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Früher Pfarrer, heute verheiratet: Jan Kremer über den Zölibat und sein neues Leben

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Von: Daniela Petersen

Seit Dezember 2019 sind Jan und Christin Kremer verheiratet.
Im Dezember 2019 hat der ehemalige Pfarrer Jan Kremer seine Christin geheiratet. © privat

Der ehemalige Petersberger Pfarrer Jan Kremer hat 2018 sein Amt niedergelegt, um mit einer Frau zusammen zu sein. Jetzt spricht er erstmals öffentlich über sein neues Leben - und mögliche Reformen in der katholischen Kirche.

Fulda - Jan Kremer (50) war 20 Jahre lang Priester, die meiste Zeit davon als Pfarrer in Petersberg und Ziehers-Nord in Fulda – bis er eine Frau kennenlernte und nicht mehr zölibatär leben wollte. Im Interview erzählt er, wie es zu diesem Entschluss kam und dass sich in der deutschen Kirche gerade viel tut.

Herr Kremer, Sie haben 2018 einen mutigen Schritt gewagt und das Amt als Pfarrer niederlegen müssen, weil Sie eine Frau kennengelernt haben und nicht mehr zölibatär leben wollten. War es der richtige Schritt?

Ja, davon bin ich fest überzeugt.

Seit 2019 sind Sie mit Christin verheiratet. Sie hat zwei Töchter mit in die Ehe gebracht, die elf und zwölf Jahre alt sind. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Das war nie geplant. Ich bin nie auf die Suche gegangen. Es passierte eher zufällig. Sie hat damals in Petersberg gewohnt. Sie kam zur Pfarrhaustür mit irgendeinem Anliegen. Wir wissen beide nicht mehr so richtig, was es war.

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Zur Person

Jan Kremer (50) war von 1998 bis 2018 katholischer Priester, zuletzt rund 15 Jahre in den Pfarreien St. Peter in Petersberg und St. Paulus in Ziehers-Nord. Anfang Juli 2018 legte er das Amt nieder, weil er mit einer Frau zusammen leben wollte. Seit Dezember 2019 sind Jan und Christin Kremer verheiratet und leben mit zwei Töchtern, die sie mit in die Ehe brachte, in Maiersbach.

Und diese Begegnung ließ Sie am Zölibat zweifeln.

Als Priester ist man immer wieder damit konfrontiert. Man hat ja mit Menschen zu tun. Man ist auch mit Frauen konfrontiert, die es definitiv darauf anlegen. Damit lernt man auch umzugehen. In unserem Fall war das jedoch nicht so. Es ist einfach so passiert. Aber sicher wäre es nicht passiert, wenn bei mir keine Grundeinsamkeit dagewesen wäre.

Was meinen Sie damit?

Das Alleinsein über die vielen Jahre ist nicht ganz einfach. Mir hat Zweisamkeit und Partnerschaft schon gefehlt. Aber ich hatte das nicht infrage gestellt. Das war einfach so. Gerade an Feiertagen ist es schwer. Man feiert gemeinsam die Taufe oder einen Gottesdienst, dann gehen alle ihrer Wege, und als Pfarrer sitzt man dann in seiner Bude. Wenn man Glück hat, ist ein Kollege da. Aber das sind die Momente, wo man am ehesten die Einsamkeit spürt.

Und man das Familienleben vor Augen hat, das man nie haben kann?

Ja. Aber für mich war von Anfang an auch klar: Ich will nicht zweigleisig fahren. Die Zeit, bevor wir es im Sommer 2018 öffentlich gemacht haben, war schwierig genug.

„Die böse Kirche und der arme Pfarrer. Das wollte ich nicht.“

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Wann haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Das war 2016. Als Pfarrer hat man auch viele längerfristige Verpflichtungen wie Hochzeitstermine. Als wir den Entschluss gefasst haben, dass wir zusammen sein wollen, habe ich mir den Kalender vorgenommen und geschaut, wie lange ich noch feste Termine habe. Mir war immer wichtig, das sauber abzuarbeiten. So ist es zu dem Zeitpunkt im Sommer 2018 gekommen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Es gab stapelweise Post, E-Mails, WhatsApp, das volle Programm, da war nicht eine einzige negative Rückmeldung dabei. Einige wussten es schon vorher, mit meinem besten Freund habe ich darüber gesprochen. Auch meine Sekretärin und meine Haushälterin waren eingeweiht. Denen musste ich es ja sagen, weshalb ich ab einem bestimmten Tag keinen einzigen Termin mehr annehme. Meine Mutter war erstmal überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie meinte aber, wenn es für mich das Richtige ist, dann ist es gut so.

Und das Bistum?

