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Mordprozess Neuenberg: Psychiater hält Angeklagten für schuldfähig

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Von: Sarah Malkmus

Im Februar 2021 wurde ein 41-Jähriger in seinem Auto in Neuenberg erschossen.
Im Februar 2021 wurde ein 41-Jähriger in seinem Auto in Fulda-Neuenberg erschossen. © Fuldamedia

Im Prozess gegen einen 38-jährigen Syrer, der im Februar 2021 seinen 41-jährigen Landsmann erschossen haben soll, sind am Freitag vor dem Landgericht Fulda das rechtsmedizinische und das psychiatrische Gutachten vorgetragen worden.

Fulda - Am meisten Raum nahm am Verhandlungstag das psychiatrische Gutachten von Psychiater Dr. Christian Knöchel ein. Sein Ergebnis: Er hält den Angeklagten für schuldfähig. Denn: Es lägen keine Hinweise auf eine psychische Störung vor. Ebenso gebe es keine Anzeichen für eine Abhängigkeit zum Tatzeitpunkt.

Auch eine „klinisch relevante Intelligenzminderung“ schließt der Psychiater aus. Vielmehr zeige der Angeklagte ein altersentsprechendes, integriertes Persönlichkeitsprofil „ohne Hinweise auf eine Persönlichkeitsstörung“. Dass der Angeklagte Anzeichen für schizophrenes oder wahnhaftes Verhalten zeige, dafür sehe er keine Anhaltspunkte.

Fulda: Mordprozess Neuenberg - Psychiater hält Angeklagten für schuldfähig

Letztlich bleibe somit nur noch die Frage, ob die Tat als Affekthandlung zu werten sei. Doch auch das sei nicht der Fall. Ein Grund dafür sei die „Konfliktbeschäftigung“ des Angeklagten. Diese zeige sich darin, dass er dreieinhalb Stunden bis zum Tatort – von Dorsten (NRW) bis nach Fulda – gefahren sei, dabei habe er die Waffe schon mit sich geführt. Für einen Affekt spreche dies nicht.

Der Psychiater ging beim Vortrag seines Gutachtens immer wieder auf das soziale Umfeld des Angeklagten sowie auf dessen Persönlichkeit ein. Bis zur Festnahme habe er in einer großzügigen, ordentlichen Wohnung gelebt. Folge man der Aussage einer Zeugin, so habe der Angeklagte nicht über ein veraltetes Frauenbild verfügt. Der Umgang mit seiner Frau sei normal gewesen, ihr Kopftuch habe sie aus freien Stücken getragen. Auch Eifersucht soll keine Rolle gespielt haben.

Aus anderen Zeugenaussagen sei hingegen hervorgegangen, dass er seine Ehefrau kontrolliert, eingesperrt und geschlagen habe. Zudem soll er immer wieder mit seiner Tochter Probleme gehabt haben. Es soll wohl zu gewalttätigen Übergriffen gekommen sein. Zeugen sagten zudem aus, dass der Hintergrund gewesen sei, dass die Tochter einen Freund gehabt habe. Zudem habe sie westlich leben wollen.

Ab März 2020 habe er dann den Eindruck gehabt, dass seine Ehefrau und der Geschädigte ihm etwas verheimlichten. Mittels der Installation einer Kamera hat er nach eigenen Angaben erkannt, dass der Geschädigte seine Ehefrau geküsst und ihr seine Liebe gestanden hätte. Letztlich habe dies der Angeklagte als schweren Verrat angesehen, insbesondere weil der Geschädigte wie ein Bruder für ihn gewesen sei.

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Außerdem soll es einen erneuten Annäherungsversuch gegeben haben. Dieser habe ihn derart geärgert und belastet, dass er sich letztlich entschlossen habe, nach Fulda zu fahren und seinen Freund zur Rede zu stellen, führt der Psychiater weiter aus.

Briefe, die der Angeklagte seiner Frau aus der U-Haft geschrieben habe, zeigten laut Knöchel eine starke Ich-Bezogenheit sowie ein Kontrollbedürfnis. Knöchel betonte, sich vorstellen zu können, dass der frühe Verlust des Vaters – dieser starb als der Angeklagte sechs Jahre alt war – sein Verantwortungsbewusstsein gesteigert habe. Der Sachverständige fasst zusammen: „Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Tötungsdelikt als Folge misslungener Problemlösung handelt.“

Auch das rechtsmedizinische Gutachten wurde in der Verhandlung vorgetragen. Rechtsmedizinerin Leila Malolepszy ging auf die Verletzung und die Todesursache ein. Demnach kam der Geschädigte durch einen Schuss in den Kopf zu Tode. Der Tod sei unmittelbar nach dem Schuss eingetreten.

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