Helena Wehner zeigt Zugvögeln per Ultraleichtflugzeug den Weg nach Italien.
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Helena Wehner zeigt Zugvögeln per Ultraleichtflugzeug den Weg nach Italien.

Zugvögel lernen Strecke kennen

Petersbergerin zeigt Waldrappen per Ultraleichtflugzeug den Weg nach Italien - Helena Wehner ist Ziehmutter

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Wie im Film „Amy und die Wildgänse“ schwebt Helena Wehner in einem Ultraleichtflugzeug über den Wolken. Im Gepäck: Zugvögel mit schwarzem Gefieder, krummen Schnabel und leicht befiedertem Schopf. Ihre Mission: Den fast ausgestorbenen Waldrapp wieder ansiedeln.

Heiligenberg - „Mein Traum? Dass ich als alte Oma in freier Wildbahn Waldrappe sehe. Dann weiß ich, dass das Projekt Früchte getragen hat“, erläutert die Petersbergerin mit einem Schmunzeln. Seit 2017 setzt sich die 23-Jährige für den Ibisvogel ein, der einst in Mitteleuropa weit verbreitet war. Weit verbreitet, bis er im 17. Jahrhundert stark gejagt wurde und schließlich von der Bildfläche verschwand. Seit 2002 besteht allerdings wieder Hoffnung. Ein Team aus Biologen und Naturschützern hat sich unter der Leitung von Johannes Fritz zusammengetan, um den seltenen Vogel in Europa wieder anzusiedeln. (Lesen Sie hier: Projekt „Rotmilan in der Rhön“ ist ein voller Erfolg)

Die Schwierigkeit: „Es handelt sich um Zugvögel, die im Süden überwintern. Erst nach der ersten Reise mit den Eltern ins Winterquartier wissen sie, wohin sie fliegen müssen“, betont die Naturschützerin. Um die Population zu stärken, werden jedes Jahr 32 Vögel – die in Zoos und Tierparks schlüpfen – von Hand aufgezogen und auf die große Migration gen Toskana vorbereitet. „Da die jungen Waldrappe keine Eltern haben, die ihnen den Weg in das Wintergebiet zeigen können, müssen wir Menschen diese Rolle übernehmen“, erzählt Wehner, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal als Ziehmutter fungierte.

Petersbergerin zeigt Waldrappen per Ultraleichtflugzeug den Weg nach Italien

Bestände

Der Waldrapp ist in seiner charakteristischen Lebensweise als Zugvogel in freier Wildbahn bis auf ein Individuum in Syrien ausgestorben. Eine nicht mehr migrierende Wildpopulation lebt noch in Marokko. Weitere von menschlicher Betreuung abhängige Kolonien, die nicht migrieren, leben in der Türkei, in Spanien und in Österreich. Nach der Weltnaturschutzunion IUCN ist der Waldrapp akut vom Aussterben bedroht. In Zoohaltungen wächst jedoch der Bestand und umfasst inzwischen mehr als 2000 Individuen. Die Nachzuchten aus Zoohaltungen bilden die Grundlage für Forschungs- und Arterhaltungsprojekte.

Mit dieser Aufgabe geht eine große Verantwortung einher, schließlich ist sie von Anfang April bis Mitte November sieben Tage die Woche für ihre „Kinder“ verantwortlich. Ein Full-Time-Job, wie die 23-Jährige, die 2015 an der Fuldaer Marienschule ihr Abitur absolvierte, erklärt. „In diesem halben Jahr gibt es kein freies Wochenende. Daher war und ist es mir sehr wichtig, dass Familie und Freunde voll hinter mir stehen.“ Der Grund: Im Falle eines Unfalls oder Todesfalls von Angehörigen könnte sie nicht in die Heimat reisen, da ansonsten die Bindung zu den Vögeln verloren ginge.

Und so fängt die Reise Anfang April mit der Aufzucht der seltenen Vogelart an. Täglich gilt es, so viel Zeit wie möglich mit den Waldrappen zu verbringen. „Die Bindung zwischen Tier und Ziehmutter muss so stark sein, dass sie uns überall hin folgen.“ Konkret liegen die Frauen an den Nestern, halten ihre Köpfe in diese und beschäftigen sich den ganzen Tag mit den Tieren. Die Krux: „Wir müssen uns genau so wie ein Waldrapp verhalten, da sie von uns lernen.“

Video: Wie der Waldrapp am Bodensee das Fliegen lernt

Spende

Das Projekt wurde von der EU von 2014 bis 2019 gefördert. Nun ist das Team auf weitere Spenden angewiesen. Zudem sind Patenschaften möglich.

patenschaft@waldrapp.eu

Förderverein Waldrappteam

IBAN: AT94 3628 1000 0003 2664

BIC: RZTIAT22281

Petersbergerin Helena Wehner hilft, Waldrappe wieder auszusiedeln

Beispiel: Im Trainingszentrum, in das die Vögel nach der Aufzucht ziehen, sind Besucher zugelassen. Diese kommen gelegentlich mit Hunden. „In diesem Fall müssen wir zum Hund schauen und uns in Lauerstellung begeben, damit die Vögel wissen: Es handelt sich um eine Bedrohung.“

Nach fünf Monaten voller Aufopferung, Zuneigung und Training steht schließlich der Tag der Tage für das Waldrapp-Team und die Zugvögel an: die Migration ins Naturschutzgebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in Italien. In fünf bis sieben Etappen gilt es von Heiligenberg bis in die Toskana zu gelangen – angeführt von den Ziehmüttern in einem Ultraleichtflugzeug. „Natürlich planen wir voraus, müssen auf den thermischen Aufwind und die Wettersituation achten.“ Keine leichte Aufgabe, schließlich ist über den Alpen eine Notlandung fast unmöglich. Die Bewältigung der Strecke kann sich auf zwei bis vier Wochen belaufen – je nachdem wie die Wetterlage ist. In 2019 stand sogar ein Rekord zu Buche: 13 Tage.

Eben jener 13. Tag war ein sehr emotionaler für die Tierschützer, da es hieß, Abschied zu nehmen. „Man kennt jeden Vogel und hat eine gewisse Bindung zu ihnen aufgebaut“, erinnert sich Wehner zurück. Und trotzdem bleibt nach diesem Abenteuer für Wehner das Ziel, sich selber und ihren Job abzuschaffen. Bis dies geschieht, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Aktuell wurden 160 Waldrappe erfolgreich ausgesiedelt, die nun ihren eigenen Küken den Weg in die Toskana lehren. In diesem Jahr musste das Projekt aufgrund der Corona-Pandemie eine Pause einlegen. Für 2021 ist die Petersbergerin bereits Feuer und Flamme und möchte nach der Zwangspause wieder als Ziehmutter einen Beitrag für den Waldrapp leisten.

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