Die Polizisten Peter Stehling (links) und Daniel Kretz stehen nach einem Einsatz auf dem Universitätsplatz in Fulda.
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Die Polizisten Peter Stehling (links) und Daniel Kretz stehen nach einem Einsatz auf dem Universitätsplatz in Fulda.

Auf Streife

Loch im Kopf und Trunkenheit am Steuer: Nachts auf Streife mit zwei Beamten der Fuldaer Polizei

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Alle Polizistinnen und Polizisten sind in irgendeiner Form berufen. Sie riskieren ihre seelische und körperliche Gesundheit, werden nicht selten angespuckt und angemacht. Trotzdem haben die Polizisten Peter Stehling und Daniel Kretz „den besten Job der Welt“.

Fulda - Ausgelaugt sitzen der 55-jährige Hauptkommissar Peter Stehling und der 33-jährige Oberkommissar Daniel Kretz zum Schichtende an ihren Rechnern und schreiben die Protokolle zu den Einsätzen. Sie reiben sich die geröteten Augen, hin und wieder gähnt einer von beiden. Und trotzdem: Was sie tun, tun sie gern und mit Herzblut.

Als es gegen 19 Uhr zum ersten Mal an diesem Abend zu einem Einsatz geht – Verdacht der Trunkenheit am Steuer – greift Stehling schnell den Autoschlüssel und springt in den Wagen, Kretz setzt sich auf den Beifahrersitz. Mit Blaulicht und Martinshorn geht es durch die Fuldaer Innenstadt. (Lesen Sie hier: Weniger Straftaten, aber mehr Beamte: Polizei will Sicherheitsgefühl erhöhen)

Fulda: Loch im Kopf und Trunkenheit am Steuer - Nachtdienst mit der Polizei

Leise läuft noch das Radio von der letzten Fahrt mit dem Auto, ein Song aus den Achtzigern. Die Melodie von „You can call me Al“ von Paul Simon beißt sich mit dem Kreischen des Martinshorns. Kretz schaltet das Radio aus und funkt durch, dass die Streife sich auf dem Weg befindet – um einen mutmaßlich betrunkenen BMW-Fahrer zu erwischen. Kretz und Stehling wollen Schlimmeres verhindern. Mit konzentriertem Blick lenkt Stehling den Wagen.

Als die Streife am Einsatzort ankommt, steht das Auto vor der Pizzeria, kein Fahrer weit und breit. Der sitzt hinten auf der Terrasse und zischt entspannt sein Bier und ahnt nicht, dass Kretz und Stehling wegen ihm alarmiert wurden. Er muss pusten – was den Verdacht bestätigt, dass er unter Alkohol steht. Als Präventivmaßnahme stellen die Schutzmänner den Autoschlüssel sicher. Am nächsten Morgen kann er ihn sich wieder abholen – nüchtern.

Die Bereitschaftspolizei aus Mühlheim unterstützt die Streifen der Fuldaer Polizei im Bermuda-Dreieck.

In dieser Freitagnacht sind Stehling und Kretz zivil unterwegs. Die beiden Polizisten tragen eine Schutzweste und ihre Alltagskleidung. Außerdem fahren sie ein Auto, das nur dann nach Polizeiwagen aussieht, wenn Stehling das magnetische Blaulicht für Alarmfahrten auf das Autodach klebt. Es gibt sowohl zivile als auch uniformierte Streifen im Dienst. Zivil zu fahren sei aufwendiger, weil zum Beispiel für die Handschuhe am Waffengürtel kein Platz ist. Stehling selbst fährt in Uniform, wenn er auf dem Motorrad unterwegs ist.

Fuldaer Polizist seit 40 Jahren im Dienst: „Er hat immer noch Bock“

Stehling ist seit knapp 40 Jahren Polizist. Gelernt hat er in Kassel, seit Mitte der 1990er Jahre ist er in Fulda. „Nach so vielen Jahren auf Streife hat er immer noch Bock“, stellt Kretz fest. Er selbst hat seine Laufbahn ebenfalls in Kassel begonnen und war dann lange bei der Autobahnpolizei in Südhessen und am Frankfurter Hauptbahnhof stationiert. „Dann kamen die Kinder – dann wollte ich das nicht mehr“, sagt er.

Die Serie

Wie geht es den Menschen in Berufen, in denen sie Leib und Leben riskieren? Was macht eigentlich ein Landwirt, wie läuft der Nachtdienst bei der Polizei, was machen eigentlich Politiker den ganzen Tag? In der Serie „Berufen zum ....“ stellen wir Berufe vor, die eher eine Berufung sind, und stellen den Alltag der Menschen vor, die sich berufen fühlen. Im ersten Teil der Serie geht es um den Beruf des Polizisten.

Er habe nie mitten in Frankfurt gewohnt, bei all den Leuten, denen er im Job immer wieder begegnete und deren elendigste Momente er mitbekam. Seit er Vater ist, steht er zu seiner Entscheidung, ins ruhigere Fulda gekommen zu sein. „Es ist gut, Erfahrungen in der Großstadt zu sammeln, wenn man jung ist“, erklären Stehling und Kretz. Aber Fulda habe eindeutige Vorteile, da sind sich die beiden Polizisten einig. Um 20.03 Uhr geht es wieder zurück ins Präsidium, dieses Mal ist es keine Alarmfahrt.

