Die Zwangspause der Schlachthöfe hat zum "Schweine-Stau" in vielen Ställen geführt.
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Die Zwangspause der Schlachthöfe hat zum "Schweine-Stau" in vielen Ställen geführt.

Thema Nutztierhaltung

ProVieh-Vertreterin Christa Langnes: „Erwarte Erkenntnis von den Landwirten: So geht es nicht weiter!“

  • Daniel Krenzer
    vonDaniel Krenzer
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Damit Fleisch auf den Tellern liegen kann, müssen zuvor Tiere sterben. Dass deren Leben aber nicht von Leid geprägt war, dafür setzen sich Dr. Christa Langnes und Bernhard Sitzmann von ProVieh ein.

  • Im Interview sprechen sich die Sprecherin von ProVieh, Dr. Christa Langnes und Bernhard Sitzmann (Mitglied der Arbeitsgruppe Tiertransporte im Hessischen Tierschutzbeirat) für bessere Bedingung für Nutztiere aus.
  • Beide diskutieren die Frage, ob Fleischkonsum und Tierwohl miteinander vereinbar sind. Auch die Fahrer von Tiertransporten sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt.
  • Ein Wandel in der Nutztierhaltung sei nur über ökologische Landwirtschaft oder alternative Fleischproduktion möglich.
Seit 30 Jahren ist in Deutschland gesetzlich festgelegt, dass Tiere keine Sache sind. Mit Blick auf die Massentierhaltung stellt sich die Frage: Hat sich seitdem denn etwas verändert?
Sitzmann: Entscheidend ist die Grundeinstellung, die ich zum „Nutztier“ habe. Der Verhaltensbiologe Prof. Dr. Norbert Sachser sagt: „Ganz gleich, ob wir Denken, Fühlen oder Verhalten betrachten, die Tiere sind uns nähergerückt – und wir ihnen. Es steckt viel mehr Mensch im Tier, als wir uns vor wenigen Jahren noch haben vorstellen können.“ Diese Erkenntnis hatte ich so vor 30 Jahren noch nicht. Tiere sind lernfähig, haben Emotionen und sind leidensfähig. Das ist für mich die Perspektive auch mit Blick auf die Nutztierhaltung.
Der Deutsche Ethikrat hat sich erst vor wenigen Wochen ausführlich zum Thema Tier im Spannungsfeld zwischen Mensch und Sache geäußert. Das Thema ist also brandaktuell!?
Langnes: Die öffentliche Betrachtungsweise des Nutztieres hat sich maximal in den vergangenen 20 Jahren dahingehend verändert, das Tier weniger als Sache zu betrachten. Im Grundgesetz ist seit 2002 zudem Tierschutz als Staatsziel verankert. Nicht zuletzt appelliert Papst Franziskus, Nutztiere als Teil der Schöpfung zu betrachten und dieser Verantwortung gerecht zu werden. 
Lassen sich Fleischkonsum und Tierwohl aus Ihrer Sicht denn überhaupt vereinbaren?
