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Lehrermangel und zu viele Quereinsteiger? Verbandsvertreter widersprechen Aussagen des Schulamts

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Von: Suria Reiche

Bundesweit gibt es einen Lehrermangel – nur in Fulda nicht? Einige Lehrer-Vertreter widersprechen nun öffentlich den Äußerungen des Staatlichen Schulamts. Sie sehen vielfältige Probleme an den Schulen. 

Fulda - Lehrkräftemangel und sogar Unterrichtsausfall – die Zustände, die derzeit an den Schulen landauf, landab herrschen, sind besorgniserregend. Das Staatliche Schulamt für den Landkreis Fulda beteuert jedoch: Auf Fulda trifft das nicht zu. Beim Start ins neue Schuljahr Anfang letzten Monats betonte Schulamtsleiterin Marion VanCuylenburg, dass die Zahl der Lehrer im Landkreis im Vergleich zum Vorjahr sogar gestiegen sei und dass die Grundunterrichtsversorgung somit anders als in anderen hessischen Landkreisen gegeben sei.

Der stellvertretende Schulamtsleiter Harald Persch schrieb das auch der Attraktivität der Barockstadt zu: „Viele kehren nach ihrem Studium in einer anderen Stadt wieder zurück nach Fulda.“ Der hessische Philologenverband sieht das anders: „Die Aussagen überraschen angesichts eines weitgehend leergefegten Lehrkräftemarkts“, sagt dessen Vorsitzender Reinhard Schwab.

Fulda: Lehrermangel an Schulen - Verband widerspricht Aussage des Schulamts

Laut ihm sei es in diesen Tagen „eine leidvolle, gängige Erfahrung von Schulleitern, dass sie auf der Suche nach geeignetem Personal nur selten fündig werden.“ Um dem Lehrkräftemangel zu begegnen und den Unterricht zu gewährleisten, würden oft Quereinsteiger eingestellt, also Personen aus anderen Berufsbereichen ohne pädagogische Ausbildung. (Lesen Sie hier: 177 Oberstufenschüler von Marianum und Marienschule fragen nach dem richtigen Entscheiden)

Das bestätigt auch Cornelia Barby, Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Schule beim Staatlichen Schulamt Fulda. Ein Mangel an Personen, die Unterricht geben, existiert also nicht. Aber: Die Stellen an den Schulen im Landkreis werden nicht selten mit Quereinsteigern besetzt. Hier ist also eher die Frage, mit welchen Qualifikationen Personen in Schulen arbeiten, so Barby. Die Ausbildung, die viele der momentan eingestellten Lehrkräfte genossen oder eben nicht genossen haben, stößt manchen sauer auf. „Die personelle Situation in vielen Schulen reicht oft gerade nur zum alltäglichen Durchhalten“, sagt etwa Schwab.

Konsequenzen der verschärften Personallage seien, dass Lerngruppen durch Zusammenlegung größer und damit die individuellen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler eingeschränkt würden. Weiterhin müssten Fördermaßnahmen, also die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler, beschnitten werden, was wiederum zulasten der durch die Pandemie schon geschwächten Lernleistungen gehe. „Auf Dauer werden wir das mit sinkendem Lernniveau bitter bezahlen“, sagt Schwab, der mit einem Lehrauftrag am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und an der Ulstertalschule in Hilders unterrichtet.

Laut Barby bestehe der größte Lehrkräftemangel zurzeit bei den Grundschulen. Hier hätten die Lehrkräfte die höchste Unterrichtsverpflichtung, die geringste Besoldung und vielfältige alltägliche Herausforderungen. „Es kommt durchaus vor, dass beispielsweise an kleineren Grundschulen die Hälfte des Kollegiums aus Studenten und Studentinnen, Lehrkräften mit erstem Staatsexamen, nicht pädagogischem Personal oder fachfremden Lehrkräften aus anderen Schulformen besteht“, sagt Barby. Allerdings zeichne sich ab, dass es auch im Haupt- und Realschulbereich schwieriger wird, bestimmte Fachbedarfe abzudecken. Die Fächer Englisch, Chemie und Kunst seien hier zum Beispiel zu nennen.

Jörg Demuth, Schulleiter der Richard-Müller-Schule, nennt noch eine andere Sparte, in der es laut ihm mehr Lehrer geben müsste: „Eine besondere Herausforderung ist die Beschulung der weiterhin eintreffenden Flüchtlinge, da hier kontinuierlich nachgesteuert werden muss.“ Dies geschehe in Absprache mit dem Schulamt durch weitere Besetzung von Stellen sowie die Unterstützung der anderen Beruflichen Schulen im Schulamtsbezirk.

Gewerkschaften warnen: Demografische Entwicklung und Pensionierungswelle fördert Lehrermangel

Das spricht auch Cornelia Barby an: „Neben vielen zusätzlichen Aufgaben müssen sich die Schulleitungen auch um weiteres Personal bemühen. Vor allem für die Beschulung in den Intensivklassen, also für Klassen, in denen Geflüchtete Deutsch lernen, werden im Moment händeringend Lehrkräfte gesucht.“ Dies sei aber sicher ein situatives Problem. „Für diesen Bereich werden eher befristete Verträge abgeschlossen. Das Unterrichten in den Intensivklassen ist eine sehr anspruchsvolle und herausfordernde Tätigkeit und damit ist eine solche Stelle nicht unbedingt attraktiv“, so Barby.

Eine Lehrerin schreibt an eine Schultafel im Mathematikunterricht einer achten Klasse an einer Integrierten Gesamtschule. Foto: Julian Stratenschulte
Eine Lehrerin schreibt an eine Schultafel im Mathematikunterricht einer achten Klasse an einer Integrierten Gesamtschule. © Julian Stratenschulte

„Seit Jahren warnen Gewerkschaften wie die GEW sowie Lehrerverbände aufgrund der demografischen Entwicklungen und der Pensionierungswelle vor dem Lehrkräftemangel. Die politisch Verantwortlichen haben bisher darauf nicht gehört“, bemängelt sie. Auch dass die Arbeitsbedingungen in den Schulen angespannt seien, sei ein Problem. „Die Krisen der letzten beiden Jahre haben die Mängel noch sichtbarer gemacht und die Lehrkräfte weit über ihre Belastungsgrenzen hinaus in Anspruch genommen.“

Leidtragende dieser Mangelwirtschaft seien die Kinder und die engagierten Lehrkräfte, denn ihr hohes Engagement wirke sich häufig negativ auf die Gesundheit aus. „Nicht wenige Grundschullehrkräfte arbeiten in Teilzeit, um ihr Arbeitspensum schaffen zu können und verzichten damit auf monatliches Gehalt und auch auf eine entsprechende Altersversorgung“, so Barby.

Zusammengefasst würden also deutlich mehr personelle Ressourcen im System Schule und eine Bezahlung der Grundschullehrkräfte nach A13 benötigt, um eine Abwanderung in andere Bundesländer zu verhindern. Zudem brauche es mehr Wertschätzung für den Beruf des Lehrers und keine „realitätsfernen Werbevideos im Kino“.

Der Berufsstand brauche laut Barby Verbesserungen der Arbeitsbedingungen: „weniger Pflichtstunden, kleinere Klassen, mehr Fachkräfte für nicht pädagogische Aufgaben in der Verwaltung und im IT-Bereich, multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Erzieher und Erzieherinnen sowie feste Zeiten für Absprachen untereinander.“

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