dauert drei bis dreieinhalb Stunden. Bei der minimal-invasiven Methode brauchen wir bislang noch fünf bis fünfeinhalb Stunden“, sagt Dörge. Und mit „wir“ meint er sein Team und Oberarzt Dr. Christian Sellin, der diese Eingriffe inzwischen ebenfalls beherrscht.

Insgesamt wurden seit dem 15. November 2019 am Klinikum Fulda, das laut dem F.A.Z.-Institut zu den besten Krankenhäusern Deutschlands zählt, mehr als 80 Patienten, die an einer Verengung der Herzkranzgefäße leiden, auf diese Art operiert. Patient Nr. 26 war der frühere Landrat Fritz Kramer. Bei einer Pressekonferenz schildert der 83-Jährige, wie es zu dem Eingriff kam: „Ich habe bemerkt, dass ich beim Fahrrad fahren und Treppen steigen Probleme hatte.“ Auch Herz-Rhythmusstörungen seien aufgetreten, wie Professor Dr. Volker Schächinger, ergänzt. Er hatte Kramer damals untersucht und geprüft, ob es möglich ist, eine Bypass-Operation zu umgehen, indem bloß ein Stent gesetzt wird. „Stents werden über eine Arterie zu der Engstelle eingeführt und dehnen diese auf. Ein Bypass ist im Grunde eine Umleitung“, erklärt Schächinger. Wenn ein Stent möglich sei, sei das in den meisten Fällen sinnvoller und einfacher als eine Bypass-Operation.

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Bei Kramer war das jedoch nicht möglich. Bei ihm waren mehrere Herzkranzgefäße verengt. „Man hat Angst. Herr Professor Dörge schaffte es aber, mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich mich sicher fühlen kann“, erinnert sich Kramer. Am Rosenmontag 2020 wurde der 83-Jährige dann operiert. Alles verlief gut. Bereist nach knapp einer Woche konnte er entlassen werden. „Ich hatte danach keine Schmerzen. Und auch die OP-Wunde ist kaum noch sichtbar.“

Dass Kramer keine Schmerzen gehabt habe, spreche für eine gute Schmerztherapie, erläutert Dörge und betont, dass diese Operationsmethode nicht schmerzfrei sei: „Es ist eine richtige Herz-OP“, sagt Dörge. Das Herz selbst schlage während des Eingriffs nicht, der Patient werde währenddessen mithilfe einer Herz-Lungen-Maschine versorgt. Generell sei ein solcher Eingriff nicht bei jedem möglich. Wie Dörge erklärt, fallen beispielsweise Akutpatienten raus, sowie Menschen, bei denen die Hauptschlagader zu sehr verkalkt ist beziehungsweise bei denen die Engstellen ungünstig liegen.

Ganz ohne Komplikationen seien die 80 bisherigen Operationen nicht abgelaufen: „Es ist aber vergleichbar mit dem, was auch bei einer konventionellen Bypass-Operation zu erwarten ist.“ In fünf Fällen, bei denen der minimal-invasive Eingriff geplant war, habe Dörge während der Operation dann doch den Brustkorb öffnen müssen. Diese Möglichkeit hat er sich auch bei Fritz Kramer vorbehalten. „Ich bin froh, dass das nicht nötig war und dankbar, dass man mir möglicherweise das Leben gerettet hat“, sagt Kramer.

Spezial-Kniff bei Bypass-OP: Ex-Landrat Fritz Kramer berichtet

Der frühere Landrat Fritz Kramer (83) war einer der ersten Patienten, die eine solche minimal-invasive Bypass-Operation erhalten haben. Mit unserer Zeitung hat er im Kurzinterview über die OP-Methode gesprochen.

Herr Kramer, wie kam es, dass diese neue Methode bei Ihnen angewendet wurde?
Ich hatte über einige Monate Schwierigkeiten und deshalb Anlass, zum Kardiologen zu gehen. Nachdem klar war, dass ein Stent nicht ausreicht und eine Operation erforderlich ist, hat mir Professor Dörge seine neue Methode erklärt.
Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Bei diesem Eingriff kann auf die Öffnung des Brustbeins verzichtet werden. Ein kleiner Schnitt reicht aus, um einen oder mehrere Bypässe zu legen. Dass ich mich dafür entschieden habe, ist auch auf die Überzeugungskraft von Professor Dörge zurückzuführen, der mit großer Sicherheit erklärt hat, dass diese Methode bei mir angewandt werden könne. Angesichts der zu erwartenden Erleichterungen war es für mich klar, mich dafür zu entscheiden. 
Hatten Sie Angst vor dem Eingriff?
Ich hatte mehr Angst davor, dass die alte Methode nötig sein könnte. Professor Dörge behielt sich vor, das Brustbein zu öffnen, falls sich bei der Operation herausstellt, dass der minimal-invasive Eingriff nicht möglich ist. Zum Glück war er das. So sind mir nach der Operation Beschwerden erspart geblieben. Ich weiß von Freunden und Bekannten, dass sie nach der herkömmlichen Methode anhaltende Schmerzen hatten und auch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren. Der Brustkorb muss ja wieder zusammenwachsen.
Wie ging es Ihnen nach der Operation?
Ich hatte keine Schmerzen nach der OP, wobei ich auch sicher Schmerzmittel verabreicht bekommen hatte. Letztlich konnte ich aber schon nach knapp einer Woche das Krankenhaus wieder verlassen. Diese frühe Entlassung hat mich sehr überrascht. Aber ich fühlte mich stark genug, um dem zuzustimmen. Relativ rasch habe ich auch begonnen, wieder Sport zu treiben.
Die Operation war vor über einem Jahr, am Rosenmontag 2020. Sind Sie inzwischen wieder so fit wie vor der Operation?
Mit gewissen Einschränkungen, ja. Der Körper hat es gut angenommen.

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