Sitzmann: Hier gehen bisweilen die Meinungen von Tierschützern und Tierrechtlern auseinander, ob die Tötung eines Tieres überhaupt legitim ist. Im Grundsatz sage ich aber ja – wie auch der Ethikrat. Es lässt sich dann vereinbaren, wenn ich den Eigenwert der Nutztiere akzeptiere – und das von der Geburt bis zum Tod. Wenn Sie aber beachten, wie zum Beispiel Zuchtsauen leben müssen: ohne Außenklima-Kontakt, auf künstliche Weise befruchtet, ihr halbes Leben im Kastenstand verbringen, um Ferkel zu produzieren, bevor sie dann zum Schlachter kommen – wo ist da der Eigenwert des Tieres? Da findet eine Totalverzweckung der Tiere statt. Wenn ich das weiß, kann ich nicht sagen, dass alles nachhaltig und in Ordnung ist.
Langnes: Zudem stellt sich die Definitionsfrage, was Massentierhaltung denn überhaupt ist. Üblicherweise liegt sie dann vor, wenn viele Tiere auf engem Raum gehalten werden und nicht ihrer natürlichen Lebensweise nachgehen können. Ob nun in einer Mastanlage 500 Tiere oder 3000 Tiere gehalten werden – für das Schwein in der jeweiligen Bucht ist das egal. Entscheidend ist das Haltungssystem. Auch die kleinbäuerliche Nutztierhaltung in Osthessen hat nur einen geringen ökologisch ausgerichteten Anteil und ist oftmals wenig artgerecht.
Nun heißt es mitunter, dass die Nachfrage nach Fleisch aus artgerechter Haltung gar nicht groß genug ist und viele Landwirte aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, diese weniger artgerechte, aber günstigere Haltungsform zu wählen. Sind wir da als Verbraucher am Ende die Verantwortlichen?
Langnes: Jeder muss natürlich für sich selbst entscheiden, welches Fleisch er kaufen möchte und welches nicht. Aber die Politik ist dafür verantwortlich, passende Rahmenbedingungen zu setzen. Da hat sie aus unserer Sicht kläglich versagt. Andere Länder sind uns da deutlich voraus. Bei uns heißt es immer nur: Wir ändern ja was, aber wir können das nicht überstürzen und müssen die Landwirte mitnehmen. Natürlich müssen diese wirtschaftlich davon leben können und brauchen eine Perspektive. Vielleicht ist die aktuelle deutsche EU-Ratspräsidentschaft die Chance, bessere Gesetze einheitlich durchzusetzen. Zudem könnte die EU-Agrarförderung überarbeitet werden, die aktuell nicht tierwohlbezogen ausgeschüttet wird. Doch dafür muss der politische Wille da sein. Allerdings ist die Politik in eine Abhängigkeit von Lobbyisten geraten, aus der sie offenbar nur sehr schwer herauskommt. Der Konsument kommt da an letzter Stelle – ihm da die Verantwortung zuschieben zu wollen, ist schlichtweg unfair.
Sitzmann: Wir sind mit unseren Produkten mittlerweile weltmarktorientiert, mit dem Ziel der Konkurrenzfähigkeit. Das geht aber nur, wenn wir auf Masse und billig produzieren. Am untersten Ende stehen dabei die Tiere. Natürlich ist es hier bei uns kleinteiliger als beispielsweise in Norddeutschland. Über die Preise können dadurch aber die kleinen Betriebe gar nicht existieren, das geht nur über die Masse. Diese Entwicklung hat die Politik mit dem Bauernverband eingeleitet – da sind die Landwirte auch Opfer.

