Kühe laufen auf einem Weg.
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Für viele Landwirte in der Region sind Milchkühe ihr Hauptgeschäft.

31,5 Cent für Liter Milch

„Wir sind Knechte auf dem eigenen Hof“: Landwirt aus der Rhön ärgert sich über niedrige Milchpreise

  • Sarah Malkmus
    VonSarah Malkmus
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Es ist nicht allzu lange her, dass Landwirte in Deutschland ob der niedrigen Milchpreise bei stetig steigenden Kosten demonstriert haben. Auch die Landwirte im Kreis Fulda ärgern sich über den Milchpreis, da gleichzeitig die Kosten immer weiter steigen.

Kreis Fulda - Der 30-jährige Benedikt Reinhardt aus dem Landkreis Fulda hat seinen Hof in Eckweisbach. Neben 200 Legehennen im Freiland hält er 80 Milchkühe. Diese machen sein Hauptgeschäft aus. Seit zwei Jahren, so berichtet er, stagniere der Milchpreis auf niedrigem Niveau. Zwar habe der Milchpreis in der Region im vergangenen Jahr über dem Bundesdurchschnitt gelegen, eine gerechte Entlohnung stelle er dennoch nicht dar.

„Wir sind sehr schlecht bezahlte, aber hochqualifizierte Fachkräfte“, macht der 30-Jährige seinem Unmut Luft. Er wird konkreter: „Wir sind Knechte auf unserem eigenen Hof.“ Dass er sich vor zehn Jahren dazu entschieden habe, ins Milchgeschäft zu investieren, sei aus heutiger Sicht „einer der größten Fehler“ gewesen. (Lesen Sie hier: Ilonka schafft Rekordmarke: 100.000-Liter-Kuh auf dem Bilandshof bei Neuhof ausgezeichnet)

Fulda: Niedriger Milchpreis lässt Bauern in der Region verzweifeln

Der Grundpreis für den Liter Milch liege derzeit bei etwa 31,5 Cent. Berechne er darauf aufbauend einen Stundenlohn, liege er weit unter dem Mindestlohn. Um bei einem Stundenlohn von knapp unter 20 Euro zu landen und damit „für unser Wissen vernünftig entlohnt zu werden“, müsste der Milchpreis mindestens 45 Cent betragen, rechnet er vor.

Den Grund für das niedrige Niveau des Preises sieht der Eckweisbacher mitunter in der Politik. „Wir produzieren nach hohen gesetzlichen Standards, aber der Landwirt ist das letzte Glied in der Kette und bekommt, was übrig bleibt.“

Video: Tag der Milch - Streaming-Marathon vom Milchhof

Zum niedrigen Milchpreis käme noch ein weiterer Punkt hinzu, sagt Reinhardt: die massive Preissteigerung in allen Bereichen – etwa bei Futtermitteln und Maschinen. „Jeder Maschinenhersteller hebt die Preise jährlich um zwei bis fünf Prozent an, während der Milchpreis gleich bleibt.“

Letztgenannten Aspekt führt auch Sebastian Schramm, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Fulda-Hünfeld, an. Zwar sei der Milchpreis in den vergangenen Jahren relativ fix – mit Ausschlägen nach unten sowie nach oben –, jedoch seien die Betriebskosten enorm gestiegen. Dementsprechend nehme auch er eine Unzufriedenheit bei den Landwirten wahr.

Molkerei Hochwald gibt Unternehmenszahlen für 2020 bekannt

Hochwald Foods hat 2020 einen Umsatz von 1,65 Milliarden Euro erzielt. Im von der Pandemie geprägten Krisenjahr profitierte das Unternehmen laut Mitteilung von gestiegenem Absatz von Milchprodukten im Einzelhandel.

„Die schnelle weltweite Ausbreitung der Corona-Pandemie ließ die Preise für Milchprodukte zu Beginn stark einbrechen. Es folgte eine rasche Erholung. Jedoch wurde das Vorniveau nicht wieder erreicht“, berichtet Hochwald, zu der die Molkerei in Hünfeld gehört. In Deutschland sei der Pro-Kopf-Verbrauch von Milchprodukten im „Corona-Jahr“ 2020 gestiegen. Dies gelte für Butter, Käse und Frischmilcherzeugnisse. Die Erzeugerpreise hierzulande seien hingegen im dritten Jahr in Folge gesunken. An die Lieferanten der Muttergenossenschaft sei 2020 ein überdurchschnittlicher Milchpreis von 34,1 Cent je Kilogramm ausgezahlt worden.

