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Mehr Magersucht seit Corona - Experten sehen zweiten beunruhigenden Trend

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Von: Alina Komorek

Magersucht
An Magersucht erkranken vor allem Mädchen in der Pubertät - seit Corona sind aber auch immer mehr Jüngere betroffen. © Daniel Karmann/dpa

An Magersucht erkranken vor allem Mädchen in der Pubertät. Während der Corona-Krise ist die Zahl der Fälle gestiegen. Und Fachleute sehen noch einen weiteren besorgniserregenden Trend.

Nürnberg/Fulda - Zehn Kilogramm hat Lea in den vergangenen Monaten zugenommen. Ein täglicher Kampf – auch emotional. Noch immer ist die 16-Jährige dünn. Doch wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie etwas ganz anderes. „Weil man ein gestörtes Wahrnehmungsbild hat, hält man sich für doppelt so breit“, erzählt sie.

20 Kilogramm hatte Lea am Ende abgenommen, als sie auf die psychosomatische Station für Kinder und Jugendliche am Klinikum in Nürnberg kam. Diese hat seit Beginn der Corona-Krise zunehmend mit magersüchtigen Patientinnen wie Lea zu tun. „Es sind eineinhalb bis zweimal so viele wie vor der Pandemie“, sagt Chefarzt Patrick Nonell. (Lesen Sie hier: Krankschreibungen wegen psychischer Leiden erreichen neuen Höchststand in Hessen)

Eine ähnliche Entwicklung sieht der Bundesfachverband Essstörungen überall im Land. „Dadurch, dass die Zahlen so zugenommen haben, fehlen Therapieplätze“, sagt der Verbandsvorsitzende Andreas Schnebel, der auch die Beratungsstelle Anad in München leitet. „Auch in den stationären Einrichtungen wird es eng.“ Und er sieht noch eine andere Entwicklung: Die Patientinnen werden jünger.

Fulda: Mehr Magersucht seit Corona - Experten beunruhigt weiterer Trend

Dr. Jan Pauschardt, Leitender Psychologe der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda, ordnet die höhere Zahl der von Magersucht Betroffenen für die Region ein. „Zu Beginn der Pandemie entstand durch die Reduktion von Anforderungen und engerem familiären Beisammensein für viele Kinder und Jugendliche eine Entlastung.“

Er ergänzt: „Im weiteren Verlauf zeigten sich dann die langfristigen Auswirkungen: Insbesondere der Verlust regelmäßiger sozialer Kontakte mit Gleichaltrigen, die bei Jugendlichen bedeutsam für ihre Entwicklung sind, hatte negative Auswirkungen auf deren psychische Befindlichkeit. Jugendliche, die mit den Symptomen einer Essstörung zu kämpfen haben, litten besonders, was sich bei uns während der zweiten Welle in vermehrten stationären Aufnahmen und schwereren Verläufen zeigte.“

Inzwischen hätten sich mit der Rückkehr der Präsenzbeschulung und der Normalisierung des Alltags die Behandlungszahlen von Patientinnen mit einer Essstörung etwas reduziert. „Die psychosozialen Auswirkungen der Pandemie spüren wir in der Klinik weiterhin deutlich – so bedürfen Familien, die bereits vor der Pandemie Unterstützung benötigten, vermehrt psychiatrische und gesellschaftliche Unterstützung“, erklärt Pauschardt.

Magersucht: Anstieg verstärkt Überlastung der Kliniken

Die bundesweite Steigerung der von einer Essstörung betroffenen Kinder und Jugendlichen – besonders Anorexia Nervosa verzeichnete Zuwächse von bis zu 40 Prozent – sei in Fulda bemerkbar. „Der generelle Anstieg der Störung während der Pandemie war in unserer Abteilung zu beobachten, jedoch zeigten sich keine Tendenzen zu mehr jüngeren Betroffenen.“

Anders sieht es im Klinikum Fulda aus: Laut Dr. Solveigh Hilliard, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, haben sich weder die Häufigkeit noch die Erkrankungsverläufe der Betroffenen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie durch die Corona-Pandemie geändert – wohl, weil das Klinikum in diesem Bereich nur Erwachsene behandelt. Auch haben wir keine erhöhte Anzahl von Patientinnen und Patienten mit Essstörungen zu verzeichnen“, teilte Hilliard mit.

