Richter mit Hammer im Gericht
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Eine 39-Jährige steht vor Gericht, weil sie ihren Sohn mehrfach sexuell missbraucht haben soll. Jetzt fordert die Staatsanwaltschaft Freispruch. (Symbolbild)

Mehrfach mit Sohn geschlafen?

Missbrauch-Prozess in Fulda: Staatsanwaltschaft fordert Freispruch für Mutter

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Am Landgericht Fulda ist der Prozess um den mutmaßlichen mehrfachen Missbrauch durch eine Mutter an ihrem Sohn fortgesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft fordert nun Freispruch. 

Petersberg/Fulda - Dritter Verhandlungstag im Prozess um mutmaßlichen mehrfachen Missbrauch: Eine Mutter, Jahrgang 1982, soll an ihrem Sohn in einem Haus in Petersberg (Kreis Fulda) mehrfach den Beischlaf vollzogen haben. Zwischen 2014 und 2017 lebte der damals 12- bis 15-Jährige in einer Kinderdorf-Wohnstätte und war an Wochenenden bei der Mutter zu Besuch. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat der inzwischen 19-Jährige als Zeuge ausgesagt. Die Angeklagte weist die Vorwürfe von sich.

Die Zeugin, die vor Gericht aussagte, ist die gesetzliche Betreuerin des Sohnes. Sie kümmere sich um die Post des 19-Jährigen sowie um dessen Gesundheits-, Rechts- und Behördenangelegenheiten. Sie habe die Tätigkeit übernommen, da er trotz Volljährigkeit Unterstützung bei solcherlei Angelegenheiten brauche. Er könne, so erklärte die Zeugin, nicht einschätzen, ob ein Brief wichtig sei. Ihrer Hilfe verweigere er sich aber nicht: „Wenn man ihm auf seiner Ebene begegnet, läuft es ganz gut“, erklärte sie.

Fulda: Missbrauch-Prozess - Staatsanwaltschaft fordert Freispruch für Mutter

Der 19-Jährige hätte zwar einmal geflunkert, weil er lieber bei seiner festen Freundin war als einen Termin mit der Betreuerin wahrzunehmen, sei aber im Grunde zuverlässig. In Bezug auf den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch sei ihr sein Verhalten in Erinnerung geblieben – er neige manchmal dazu, nichts mehr von der Außenwelt wahrzunehmen und gebe keine Antwort mehr, sobald er sich unwohl fühle. Er habe gesagt, dass er gegen seine Mutter vorgehen wolle, um seine vier Geschwister zu schützen, erinnerte sich die 50-jährige Zeugin.

Vor Gericht stellte Psychologin Sonja Parr ihr Gutachten vor. Darin habe sie sich mit der Fragestellung auseinandergesetzt, ob der 19-Jährige, der eine Zeit lang in einem mittelhessischen Kinderdorf lebte, aufgrund seiner verminderten Intelligenz und der psychischen Situation „eingeschränkt aussagefähig“ sei.

Sie erklärte, dass in seinem Fall eindeutig „Betreuungsbedarf“ bestehe, dass seine „Erinnerungsleistung“ reduziert sei und dass er zum Erhalt des Selbstwerts zum Teil geschönte Aussagen gemacht habe. Sie sagte aber auch, dass es „normal“ sei, dass Opfer in ihren Aussagen dazu neigten, die Vorfälle bei mehrfacher Beschreibung sachlicher zu schildern. Trotz inhaltlicher Abweichungen wolle sie ihm die „Zeugentüchtigkeit“ nicht absprechen.

Missbrauch-Prozess in Fulda: Psychologin stellt Gutachten vor

Unstimmigkeiten habe sie bei zentralen Punkten seiner Schilderung entdeckt: „Lediglich auf der abstrakten Ebene waren seine Aussagen konstant; wenn es zum Beispiel um die Häufigkeit der Übergriffe und den ungefähren Zeitraum ging.“ Sie beschrieb auch den Umgang mit p*rnografischem Material, den die Wohngruppenleiterin, die am Montag ausgesagte, bemerkt hatte.

Der Jugendliche soll damals häufiger Filme gesehen haben, in denen ältere Frauen und jüngere Männer beim Sex gezeigt wurden. „Das wird wohl gar nicht so selten gesucht“, hieß es von der Psychologin. Aus solchen Pornos könnte er die „Ideen“ zur Beschreibung der Missbrauchsvorfälle gehabt haben. Weil er eine Bestrafung wegen des Filmkonsums durch die Wohngruppenleiterin gefürchtet haben könnte, könne er die Fragen hierzu und zum mutmaßlichen Missbrauch einfach bejaht haben.

Die Psychologin geht auch davon aus, dass sowohl die Fragen der Erzieherin als auch die Fragen in der Polizeivernehmung den Jugendlichen in eine Richtung gewiesen hätten, die er aufgrund seiner Einschränkungen bei den weiteren Aussagen aufrechterhielt. Die angeklagte Mutter betonte im Gericht in Anschluss an das Gutachten: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“

Richter Joachim Becker schloss daraufhin die Beweisaufnahme. Anschließend plädierten die Staatsanwältin und der Verteidiger unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf Freispruch, der Nebenklägervertreter plädierte auf eine fünfjährige Freiheitsstrafe der Angeklagten. Am Donnerstag soll das Urteil verkündet werden.

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