Zur Person

Dr. Christa Langnes ist 67 Jahre alt und kommt aus Künzell. Sie ist Tierärztin im Ruhestand und Sprecherin des Regionalverbandes der Tierschutzgruppe ProVieh für Fulda und Bad Hersfeld sowie Mitglied im Hessischen Tierschutzbeirat.

Bernhard Sitzmann ist 66 Jahre alt und ebenfalls Künzeller. Er ist Lehrer im Ruhestand, und für ProVieh neben seiner Arbeit in der Regionalgruppe Mitglied der Arbeitsgruppe Tiertransporte im Hessischen Tierschutzbeirat.

Sie haben also eigentlich Verständnis für die Entscheidung vieler Landwirte, nicht auf ökologische Tierhaltung zu setzen?
Sitzmann: Ein Stück weit, aber da wünsche ich mir viel mehr Mut, die Haltung umzustellen – und die Politik sollte dies entsprechend finanziell fördern. In Pfaffenhofen bei München habe ich kürzlich einen konventionellen Familienbetrieb besucht, in dem 500 Mastschweine gehalten werden. Da der Hof auch vom Land Bayern finanziell unterstützt wurde, konnten sie ihre Tierhaltung umstellen. Die Tiere leben in Buchten mit Freilauf, werden nicht kupiert, haben eine regelmäßige Einstreu und eine etwas längere Lebensdauer. Die Bäuerin war die Initiatorin, die zu der Erkenntnis kam, dass sie den Tieren die ursprüngliche Zucht nicht weiter antun könne. Wenn man nun sieht, wie die Tiere sich da frei in der Natur bewegen – ist dies eine deutliche Verbesserung gegenüber der vorherigen Haltung. Auch wenn das Fleisch nun teurer ist, wird es vom Verbraucher gerne gekauft, und der bäuerliche Betrieb kann gut davon leben.
Langnes: Wir haben Verständnis für die Landwirte, sie arbeiten sehr viel und sind sehr stark eingespannt. Trotzdem kann die massive Umweltbelastung durch die intensive Landwirtschaft zugunsten des Fleischkonsums so nicht weitergehen. Schön, dass das zum Beispiel die jungen Leute von „Fridays for Future“ erkannt haben und daran etwas ändern wollen. Das lässt hoffen. Wir fordern von den Landwirten, etwas an den Bedingungen zu ändern. Wenn ich aber lese und höre, was Vertreter von den Bauernverbänden von sich geben und sogar Lockerungen von geltenden Tierschutzregeln fordern, dann erkenne ich da leider keinerlei Bereitschaft, sich selbst einmal infrage zu stellen.
Was fordern Sie konkret für die Nutztierhaltung?
Sitzmann: Unsere Forderungen decken sich weitestgehend mit denen des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik. Dieser hat 2015 ein vielbeachtetes Gutachten erstellt, in dem er sich für folgende Leitlinien ausspricht: Die Tiere sollen einen Zugang zum Außenklima haben. Zudem wird dort klar gesagt, dass es unterschiedliche Funktionsbereiche geben muss – also zum Beispiel ein Platz, der nur zum Koten genutzt werden kann. Dann soll es ein Angebot an Reizen zur artgerechten Beschäftigung geben – und da reicht eine aufgehängte Kette zum Spielen nicht aus. Ausreichend Platz soll es geben – die 0,75 Quadratmeter Platz für ein 120-Kilo-Schwein aus der Nutztierverordnung sind da viel zu wenig. Außerdem soll auf Amputationen verzichtet und der Arzneimitteleinsatz reduziert werden.
Dr. Christa Langnes ist Sprecherin des Regionalverbandes der Tierschutzgruppe ProVieh für Fulda und Bad Hersfeld sowie Mitglied im Hessischen Tierschutzbeirat.
Bernhard Sitzmann ist Mitglied der Arbeitsgruppe Tiertransporte im Hessischen Tierschutzbeirat.
Wir wissen bei uns in der Region nur von sehr wenigen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz im Zusammenhang mit Nutztierhaltung. Also sagen die Landwirte: Hier ist doch alles in Ordnung...
Sitzmann: Diese Diskussion stört mich. Das ledigliche Einhalten der rechtlichen Vorgaben ist für uns nicht ausreichend. Wenn man sich einmal die geltenden Regelungen genauer ansieht, dann stellt man fest, dass diese immer weiter verwässert wurden und es immer mehr Ausnahmen gibt. Zudem gibt es Lücken in den Verordnungen – sicherlich nicht ohne Grund. Da fällt der Tierschutz ein Stück weit hinten runter. Es kommt immer wieder vor, dass Diskussionen um eine schärfere Auslegung von der Politik geblockt werden.
Haben Sie Beispiele dafür, was Nutztieren auch bei uns in der Region angetan wird?
Sitzmann: Ferkel werden ohne Betäubung kastriert, Schwänze werden kupiert, in Deutschland laut der hessischen Tierschutzbeauftragten 95 Prozent der Tiere, obwohl das Kupieren eigentlich nur im Einzelfall erlaubt ist. Rindern werden die Hörner ausgebrannt, Kälber werden viel zu früh von ihren Müttern getrennt. Zudem haben viele Tiere keinerlei Kontakt zum Außenklima. Hier sollten sich Landwirte durchaus fragen, ob dies wirklich immer notwendig ist und mit einer artgerechten Haltung im Einklang steht. Letztlich passt man so die Tiere den Haltungsbedingungen an und nicht umgekehrt.
Langnes: Es kann doch keinen Spaß machen, so viel zu arbeiten, vielfach Tiere nicht artgerecht zu halten  – und am Ende steht da nicht einmal ein guter Gewinn. Da erwarte ich die Erkenntnis von den Landwirten: So geht es nicht weiter! Und kein Lamentieren wegen berechtigter Forderungen. Aber um auch einmal etwas Positives zu sagen: Dass wir hier bei uns in der Region sehr kurze Transportwege für die Tiere haben, ist sehr zu begrüßen. Dass viele Tiere im Schlachthof Fulda oder sogar am Hof geschlachtet werden, ist positiv zu bewerten.