Im Erwachsenenbereich waren hinsichtlich der klinischen Verläufe bei Patientinnen und Patienten Essstörungen festzustellen, allerdings werden in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nur Patienten mit Anorexia nervosa (Magersucht) behandelt. Bezüglich anderer psychischer Erkrankungen waren insgesamt eher weniger stationäre Aufnahmen während der Pandemie zu verzeichnen. Dieser Trend war deutschlandweit zu beobachten.

„Ich will ein normaler Teenager werden können“

Dass seit Corona mehr Jugendliche mit einer Essstörung wie Magersucht oder Bulimie behandelt werden müssen, bestätigen auch die Auswertungen von Krankenkassen unter ihren Versicherten. Demnach stellt die DAK-Gesundheit für 2020 eine Zunahme bei den Krankenhaus-Behandlungen wegen Essstörungen von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr fest, unter den 15- bis 17-Jährigen sind es sogar 13 Prozent mehr. Die KKH kommt nach eigenen Angaben auf ein überproportionales Plus von rund 7 Prozent bei den 13- bis 18-Jährigen.

Eine gesicherte Erklärung haben die Fachleute dafür nicht, nur eine Vermutung, die auch der Nürnberger Spezialist Nonell teilt. Gerade Mädchen, die an Magersucht erkrankten, könnten Stress oft nicht so gut verarbeiten, sagt er. In der Pandemie litten sie besonders stark unter der Verunsicherung und der Sorge, die Kontrolle zu verlieren. „Ihr Essverhalten zu kontrollieren, ist eine Form Bewältigungsstrategie, um wieder mehr Kontrolle zu bekommen.“

Was genau ihre Magersucht ausgelöst hat, kann Lea heute nicht mehr genau sagen. Während der Lockdown-Zeiten sei sie viel alleine zu Hause gewesen, weil ihre Mutter und ihr Stiefvater weiter arbeiten gingen. „Das hat es mir auf jeden Fall leichter gemacht, es zu verbergen“, sagt sie. Sie habe sehr ungeregelmäßig gegessen, Mahlzeiten ausgelassen oder sich nach Fressattacken übergeben.

Video: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an Magersucht

15 Jahre war Lea damals alt. Ein typisches Alter für Magersucht. An dieser leiden vor allem Mädchen in der Pubertät. In der Münchner Beratungsstelle von Andreas Schnebel tauchen seit einigen Jahren aber auch jüngere Mädchen auf, teilweise schon 8- oder 9-Jährige. „Das hängt damit zusammen, dass heute alles früher anfängt wie die Pubertät und der Zugang zu sozialen Medien“, sagt der Fachmann. (Lesen Sie auch: Mehr Kinder in Hessen seit Corona depressiv - Experten sehen „dringenden Handlungsbedarf“)

Verschiedene Studien stützen diese Vermutungen, sagt Silja Vocks, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück. Die früher einsetzende Pubertät könne dazu führen, dass die körperliche Reife möglicherweise nicht kompatibel mit der psychischen Reife sei. Gleichzeitig seien Kinder und Jugendliche immer früher in den sozialen Medien unterwegs, wo diese permanent mit geschönten Bildern konfrontiert würden. „Je fragiler das Körperbild, desto offener ist man für diesen Einfluss.“

In den vergangenen Monaten hat sich Lea Gramm für Gramm ins Leben zurückgekämpft – und wieder gelernt zu essen. „Ich hoffe, dass es irgendwann Tage gibt, an denen ich mich so akzeptieren kann, wie ich bin“, sagt sie. „Ich will ein normaler Teenager werden können.“ Doch das gelingt nach Angaben von Nonell nur etwa der Hälfte aller Magersüchtigen. 30 Prozent erleiden Rückschläge, bei 20 Prozent wird die Erkrankung chronisch – mit dramatischen Folgen für ihre Gesundheit. „Es ist eine sehr ernstzunehmende Erkrankung. Zwei Prozent der Betroffenen sterben daran“, sagt Nonell.

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