Zu dem Zeitpunkt war Bischof Algermissen schon emeritiert und Bischof Gerber noch nicht da. Es fiel also in die Zuständigkeit von Weihbischof Diez. Er war wenig begeistert, Priester fehlen an allen Ecken. Aber das Bistum muss reagieren, unabhängig davon, wie der Bischof das findet. Sobald er offiziell darüber informiert ist, muss er mich vom Dienst suspendieren. Was im Prinzip heißt, dass der Bischof der Letzte ist, mit dem man darüber redet.

Im Vorfeld hatte ich mit dem Personalchef, Christof Steinert, gesprochen. Er war es auch, der es dann der Gemeinde verkündet hat.

Dass das Bistum Sie suspendieren muss, was halten Sie davon?

Mir waren die Konsequenzen immer sehr bewusst. Mir war klar, dass sich von einem Tag auf den anderen alles ändert, sowohl beruflich als auch privat. Hinzu kam, dass das ja überall berichtet wurde. Es standen Fernsehsender vor der Tür, der Hessische Rundfunk, die „Bild“-Zeitung. Ich habe es damals konsequent abgelehnt, darüber zu sprechen. Ich wollte keine große Welle daraus machen.

Warum?

Was kommt dabei als Aussage raus? Die böse Kirche und der arme Pfarrer. Das wollte ich nicht.

Aber jetzt sprechen Sie darüber.

Jetzt ist ein Stück Zeit vergangen, und ich finde es auch gut und angebracht, mich zu äußern. Damals wäre es für die Gemeinde ungut gewesen. Jetzt kann jeder ohne Emotionen besser damit umgehen.

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Sie waren 20 Jahre lang Priester. Vermissen Sie die Arbeit?

Zum Teil schon. Ich habe die Arbeit gerne gemacht. Es war eine Arbeit mit Menschen von Jung bis Alt, die mich immer erfüllt hat.

Sie sind jetzt Lehrer am Domgymnasium und in der Haupt- und Realschule in Hofbieber, unterrichten Ethik, Philosophie und katholische Religion. Haben Sie damit eine neue Berufung gefunden?

Ja, das ist auch Berufung, und ich darf weiterhin junge Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten. Es ist eine andere Arbeit. Aber sie ist auch schön. Ich hänge nicht vergangenen Zeiten nach. So wie es ist, bin ich jetzt auch erfüllt. Und was soll ein Theologe beruflich außerhalb der Kirche sonst machen? Innerhalb ist es erstmal schwierig.

Sie sagen „erstmal“: Vielleicht ändert sich das ja bald.

Vielleicht ändert sich das. Aber das braucht Zeit.

Sie sind 50. Glauben Sie, dass Sie es noch erleben werden, dass der Zölibat abgeschafft wird?

Ich glaube schon. Vielleicht nicht insgesamt, aber in Teilkirchen, da gehe ich von aus. Der Zölibat ist letztendlich ein Kirchengesetz, es ist keine Glaubensfrage.

Ein Argument für den Zölibat ist, dass der Priester sich dann ganz auf seine Aufgabe konzentrieren kann. Was sagen Sie dazu?

Da ist schon was dran. So wie heute priesterlicher Dienst in der Kirche gelebt wird, ist es nicht mit Familie vereinbar.

Wieso?

Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag einsatzbereit sein – das ist für eine Familie schwer. Es muss sich auch in der Struktur einiges ändern, damit Pfarrer, wenn sie verheiratet sind, überhaupt eine Chance haben, Familie zu leben. Im Moment ist alles darauf abgestellt, dass man zölibatär lebt. Nur den Zölibat aufheben, das reicht nicht.

Sie meinen die vielen bürokratischen Aufgaben, die ein Pfarrer oft miterledigen muss.

Das ist etwas, das auch mir immer zu schaffen gemacht hat: Dass die Seelsorge, der eigentliche Auftrag, für den ich als Priester da bin, oft hinter dem ganzen Verwaltungskram zurückbleiben musste. Dass der Haushaltsplan gemacht ist oder die Jahresrechnung, das muss ich nachweisen. Ob ich meine Seelsorge ordentlich betreibe, danach fragt keiner. Das muss man vor sich selbst verantworten.

Was muss sich ändern, damit Kirche das schlechte Image ablegen kann?

Kirche muss sich auf ihre eigenen Dienste besinnen und das auch transportieren. Der sakramentale Dienst, der Dienst am Nächsten, das sind alles Dinge, die die Kirche macht. Die Caritas ist riesengroß. Das gehört alles dazu. Aber wie nehmen wir Kirche wahr? Als eine Institution mit Skandalen, in der wenig voran geht. Es geht viel voran in der Kirche, aber die Kirche schafft es nicht, das zu transportieren, dass die Menschen das auch wahrnehmen.

Das gesamte Interview mit Jan Kremer lesen Sie in der Samstagausgabe der Fuldaer Zeitung (19. Februar) und im E-Paper. Online erscheint eine gekürzte Fassung.

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