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Das Rhöner Platt wird vor allem auf dem Land noch gesprochen. Doch der Dialekt ist vom Aussterben bedroht.

Kaum junge Sprecher

Kulturgut vom Aussterben bedroht: Rhöner Platt feiert hierzulande Erfolge – und verschwindet trotzdem 

  • Sabrina Mehler
    VonSabrina Mehler
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Broatwerschterche, Braeder-nie-Kabaell und Buideonkel: Manche Wörter hören sich auf Rhöner Platt herzlicher und kecker an als im schnöden Hochdeutsch. Vor allem auf dem Land wird in Osthessen noch immer Mundart gesprochen. Doch Deutschlands schönster Dialekt droht zu verschwinden.

Osthessen - Franz Habersack aus Hofbieber, die Rhöner Säuwäntzt oder die Hünfelder Kolpingfamilie mit ihren Mundartabenden beweisen es seit Jahren. Auch während der Foaset werden in breitester Mundart gehaltene Büttenreden stürmisch umjubelt, und Mundartbücher gehen in den Buchhandlungen weg wie warme Semmeln – beziehungsweise „woarme Wegg“: Das osthessische Platt ist beliebt wie nie und kommerziell erfolgreich. Trotzdem können junge Leute kaum noch diesen ganz besonderen Dialekt sprechen: Er wird in absehbarer Zeit wohl verloren gehen.

Dietmar Weidenbörner, der vor einigen Jahren unter anderem für seine Verdienste um den Erhalt der Mundart mit dem Kulturpreis der Stadt Hünfeld geehrt wurde, sagt: „Ich bedauere es zutiefst, dass die Mundart immer mehr verschwindet. Sie ist ein Stück Kulturgut und bedeutet Identität mit unserer Heimat.“ (Lesen Sie hier: Schnelles Internet im ländlichen Raum: Wie Unternehmen, Ärzte und die Landwirtschaft davon profitieren)

Osthessen: Mundart vom Aussterben bedroht - Rhöner Platt verschwindet

Die mittlere und die ältere Generation hätten es versäumt, ihr Platt an die Kinder weiterzugeben. Viele hätten vor 40 oder 50 Jahren Hochdeutsch mit ihrem Nachwuchs gesprochen – aus Sorge darum, dass sie es in der Schule schwerer haben und etwa im Diktat mehr Fehler machen könnten, erklärt Weidenbörner. Dabei sei das Gegenteil der Fall, glaubt er: „Kinder, die mehrsprachig aufwachsen – sei es mit Englisch oder mit Platt – haben wahrscheinlich stärkere Gehirnwindungen.“

Als engagierte Verfechterin der heimischen Mundart gilt auch Mina Nacke, ein Schlüchterner Urgestein. Die als spitzzüngige Büttenrednerin vom Carnevalverein „Die Spätzünder“ und als Mundartdichterin bekannt gewordene 87-Jährige spricht heute selbst kaum noch Platt. „Aber es ist für mich ein Hobby“, sagt sie und umschreibt, was das Platt für sie bedeutet: „Vertrautheit, ein Wohlfühlen, eine Nähe zur Heimat.“

Auch sie findet es schade, dass junge Leute keinen Dialekt mehr sprechen. Aber sie selbst habe es an ihre Kinder nicht weitergegeben: „Mein Mann kam aus Bremen, und der hat astreines Hochdeutsch gesprochen.“ Dennoch ist die Liebe zum Platt geblieben. So übersetzt sie gerne noch heute aus Spaß importierte englische Begriffe. Zum Beispiel „Nightshopping“, das sich auf Platt so anhört: „Dou konnst bis in dee Noacht iegekauf.“ Oder „Lady’s Night“: „Dee Weibsleit dürfe zuerscht nei.“

„Platt bedeutet Vertrautheit und Wohlfühlen“ - Mina Nacke wurde als Mundartdichterin bekannt

