Andrea Lanzendörfer (links) spendete ihrer Freundin Andrea Seufert eine Niere.
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Andrea Lanzendörfer (links) spendete ihrer Freundin Andrea Seufert eine Niere.

„Ich hatte nie einen Zweifel“

Ein Geschenk wie ein neues Leben: Petra Lanzendörfer hat in Fulda eine Niere an ihre beste Freundin gespendet

  • Volker Nies
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Ein viel größeres Geschenk kann man einer Freundin nicht machen: Petra Lanzendörfer (60) schenkte vor knapp 20 Jahren ihrer damals schwer nierenkranken besten Freundin Andrea Seufert (60) eine Niere – ein Geschenk wie ein neues Leben.

  • Andrea Seuferts Nieren stellten vor 20 Jahren ihre Arbeit ein.
  • Ihre Freundin Petra Lanzendörfer spendete ihr eine Niere.
  • Die beiden Freundinnen sind seitdem noch enger zusammengewachsen.

Fulda/Bad Kissingen - Die Entwicklung war dramatisch vor 20 Jahren: Die damals 40 Jahre alte Andrea Seufert aus Bad Kissingen wusste seit ihrem 18. Lebensjahr, dass sie schwache Nieren hat. Ihr Leben schränkte das zunächst aber nicht stark ein. Sie bekam sogar zwei Kinder.

Dann aber, vor 20 Jahren, merkte sie, dass die Leistung ihres Körpers nachlässt. Im August 2000 ging sie erstmals zur Dialyse, wenig später stellten ihre Nieren die Arbeit ganz ein. „Trotz Dialyse ging es mir immer schlechter. Obwohl mein Körper Wasser einlagerte, verlor ich an Gewicht. Ich hatte auch Wasser in der Lunge“, berichtet Seufert.

Sie kam bei Euro-Transplant auf die Warteliste für ein Spenderorgan. Die Wartezeit für eine Niere liegt – je nach Blutgruppe – meist zwischen vier und acht Jahren. Nicht wenige Patienten sterben, bevor sie ein Organ erhalten haben.

In Fulda spendete vor 20 Jahren Petra Lanzendörfer eine Niere an ihre Freundin Andrea Seufert

Dass Andrea Seufert zunehmend verfiel, sah Petra Lanzendörfer. Die Frauen sind seit ihrer Kindheit gute Freundinnen. „Schon unsere Eltern waren befreundet“, erzählt Lanzendörfer. Beide arbeiten heute in Bad Kissingen als Rezeptionistin Seufert im Sanatorium, Lanzendörfer in einer Seniorenresidenz.

Bei den Freundinnen kam der Gedanke an eine Lebendspende auf: Petra könnte Andrea eine Niere spenden. Der Gedanke war zunächst vage. Das änderte sich an Weiberfastnacht 2001. Die Frauen besuchten in Fulda einen Vortrag von Prof. Dr. Winfried Fassbinder – zum Thema „Lebendspende“. Seuferts Bad Kissinger Nierenarzt Dr. Günther Schönweiß hatte Kontakte nach Fulda. Fassbinder stellte in einer Präsentation den Ablauf einer Lebendspende vor.

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„Ich bin niemand, der lange grübelt“, sagt Lanzendörfer. „Für mich war es selbstverständlich, dass ich eine meiner zwei Nieren spende. Manche Menschen haben von Geburt an nur eine Niere.“

Lanzendörfer: Ich hatte nie einen Zweifel, dass ich eine Niere spenden will

An Rosenmontag war sie wieder in Fulda bei Prof. Fassbinder – diesmal, um eine Blutprobe abzugeben. „Dabei wurde geprüft, ob unsere Gewebebestandteile zueinander passen. Unsere Gewebe ähnelten sich so stark, dass Professor Fassbinder witzelte, es sehe fast so aus, als hätten wir einen gemeinsamen Vater.“

Für Lanzendörfer schlossen sich viele Tests an. Von Psychologen wurde sie gefragt, warum sie zur Spende bereit und ob sie sich über das Ausmaß ihres Handelns bewusst sei. „Ich hatte nie einen Zweifel, dass ich eine Niere spenden will. Mein Mann und meine Eltern hatten Bedenken, aber ich war mir meiner Sache immer sicher.“

Andrea Seufert hingegen zögerte zunächst. „Man überlegt, ob man solch ein großes Geschenk annehmen kann. Ich wusste ja auch nicht, ob alles gut geht bei der OP – bei Petra und bei mir.“ Das bemerkte auch Petra: „Andrea hat sich zunächst gesträubt. Ich habe Druck gemacht. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass die Organspende richtig ist. Am Ende gab dann auch Andrea ihre Zustimmung.“

Andrea Seuferts Körper nimmt neue Niere sofort an

Als der Kontakt nach Fulda einmal hergestellt war, war es klar, dass auch dort die OP durchgeführt werden sollte. Zudem war in Bayern damals die Lebendspende von Nicht-Verwandten untersagt, in Hessen aber erlaubt.

Am 12. September 2001 wurde die Niere von Prof. Dr. Tilman Kälble transplantiert. Als Petra Lanzendörfer aufwachte, stand ein Pfarrer an ihrem Bett. „Ich dachte an das Schlimmste. Aber die Präsenz des Geistlichen war Zufall.“ Bei Andrea Seufert nahm die neue Niere sofort die Arbeit auf, sie funktionierte gut und produzierte Urin. „Professor Kälble scherzte, ab sofort würde die Wasserrechnung bei uns zuhause wieder höher“, erinnert sich Seufert.

Freundinnen sind seit der Nierenspende noch enger zusammengewachsen

Seit 19 Jahren nun arbeitet ihre neue Niere – ohne Probleme. „Ich achte darauf, dass ich genug trinke, nehme Cortison, Medikamente gegen hohen Blutdruck und gegen die Abstoßung. Ansonsten habe ich keine Einschränkungen.“

Seit der Nierenspende ist die Beziehung der Freundinnen noch enger geworden. Einmal im Jahr fahren sie in den Urlaub – erst die Frauen, dann kommen ihre Männer nach. „Ich bin unendlich dankbar für das Geschenk. Wer weiß, wo ich heute ohne Andreas Niere wäre“, sagt Petra Seufert.

Groß gefeiert haben sie den Tag, als eine Niere den Körper wechselte, nicht. Petra Lanzendörfer sieht die Spende nüchtern: „Es gibt zu wenige Organspenden. Mit einer Nierenspende tut man so viel Segensreiches, ohne selbst wirklich viel aufzugeben.“

Lesen Sie einen zweiten Artikel über das Fuldaer Nierentransplantationszentrum in der Print-Ausgabe vom 5. September sowie im E-Paper.

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