Erfahren Sie hier: Wie ist der Ablauf im Schlachthof in Fulda und wie schaffen es kleinere Betriebe den Konkurenzkampf gegen die Großbetriebe zu überstehen. Außerdem: Legehennen vor der Schlachtbank retten: Projekt unser glückliches Huhn wächst. Und: In einem brennenden Tiertransport sind 80 Ferkel umgekommen.

Es gibt eine Reihe von Bio-Siegeln, zudem das neue Tierwohllabel. Auf welche davon kann sich der Verbraucher verlassen?
Langnes: Bisher gibt es nur freiwillige Siegel und keine gesetzlich vorgeschriebenen. Demeter ist dabei führend, Naturland ist gut, Bioland ebenfalls. Das freiwillige Tierwohllabel für Schweinefleisch sehen wir kritisch. Die Eingangsstufe liegt kaum über dem gesetzlichen Minimum, mit Tierwohl hat das nichts zu tun. Stufe 1 ist die schlechteste, Stufe 4 ist die beste – das ist für den Kunden verwirrend.
Sitzmann: Unserer Meinung nach müsste man eine solche Kennzeichnung verpflichtend machen – wie bei den Eiern auch. Gut finde ich, dass beim staatlich geplanten Tierwohllabel nicht nur die Haltung einfließt, sondern der gesamte Lebenszyklus des Tieres. Wie aber Frau Langnes sagt, ist Stufe 1, was ja erst einmal ganz gut klingt, so etwas wie Verbrauchertäuschung. Gut wäre es, wenn es ein einziges Label gebe, damit es für den Verbraucher übersichtlich und verständlich bleibt. Europaweit einheitlich wäre dabei ein Traum. Genauso wichtig wäre eine Verbesserung der gesetzlichen Mindeststandards.
Ist nicht vielleicht genau jetzt durch die Coronakrise und die durch den Fall Tönnies losgetretenen Diskussionen der richtige Zeitpunkt für Landwirte, auf eine ökologische Haltung umzustellen?
Sitzmann: Das funktioniert nur über eine entsprechende finanzielle Förderung. Weshalb wird nicht viel mehr Geld in nachhaltige Tierhaltung investiert? Wenn primär nur nach der Fläche Gelder ausgeschüttet werden, dann ändert sich daran nichts. Die EU steht vor der zukunftsweisenden Entscheidung, wie die Gelder in den nächsten Jahren verteilt werden.
Langnes: Spannend sind auch Alternativen wie im Labor hergestelltes Fleisch. Dies wird zum Beispiel in den Niederlanden stark vorangetrieben. Damit wäre eine Einsparung von 90 Prozent bei Land und Wasser möglich, die aktuell für die Fleischproduktion nötig ist. Aus den Muskelzellen von 30.000 Rindern anstatt aktuell 1,5 Milliarden könnte man theoretisch die komplette Welt versorgen. Auch das ist ein Lösungsansatz, bei dem wir kein Tierleid mehr hätten – ohne auf Fleisch verzichten zu müssen.

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