Ähnlichen Spaß mit der Mundart hat Michael Bleuel alias Franz Habersack, der die ganze Region weithin mit seinen Büchern wie das „Ô“ und zugehörigen Auftritten begeistert. „Sogar junge Leute, die kein Platt sprechen, kommen zu den Veranstaltungen“, sagt Bleuel. Er selbst spricht im Alltag keine Mundart, nur auf der Bühne legt er los und hat Spaß dabei. Auch er findet es schade, dass Platt ausstirbt: „Retten kann man die Mundart wohl nicht mehr.“

ToM

Wer nicht Platt spricht, aber sich die Mundart anhören will, der kann ins ToM reinhören. Die Abkürzung steht für „Tonarchiv osthessischer Mundarten“. Dieses hatte der Landkreis Fulda 2003 zusammen mit der Sparkasse Fulda und unserer Zeitung ins Leben gerufen. Die Menschen in der Region wurden gebeten, mit Hilfe von Video- oder Tonbandkassette ihre Mundart aufzuzeichnen und für die Nachwelt zu konservieren. 40 Sätze auf Platt sollten nachgesprochen werden. Außerdem konnten frei gestaltete Beiträge eingereicht werden, zum Beispiel Gedichte, Anekdoten oder Lieder auf Platt. ToM ist damit wichtiger Bestandteil des kulturellen Erbes. Zu finden ist ToM unter medienzentrum-fulda.de.

Das sei auch gar nicht seine Mission, unterstreicht Bleuel. Die Entwicklung gehöre aus seiner Sicht zu dem Trend zur Verallgemeinerung. Auch die Sprache gleiche sich überall immer mehr an. Somit gehe der Region „ein bisschen Identität“ verloren. Dabei sei das Platt doch „waellich schee“, findet der „Buideonkel“.

Trend zur Verallgemeinerung als mögliche Ursache der Entwicklung

Es sei eigentlich erstaunlich, dass hierzulande kaum mehr Dialekt gesprochen wird, überlegt Weidenbörner und berichtet aus seiner beruflichen Zeit als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Fulda: „Als ich früher mit Menschen in München telefoniert habe, bin ich mit ,Griaß Gott‘ begrüßt worden. Die Bayern würden einen Teufel tun und ihre Mundart verleugnen.“ Hierzulande sei das leider anders. Ob es gelingen könnte, das Verschwinden des Platt zu verhindern? Weidenbörner ist skeptisch: „Ich habe oft nach Ansätzen gesucht, zum Beispiel mit den Mundartabenden der Kolpingfamilie.“

Video: Mundart-Köchin aus Oberammergau

Die seien hervorragend angenommen worden, und dennoch stellt er sich die Frage, ob es den Besuchern tatsächlich um den kulturellen Wert der Mundart geht oder um etwas ganz anderes. „Es ist schön, dass unsere Veranstaltungen so gut besucht werden. Aber bei mir gehen die Alarmglocken an, wenn wir die Mundart in den Bereich des Niedlichen rücken. Denn da gehört sie nicht hin.“ Möglicherweise seien Freiwilligen-Kurse für Jüngere ein Mittel, um auch diesen den Zugang zur Sprache zu ermöglichen, überlegt Weidenbörner. 

Doch was sind die sprachlichen Besonderheiten des Rhöner Platt?

Fragewörter

Das „W“ wird zum „B“: Wer fragt, sagt „be, bos, baer, beller onn boarömm“.

Lautverschiebung

Im Hochmittelalter haben die Osthessen die sogenannte Lautverschiebung nicht mitgemacht. Der hochdeutsche Umlaut „au“ blieb im Platt „ui“, „u“ oder „ü“. Beispiel: „Huis“ oder „Hus“ bezeichnet das Haus. Außerdem wird die Vorsilbe „ei“ zu „ie“. Beispiel: „Host dou iegekäuft?“ Der Umlaut „ei“ wird nicht wie in „Ei“ gesprochen, sondern wie „äj“. Beispiel: „Bläjsteft“. Der a-Laut wird zu „oa“, wie in „oacht“ (acht) und „Poarrr“ (Pfarrer).

Verbform

Nach den Hilfsverben „können“ und „mögen“ wird das Verb im endungslosen Infinitiv plus ge- verwendet. Beispiel: „Dou konnst mich emoa Hockel getroar.“ 

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