Auf den Straßen im Landkreis Fulda und im Main-Kinzig-Kreis fühlen Radfahrer sich oft nicht sicher, zeigt der ADFC-Fahrradklima-Test 2020.
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Auf den Straßen im Landkreis Fulda und im Main-Kinzig-Kreis fühlen Radfahrer sich oft nicht sicher, zeigt der ADFC-Fahrradklima-Test 2020.

Radfahrer unzufrieden

ADFC-Fahrradklima-Test: Schlechte Noten für Fulda und Künzell - So reagieren Kommunen und Parteien

  • Sabine Kohl
    vonSabine Kohl
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Schlechte Noten für Fulda und Künzell: Radfahrer haben im aktuellen Fahrradklima-Test 2020 des ADFC Fulda mit der Schulnote 4,25 beurteilt, Künzell erhielt sogar nur eine 4,57 - und landet damit hessenweit auf dem letzten Platz. Kommunen und Parteien reagieren auf das ernüchternde Ergebnis.

Update vom 19. März, 11.49 Uhr: Eine „schallende Ohrfeige“ für die Verkehrspolitik der Stadt Fulda sei das Ergebnis des Fahr-radklima-Tests 2020, schreibt der SPD-Stadtverband Fulda in einer Pressemitteilung. „Das Abrutschen auf den vorletzten Platz vergleichbarer hessischer Städte sollte dem Magistrat endlich zu denken geben“, heißt es weiter.

Die Umsetzung radverkehrspolitischer Konzepte erfolge nur zaghaft, die vom Land Hessen geförderten Investitionen seien für wenige Luxusprojekte eingesetzt worden, kritisiert Hans-Joachim Tritschler, Co-Vorsitzender des SPD-Stadverbands. Für den allgemeinen Radwegebau seien im Haushalt 2021 ursprünglich keine Mittel vorgesehen gewesen.

Fahrradklime-Test: Fulda rutscht ab - SPD: „Schallende Ohrfeiege“

„Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Legislaturperiode sein, die Prioritäten der Verkehrspolitik zu verschieben. Die Sicherheit und Attraktivität des Radfahrens muss entscheidend verbessert werden“, fordert Tritschler.

Erstmeldung vom 18. März: Fulda/Künzell - „Wir müssen versuchen, mehr Menschen zum Rad als Verkehrsmittel zu bewegen und damit dienen die Kritikpunkte als gute Orientierung“, sagt der Bürgermeister von Künzell, Timo Zentgraf (parteilos), auf Nachfrage. Allerdings glaubt er auch, dass eine spürbare Veränderung der Radverkehrssituation in Künzell Zeit braucht.

„Es muss allen klar sein, dass ein gutes Ergebnis für Radfahrer in unserer hügeligen Landschaft mit schmaleren Straßen und der Ausrichtung auf Pkw trotz E-Bikes frühestens in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zu erzielen ist“, sagt Künzells gerade wiedergewählter Bürgermeister Timo Zentgraf.

ADFC-Fahrradklima-Test 2020: Künzell und Fulda bekommen schlechte Noten

Zentgraf sieht in dem schlechten Ergebnis Künzells auch einen Vorteil: „Wir können uns in den nächsten Jahren eher verbessern. Wir sind in Künzell durch unser neues Radverkehrskonzept auf einem guten Weg, haben in den vergangenen vier Wochen fünf Förderanträge gestellt und werden Stück für Stück vorankommen.“

Im ADFC-Fahrradklima-Test 2020 hatten für Künzell 59 Personen abgestimmt. Damit war die Gemeinde erstmals in die Wertung der alle zwei Jahre stattfindenden Umfrage gekommen, die zwar nicht repräsentativ ist, aber als gutes Stimmungsbarometer gilt. Unter den Städten und Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern landete Künzell in ganz Hessen auf dem letzten Platz, deutschlandweit auf Rang 409 von 418.

Künzells Bürgermeister Timo Zentgraf: Verbesserungen brauchen mindestens fünf Jahre

Zum Ergebnis des Fahrradklima-Tests in Künzell äußert sich auch Bernd Eckart, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Künzell: „Platz 409 unter 418 Kommunen ist mehr als peinlich, aber durchaus berechtigt. Bis vor Kurzem spielte in der kommunalen Praxis in Künzell Fahrradverkehr keine Rolle“, sagt er in einer Pressemitteilung.

