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Psychiater befangen? Verteidiger im Mordprozess „Neuenberg“ scheitern mit Antrag

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Von: Sarah Malkmus

Die Verteidiger des 38-jährigen Angeklagten - hier beim Prozessauftakt im Oktober 2021 - halten den Psychiater für befangen.
Die Verteidiger des 38-jährigen Angeklagten - hier beim Prozessauftakt im Oktober 2021 - halten den Psychiater für befangen. © Mediennetzwerk Hessen

Dass der psychiatrische Gutachter im Mordprozess „Neuenberg“ befangen ist, davon sind die Verteidiger des Angeklagten überzeugt. Sie stellten am Verhandlungstag am Montag einen Antrag auf dessen Ablehnung.

Fulda - Ein 38-Jähriger aus Dorsten (NRW) soll vor einem Jahr einen 41-jährigen in Neuenberg aus Eifersucht erschossen haben. Zwei Verteidiger vertreten ihn vor Gericht. Die beiden jungen Rechtsanwälte aus Göttingen haben im Verfahren bereits zahlreiche Beweisanträge gestellt. Nun zweifeln sie die Eignung des Psychiaters an.

Bereits am 28. Januar hatte der Sachverständige Dr. Christian Knöchel sein psychiatrisches Gutachten vorgetragen. Seine Einschätzung ist, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist. Da die Verhandlung an diesem Tag abgebrochen werden musste, sollte es am Montag am Landgericht Fulda mit der Befragung des Psychiaters durch Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung weitergehen.

Doch der Verhandlungstag begann nicht mit einer Frage: Wegen der „Besorgnis der Befangenheit“ richtete Mirko Oestreich, einer der beiden Verteidiger des Angeklagten, einen Antrag an das Landgericht, in dem er die Ablehnung von Knöchel forderte. Er erklärte unter anderem, dass Knöchel zwar zugesagt habe, sein Gutachten auf der Grundlage der Anklage einerseits und der Einlassung andererseits zu erstellen, dies jedoch nicht tat: „Der Sachverständige hat erschreckend konstant hypothetische und ausschließlich für den Angeklagten nachteilige Annahmen gefasst.“

Fulda: Mordprozess „Neuenberg“ - Verteidiger halten Psychiater für befangen

Darüber hinaus habe Knöchel beim Vortrag seines Gutachtens das Ergebnis vorweggenommen und dann „einseitige Annahmen“ vorgetragen, die die vorangestellte These – nämlich dass der Angeklagte voll schuldfähig ist – stützen sollten. „Beharrlich“ habe der Sachverständige zudem Argumente dafür angeführt, dass sich die Tat so vollzogen habe, wie es erforderlich wäre, um Schuldunfähigkeit und verminderte Schuldfähigkeit auszuschließen.

Weiter habe er „gebetsmühlenartig, an mindestens fünf Stellen seiner Ausführung“ betont, dass es gegen eine Affekttat spreche, wenn der Angeklagte nach den abgegebenen Schüssen die ausgeworfenen Patronenhülsen am Tatort aufgehoben hätte. Zu diesem Schluss könnte man gelangen, da keine Hülsen aufgefunden worden sind, zitierte Oestreich Knöchel. Keine Erwähnung würde jedoch finden, dass der Angeklagte noch vor der Erstattung des Gutachtens angegeben habe, dass es sich bei der Tatwaffe um einen Revolver gehandelt habe – und somit um eine Schusswaffe, die keine Patronenhülsen auswerfe.

Vergessen zu erwähnen hat der Sachverständige laut Oestreich auch, dass der Angeklagte das Auto, mit dem er nach Fulda gefahren sei, zurückgelassen habe. „Zielgerichtet wäre es gewesen, Fulda auch wieder mit dem Pkw zu verlassen, um kein Beweismittel zurückzulassen.“

Insgesamt sei ein „erhebliches Misstrauen gegen die Unparteilichkeit“ Knöchels begründet. Der Psychiater habe „zu Ungunsten des Angeklagten günstige Umstände außer Betracht gelassen und ungünstige Umstände übermäßig hervorgehoben. Mit einer unabhängigen, unparteilichen und ergebnisoffenen Herangehensweise hat dies nichts zu tun.“

Keine Anhaltspunkte für Befangenheit: Gericht weist Antrag der Verteidigung zurück

Oberstaatsanwältin Dr. Christine Seban konnte die Ausführungen von Oestreich nicht nachvollziehen und gab an, keine Bedenken gegen Knöchel zu haben. Dies sah auch Nebenklagevertreter Rudolf Karras so: „Gebetsmühlenartig“ etwas darzulegen, von dem man überzeugt sei, sei nichts Falsches, sagte er.

Auch dass Knöchel das Ergebnis seines Gutachtens an den Anfang gestellt habe, spreche nicht für eine Befangenheit, es sei Geschmackssache. Zum Thema Tatwaffe sagte er, dass sich der Sachverständige an die Ausführungen der schriftlichen Einlassung gehalten habe. „Dass er daraus Schlüsse gezogen hat, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen“, so Karras.

Die Kammer um Richter Josef Richter wies den Antrag der Verteidigung schließlich zurück. Die Kammer sehe keine Anhaltspunkte für eine Befangenheit, wie der Vorsitzende erklärte. Die Plädoyers werden am Samstag, 26. Februar, um 9.30 Uhr gehalten.

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