Pater Nikodemus Schnabel mit seinem Buch #FragEinenMönch.
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Pater Nikodemus Schnabel mit seinem neuen Buch #FragEinenMönch.

Abitur in Fulda

#FragEinenMönch: Pater Nikodemus veröffentlicht Buch - „Kirche hat sich lächerlich gemacht“

  • Anne Baun
    VonAnne Baun
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Eigentlich sollte Pater Nikodemus Schnabel (42) nur für ein Online-Format interviewt werden. Heraus kam letztendlich das Buch #FragEinenMönch, in dem der gebürtige Fuldaer offen und ehrlich über sein Leben, die Kirche und das Mönchsein spricht.

Pater Nikodemus, in einer Zeit, in der der Kirche vorgeworfen wird, alles unter dem Deckel zu halten, gehen Sie mit Ihrem Buch total in die Offensive. Zufall oder bewusst gewählter Zeitpunkt?
Nein, nicht bewusst gewählt. Während meiner Zeit in Berlin habe ich dem YouTube-Format Hyberbole ein Interview gegeben, bei dem eingereichte Fragen gestellt wurden. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet und dachte zwischendurch: Eieiei, das ist jetzt aber echt heftig. Dann ist mein jetziger Verlag an mich herangetreten und wollte wissen, ob ich mit den zig anderen Fragen, die nicht vor laufender Kamera gestellt wurden, nicht ein Buch machen möchte. Das ist die Vorgeschichte dazu.
Und offenbar haben Sie Ja gesagt.
Genau. Da kam dann mein Mit-Autor ins Spiel, und er hat mir virtuell per Zoom die restlichen Fragen gestellt, auf die ich spontan geantwortet habe. Ich habe über den Antworten also nicht stundenlang am Schreibtisch gebrütet.
So liest es sich auch!
Ich habe das auch alles so genehmigt. Es ist das gesprochene Wort, denn es wurde aus der Gesprächssituation heraus übertragen.

Fulda: Neues Buch von Pater Nikodemus Schnabel - Mönch beantwortet Fragen

Wenn Sie sagen, Sie haben es genehmigt: Geht solch ein Buch nicht erst noch durch tausend Instanzen, die vorher ein Auge darauf werfen möchten?
Nein. Mein Kloster steht hinter mir. Über mir gibt es nur meinen Abt, als nächstes käme der Papst persönlich. Mein Abt weiß darum und vertraut mir. Ich habe alle Freiheiten.
Also würden Sie dafür keinen Ärger bekommen?
Nein. Aber Mönche sind da insgesamt etwas freier als beispielsweise ein Pfarrer.
Die Titelseite des Buches macht ja schon neugierig. Es ist zum Beispiel die Frage „Hattest du schon mal Sex?“ aufgeführt. Ihre Antwort auf dieses doch sehr private Thema ist dann aber eher ausweichend formuliert. Also kann man einen Mönch doch nicht alles fragen?
Die Frage hat der Verlag für den Titel ausgesucht. Klar, ich will ehrliche Antworten auf ehrliche Fragen geben. Aber ein Seelenstriptease sollte es auch nicht werden. Wem nützt es denn, wenn ich mich im übertragenen Sinne komplett nackig mache (lacht)?

Das Buch

Religiöse beziehungsweise spirituelle Bücher gibt es wie Sand am Meer. Die einen sind meist schwer verständlich, die anderen fallen in den Bereich Lebensratgeber. Pater Nikodemus Schnabel geht mit seinem Buch völlig neue Wege.

In dem Buch #FragEinenMönch (192 Seiten. 18 Euro. Adeo.) stellt sich Pater Nikodemus Schnabel Fragen, die sich YouTube-Nutzer für ihn ausgedacht haben. Da will auch schon mal jemand wissen, was er eigentlich unter der Kutte trägt (ganz normale Klamotten) oder ob er tätowiert ist (nein, ist er nicht). Doch natürlich geht es auch um drängende Themen wie zum Beispiel die Rolle der Frau in der Kirche, wie oft am Tag gebetet wird oder ob es auch Zeiten des Zweifels gibt.

Eine Besprechung des Buchs ist in der Ausgabe der Fuldaer Zeitung vom 1. Juli und im E-Paper erschienen.

Für wen ist das Buch gedacht?
Ich finde, es wäre zum Beispiel ein super Geschenk zur Firmung oder Konfirmation. Oder aber für Leute, die überhaupt keine Berührung mit dem Thema Kirche haben. In Berlin habe ich Menschen kennengelernt, die dachten, ein Mönch sei lediglich ein Charakter in einem Computerspiel und gäbe es gar nicht im echten Leben.
Sie sagen ganz klar: Geistliche sind auch nur Menschen, die gerne mal ein Bier trinken, auch mal gehässig sind oder lügen. Das sind Aussagen, die man von der Kirche nicht oft hört.
Die Kirche krankt ja auch. Sie war immer die moralische Instanz, die sagte: Du sollst, du darfst nicht, du musst. Sie hat sich lächerlich gemacht. Denn jetzt ist die Maske unten, und es zeigt sich: Es gibt viel Dreck in den eigenen Reihen. Es muss wirklich heißen: Wir sind nicht die, die alles besser wissen. Und wir sollten das Angebot machen: Wenn du mehr vom Leben willst als zu essen, Klamotten anzuziehen und dich fortzupflanzen – wir hätten da was für dich.
Trotzdem schwindet das Vertrauen in die Kirche.
Stichwort Missbrauch. Den gibt es auch in Familien oder Sportvereinen. Aber der Sportverein behauptet nicht, Rückgrat einer höheren Moral zu sein. Ich glaube, wir müssen weg von der Moralinstanz und hin zu den Sehnsuchtsexperten. Es ist falsch, die Welt erklären zu wollen. Denn es ist die Sehnsucht, die uns selbst antreibt.
Es ist Ihr zweites Buch. Das erste – „Zuhause im Niemandsland“ – hat schon für Aufsehen gesorgt, aber ich könnte mir vorstellen, dass das zweite noch mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Das kann ich nicht einschätzen. Es läuft ja gerade erst an. Klar gibt es Interessenten, aber noch hat kein großer Sender bei mir angefragt (lacht). Mal schauen, was passiert; ich bin für alles offen.