Nachdem die Wirtschaft gerade in Asien wieder angezogen habe, seien die Notierungen der Eckprodukte – wie Magermilchpulver, Butter und Molke – im Frühjahr 2021 deutlich gestiegen. „Bei Hochwald wirken sich die steigenden Preise erst verzögert aus, unterschiedliche Kontraktlaufzeiten und ein geringer Anteil von Pulver und Butter sind ursächlich. Für 2021 gehen wir davon aus, dass wir unser Ziel, überdurchschnittlich auszuzahlen, erreichen“, prognostiziert Geschäftsführer Detlef Latka. Angesichts deutlich gestiegener Kosten auf den Milchviehbetrieben seien steigende Preise dringend notwendig. Ausgehend von der Umsatzentwicklung der ersten Monate des Geschäftsjahres geht Hochwald für 2021 von einem Jahresumsatz und einem Konzernjahresüberschuss über dem Niveau des Vorjahres aus.

Für 2020 meldet Hochwald Investitionen in Höhe von 204,9 Millionen Euro. Der Neubau des Molkereistandortes in Mechernich sei laut Latka das größte Investitionsprojekt in der Unternehmensgeschichte. Das Eigenkapital des Konzerns habe sich im Vergleich zum Vorjahr um 12,8 Millionen auf 236,7 Millionen Euro erhöht. Die Eigenkapitalquote liege bei 31 Prozent. (au)

Um sich ein stückweit von diesem System zu lösen, strebe Reinhardt eine Veränderung an. Für die Zukunft plane er, auf eine ökologische Landwirtschaft umzustellen. Es könne nicht sein, dass die drei wichtigen Faktoren in der Landwirtschaft – Tiere, Boden und Arbeitskraft – am Maximum der Belastung arbeiteten. Durch die Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft würde die Wertschätzung für die produzierten Lebensmittel steigen, zudem sei es „ein anderes Wirtschaften“, der Milchpreis liege dann bei etwa 50 Cent.

Eigentlich, so Reinhardt, hätten die Landwirte die Situation selbst in der Hand. „Aber es ist noch nicht von allen gewollt. Es wird lieber geklagt, als etwas geändert.“ Den Grund, weshalb so mancher Landwirt nichts ändert, glaubt der 30-Jährige zu kennen: „Wir arbeiten täglich mit maximaler Belastung, manchen fehlt da die Freiheit, Dinge zu hinterfragen.“

Die Preise für konventionell und ökologisch/biologisch erzeugte Kuhmilch.

Die Kostenflut, die monatlich auf die Landwirte einströme, könne zudem lediglich über die Menge an Produkten, die verkauft werden, gedeckt werden. Ein Teufelskreis, sagt der Eckweisbacher.

In der Verantwortung sieht Reinhardt dabei auch den Verbraucher. „Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Lebensmittel“, sagt er und bezieht sich dabei nicht nur auf die Milch. Er regt zum Denken an: 99-Cent-Fleisch auf einem 1000 Euro-Grill – das sei für ihn unverständlich. „Wenn der Verbraucher billige landwirtschaftliche Erzeugnisse kauft, dann unterstützt er dieses System.“ (Lesen Sie auch: Wetter in Hessen: Ergiebiger Regen freut Landwirte - Grundwasserstände erholen sich aber kaum)

Hessen: Landwirte aus der Rhön sehen sich als „letztes und schwächstes Glied in der Kette“

Frank Hohmann aus Batten bewirtschaftet ebenfalls einen Milchviehbetrieb. Es handelt sich dabei um seinen Haupteinkommenszweig. „Der Milchpreis ist nicht kostendeckend“, klagt der 29-Jährige, obwohl er seine Milch nach Bayern liefere. Dort zahle man ihm zwar einen höheren Literpreis, dennoch sei das nicht ausreichend. Er ist derselben Meinung wie Reinhardt: „Wir brauchen deutlich mehr als 40 Cent.“

Benedikt Reinhardt ärgert sich über die niedrigen Milchpreise.

Ob der Situation sei er besorgt: „Alles kann teurer werden, nur der Milchpreis nicht.“ Er sieht sich und andere Landwirte als das letzte und schwächste Glied der Kette. „Es bleibt einfach nichts für den, der das Produkt produziert.“

Landwirte in der Region: Neben „finanziellem Spagat“ sind Urlaub und Hobbys kaum gegeben

Besorgt sei er auch, weil er wisse, was von der Situation abhänge. „Ich muss meine Familie ernähren.“ Es handele sich um einen „finanziellen Spagat“, persönliche Belange – Urlaub und Hobbys – spielten für ihn schon lange kaum mehr eine Rolle. Er spricht außerdem die psychische Belastung der Landwirte an, die gerade in den vergangenen Jahren enorm zugenommen habe. Und auch die gesundheitliche Leistung der Tiere in diesem System sei bedenklich.

Wie die Zukunft für ihn aussieht, das wisse der Battener noch nicht. Die Milchviehhaltung aufgeben wolle er nicht, aber er ist sicher: „Es muss sich etwas ändern.“

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