Erst auf Antrag der Grünen sei ein Radverkehrskonzept in Anlehnung an jenes des Landkreises Fulda erarbeitet worden. Nun zeige sich auch bei den anderen Fraktionen der Gemeindevertretung sowie bei Bürgermeister Zentgraf Bereitschaft, sich des Themas stärker anzunehmen, so Eckart. Für die Grünen werde das Thema Radverkehr ein zentrales bleiben.

Für die Stadt Fulda, Vorletzter im Ranking, äußert sich Stadtbaurat Daniel Schreiner (parteilos): „Natürlich hält sich die Begeisterung in Grenzen, dass wir trotz unserer Anstrengungen eine nahezu identische Platzierung wie 2018 erhalten haben. Allerdings zeigt der tiefere Blick in die Befragungsergebnisse, dass die Voten sehr unterschiedlich ausfallen.“

So seien etwa Themen deutlich positiver bewertet worden, die durch Maßnahmen der Stadt verbessert worden seien. Darunter falle etwa die Anbindung ans Zentrum, die Radwegweisung sowie die konsequente Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung.

Stadtbaurat Daniel Schreiner: Radfahrer bewerten viele Maßnahmen der Stadt positiv

Schlechtere Noten habe es laut Schreiner dafür beispielsweise für das Verkehrsverhalten der Fuldaer gegeben. „Da haben offenbar viele der 406 Bewertenden in den vergangenen zwei Jahren schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt der Stadtbaurat. Die Stadt verstehe die Bewertung als Ansporn, die begonnen Schritte weiter zu gehen. So etwa die Umsetzung des kürzlich beschlossenen Radwegekonzepts in den kommenden Jahren.

„Es wird weiterhin vieler Diskussionen zu Einzelmaßnahmen bedürfen, wie etwa die Mehrheit der Stadtverordneten die Verkehrsräume gerade in der Innenstadt aufgeteilt sehen möchte“, erklärt Schreiner. Er hoffe aber, dass viele Einzelmaßnahmen künftig als gute Beiträge zum Radverkehr verstanden werden. (Lesen Sie hier: Konzept für Fahrradverkehr in Fulda wird geprüft: Weniger Platz für Autos und Tempo 30?)

Wolf-Ulrich Schlösser, Vorsitzender des ADFC Fulda wünscht sich einen Radverkehrsbeauftragten für die Region Fulda. „So würden wir dem Ziel ein Stück näher kommen, dass die geltenden Regeln auch im Straßenverkehr anerkannt werden.“

Schlösser sieht in Fulda allerdings nicht nur Schlechtes: „Viele Wege in den Fulda-Auen sind sehr gut ausgebaut, das ist sehr schön für ein Radgebiet.“ Dem gegenüber stünden aber die oft fehlenden Radwege in der Innenstadt, so Schlösser. „Hier sollte man die Verteilung in Frage stellen.“

Video: Sicherheit im Straßenverkehr - Fünf Tipps für Radfahrer

Auch der ADFC Main-Kinzig äußert sich zu den Ergebnissen des Fahrradklima-Tests. Im Main-Kinzig-Kreis sind etwa die Städte Bad Soden-Salmünster (3,98), Gelnhausen (4,28), Wächtersbach (3,82) und Hanau (3,98) bewertet worden. Pressesprecher Jörg Brauns und Vorsitzender Ulrich Klee bemängeln beispielsweise den Flickenteppich an Zuständigkeiten beim Radwegeausbau.

„Diese teilen sich Hessen Mobil, Hessen Forst, Landkreise, Städte und Kommunen. Kein Wunder, dass dann ein Flickenteppich entsteht“, sagen Brauns und Klee. Radwege seien in den vergangenen Jahren bereits ausgebaut worden, das Radwegenetz müsse aber noch besser werden, sind sie sich einig.

„Die Radwege sollten mindestens 2,30 Meter, besser vier Meter breit sein - auch mit Blick auf Pendler und Schüler.“ Breitere Radwege würden auch das Sicherheitsgefühl erhöhen. Denn Brauns und Klee beobachten, dass sich vor allem Gelegenheitsradler im Straßenverkehr nicht sicher fühlen und lieber auf Gehwege ausweichen - die den Fußgängern vorbehalten sind.

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