Pater Nikodemus Schnabel kritisiert Kirche: „Lächerlich gemacht“

Zur Person

Geboren wurde Pater Nikodemus Schnabel 1978 als Claudius Schnabel. Er wuchs evangelisch in einer Künstlerfamilie auf; sein Ziehvater war der Hünfelder Künstler Jürgen Blum. Schnabel machte 1998 sein Abitur am Fuldaer Domgymnasium (Leistungskurse Deutsch und Religion) und studierte Theologie in Fulda, München, Münster, Jerusalem und Wien und ist promovierter Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler. 2003 trat er in die Benediktiner-Abtei Dormitio im Herzen Jerusalems ein, die im Niemandsland zwischen Israel und Palästina liegt. Im Jahr 2013 wurde er dort zum Priester geweiht.

Von 2016 bis 2018 leitete er die beiden Klöster der Abtei in Jerusalem und am See Genezareth. 2018 bis 2019 war er im Auswärtigen Amt in Berlin als Berater für „Religion und Außenpolitik“ tätig. Im ZDF moderierte er das Format „Ein guter Grund zu feiern...“ und bereiste mit Markus Lanz „Heilige Orte“. 

Lesen Sie hier: Fuldas Bischof Michael Gerber im Interview - „Frage nach der Rolle der Frauen ist hochrelevant“

Hat Markus Lanz, mit dem Sie eine Dokumentation im Rahmen Ihres ersten Buches gedreht haben, noch nicht angerufen?
Doch. Aber er wollte mir sagen, dass er das neue Buch gerne persönlich von mir bekommen würde. Wir pflegen ein freundschaftliches Verhältnis miteinander. Ich weiß aber noch nicht, ob ich in seine Sendung eingeladen werde.
Eigentlich leben Sie in Jerusalem. Sind Sie froh, nicht in Israel gewesen zu sein, als die Raketen geflogen sind?
Nein. Das war tatsächlich der Moment, in dem ich gerne in Jerusalem gewesen wäre. Vor Ort bei den Menschen und meinen Mitbrüdern. Ich bin jetzt seit fast einem Jahr in Rom, und ich muss sagen, dass sich mein Heimweh echt in Grenzen gehalten hat. Das liegt natürlich auch an der Pandemie. Ich mag Jerusalem mit seinen vielen verschiedenen Religionen, dem Stimmengewirr und dem immer hohen Adrenalinspiegel. Doch im Moment sind keine Pilger im Land, die Kirchen sind zu. Das ist nicht das Jerusalem, das ich vermisse. Und trotzdem wäre ich gerne dort gewesen, als die Angriffe stattgefunden haben. Aus Solidarität.
Glauben Sie, dass es jemals Frieden zwischen Israel und den Palästinensern geben wird?
Es ist eine schwierige Sache. Für Jerusalem gilt: Wer keine mutigen Visionen hat, ist kein Realist mit Gottvertrauen. Ich denke, gerade Jerusalem sollte Mut und Visionen haben. Was ihr Weltbild betrifft, sind alle Extremisten unglaubliche Langweiler. Aber ich sehe durchaus Chancen für diesen Konflikt. Das Land gehört allen und niemandem zugleich. Ich bin optimistisch, was das angeht, und blicke hoffnungsfroh in die Zukunft. Aber Hoffnung braucht eben auch Geduld.
Darf man als Mönch überhaupt politisch sein?
Ich bin keinesfalls parteipolitisch. Natürlich kommuniziere ich es, wenn es um den Nahen Osten geht. Ich mag nicht diese Entweder-Oder-Solidarität und bin weder pro Israel noch pro Palästina, ich bin pro Mensch. Es gibt auf beiden Seiten Vollidioten und auf beiden Seiten Menschen, die sehr leiden.

Papst Franziskus als Fußball-Fan: „Diego Maradona war ein Poet“

Der Dalai Lama hat ein Buch geschrieben, in dem er behauptet, Ethik sei mittlerweile wichtiger als Religion. Sehen Sie das auch so?
Ich kenne das Buch nicht, doch da würde ich ihm massiv widersprechen. Natürlich haben alle Religionen enorm ethische Auswirkungen auf das Leben. Es ist wie ein Sehnsuchtsraum, in dem die Seele frei wird. Und daraus erfolgt auch ethisches Handeln. Keine Religion sagt: Du kannst jeden Menschen umbringen, der dich nervt.
Von der Ethik zu Fußball: Lädt der Papst denn abends zum gemeinsamen EM-Gucken?
Der Papst gilt als großer Fußball-Fan, aber ich habe gehört, dass er gar keinen Fernseher hat. Aber ich bin ja nicht der Papst-Flüsterer. Wir verfolgen die Europameisterschaft hier natürlich schon und wissen auch um die Ergebnisse (lacht).

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