Fotostrecke: Im Nachtdienst mit zwei Beamten der Fuldaer Polizei

Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife.
Unser Redaktionsmitglied Alina Komorek war eine Nacht mit Polizeihauptkommissar Peter Stehling und Polizeioberkommissar Daniel Kretz auf Streife. © Jonas Wenzel

22.23 Uhr – „Mann mit Loch im Kopf“ ist das Stichwort für den nächsten Einsatz. „Das kann jetzt alles sein – eine Schussverletzung, ein Unfall, eine Schlägerei“, erklärt Stehling. Wieder fahren die beiden durch die Nacht. Am Einsatzort leuchtet bereits das Blaulicht eines Rettungswagens durch die Straße. Im Flur ist überall Blut. Hinter einer Tür bellen Hunde, sie werden noch lauter, als Kretz und Stehling an der verschlossenen Tür vorbeigehen.

Die Kräfte des Rettungswagens haben die Situation im Griff, Stehling und Kretz befragen einen Freund des Verletzten. Was ist passiert? Sie wägen ab – ist der Mann vertrauenswürdig, können sie ihm glauben? Ja, sie sind sich einig. Der Verletzte ist kaum ansprechbar. Er weiß selbst nicht, wie es zu der Kopfverletzung kam. Sein Freund auch nicht. (Lesen Sie auch: Einsatz in Leipziger Straße - Zeugen sprechen von „blutüberströmten Mann“)

Blut und Urin landen nicht selten auf Polizisten

Der blutende Mann soll ins Krankenhaus gebracht werden. Als die Türen des Rettungswagens schon geschlossen sind, wird es noch einmal brenzlig. „Ihr solltet mal kommen – schnell“, ruft eine Sanitäterin. Kretz und Stehling rennen zum Rettungswagen. Der Verletzte steht neben sich, schlägt um sich – zu fünft halten sie ihn fest, um ihn behandeln zu können. Der Boden des Rettungswagens ist voller Blut. Als der Mann ruhiger wird, wischen sich die Polizisten sein Blut von den Handschuhen und der Kleidung. Solche Dinge passieren immer wieder. „Nach so einem Erlebnis bin ich schon einmal direkt zum Duschen gefahren“, erzählt Stehling später. Damals habe ihm eine Frau Urin übers Gesicht gekippt.

Nach zwei Ruhestörungen, einigen Verkehrskontrollen und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz im Umkreis des Bermuda-Dreiecks stößt die Streife von Stehling und Kretz um 2.56 Uhr zu einem Einsatz der Bereitschaftspolizei aus Mühlheim dazu. Die ist an Wochenenden manchmal zusätzlich in Fulda im Einsatz. Auf der Künzeller Straße liegt eine junge Frau mit einer speziellen Haube über dem Kopf, drei Polizisten fixieren Arme und Oberkörper, eine Polizistin die Beine. Die Haube haben die Polizisten immer dabei – sie soll verhindern, dass sie angespuckt werden. Die junge Frau wurde aufgegriffen, weil sie Schlangenlinien gefahren war. Sie pustete. Ergebnis: Sie stand unter Alkoholeinfluss und sollte ihren Führerschein abgeben.

Daraufhin zückte sie ein Messer und versuchte, sich zu verletzen. Überall Blut, zum zweiten Mal an diesem Abend. Alle möglichen Beleidigungen gegen die Polizei. Erst das Beruhigungsmittel der Sanitäterinnen hilft. Zwischendurch ruft die Frau nach ihrer Mama. Für die Blutentnahme zur genauen Feststellung des Blutalkohols fährt Kretz im Rettungswagen mit, Stehling wartet in der Notaufnahme. Die Frau schläft, als die Ärztin ihr das Blut entnimmt. Im Nebenzimmer liegt der Mann mit der Kopfverletzung.

Auf dem Weg in ein Haus, in dem in der Nacht eine Ruhestörung gemeldet wurde. Weil man nicht weiß, was passiert, wenn die Wohnungstür aufgeht, muss die Polizei auch bei diesem Einsatz immer aufmerksam sein.

Dass Stehling und Kretz einem Mann, der sein Portemonnaie verloren hatte, dieses mit dem gesamten Inhalt zurückbringen konnten, war ein heller Augenblick der Nacht. „Es gibt noch ehrliche Leute“, sagt Kretz über den Finder der Geldbörse, der sie im Präsidium abgegeben hatte. Weil solche Momente im Polizeialltag rar sind, ist es für die beiden besonders wichtig, mit den Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen, mit ihnen zu scherzen und zu lachen. „Aber wenn wir vor Ort sind, sind wir wieder völlig konzentriert“, erzählt Stehling.

Kurz vor Dienstschluss bricht die blaue Stunde an. „Wenn wir morgens nach zehn Stunden im Dienst eine Schlägerei haben und die zu Papier bringen müssen, ist das anstrengend“, gibt Stehling zu, während Kretz gegenüber sich die geröteten Augen reibt und mehrfach blinzelt. „Unsere Protokolle müssen die Einsätze ganz genau darstellen für mögliche anschließende Gerichtsverhandlungen“, erklärt der Hauptkommissar. Dann gähnt auch er. Im Dienst könne er gut durchmachen, aber mit Ende der Nacht merke er dann doch irgendwann die Müdigkeit.

Video: So läuft ein Schießtraining der Polizei ab

Nur ganz selten nehmen die beiden die Erlebnisse aus der Nacht mit nach Hause, sagen sie. Wenn sie die Waffe wegschließen und aus der Polizeistation ins Freie treten, lassen sie die Nacht hinter sich. Zuhause duschen sie, essen vielleicht etwas und schlafen dann ein paar Stunden. „Meistens so bis zwölf Uhr“, sagt Kretz. Mit dem Nachtschlaf sei die Ruhe nach einem Nachtdienst nicht zu vergleichen, sagt er und reibt sich ein weiteres Mal die Augen.

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