Eine Seniorin telefoniert mit ihrem Smartphone.
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Enkeltrick, falsche Polizeibeamte und vermehrt Schockanrufe – die Zahl der Betrugsdelikte nimmt im Bereich des Polizeipräsidiums Osthessen zu. (Symbolfoto)

Ermittler setzen auf Prävention

Betrugsmaschen immer perfider: Polizei in Fulda warnt vor Trickbetrug und Schockanrufen

  • Andreas Ungermann
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Enkeltrick, falsche Polizeibeamte und vermehrt Schockanrufe – die Zahl der Betrugsdelikte nimmt auch im Bereich des Polizeipräsidiums Osthessen zu. Das setzt stark auf Prävention und Sensibilisierung der Bevölkerung.

Kreis Fulda - Gefühlt wöchentlich gehen Pressemeldungen der Polizei in der Redaktion der Fuldaer Zeitung ein, in denen vor Trickbetrügern gewarnt wird. Nahezu ebenso oft scheinen sich deren Maschen zu ändern. „Die Täter sind kreativ und passen sich schnell den Lebenswirklichkeiten an“, bestätigt Hendrik Mikulasch, Leiter Betrugsermittlungen bei der Kriminalpolizei in Fulda.

War es anfangs im Wesentlichen der vermeintliche Enkel, der die „Oma“ raten ließ, wer am Telefon sei, um dann nach Geld zu fragen, so riefen später falsche Polizeibeamte – oft mit der Anruferkennung 110 – bei vornehmlich älteren Leuten an. Sie gaben vor, Geld und Wertgegenstände abzuholen, um diese vor Einbrechern zu sichern. Heute wird in sogenannten Schockanrufen vorgegaukelt, dass Familienmitglieder in rechtlichen Bredouillen seien und Kautionszahlungen benötigt würden, oder aber – begünstigt durch die Corona-Pandemie – dass schnell Zahlungen fließen müssten, um medizinische Behandlungen zu finanzieren.

Fulda: Ermittler vom Polizeipräsidium Osthessen warnt vor Betrugsmaschen

Der Ablauf bei diesem Callcenter-Betrug ist laut dem Kriminalhauptkommissar aus Fulda immer derselbe: Die Anrufer – meist aus dem Ausland – suchen ihre Opfer anhand älter klingender Vornamen. Ob sie dabei auch auf kurze Telefonnummern achten, die nahelegen, dass es sich um ältere Anschlüsse und damit um ältere Inhaber handelt, vermag Kriminalhauptkommissar Mikulasch nicht sicher zu sagen, schließt dies aber nicht aus. Im Telefonat wird dann Druck aufgebaut, um einen oft fünfstelligen Geldbetrag aus den Opfern herauszupressen. Abholer übernehmen den Rest.

„Die Anrufe kommen wellenartig. Mal ist ein Landkreis betroffen, mal eine Stadt – das kann im Tagesverlauf wechseln. Der Grund ist, dass die Anrufer aktiv werden, wenn sie von ihren ,Logistikern‘ erfahren haben, wann und wo in Deutschland Abholer zur Verfügung stehen, die dann die Beute einkassieren sollen. In Spitzenzeiten werden täglich 30 bis 50 Telefonate aus Osthessen bei uns gemeldet“, erläutert der Ermittler. Betrugsversuche im „mittleren dreistelligen Bereich“, von denen tatsächlich nur ein kleiner Teil erfolgreich für die Betrüger ist, laufen so jährlich bei ihm und seinen Kollegen auf – Dunkelziffer unbekannt. (Lesen Sie hier: Betrüger bringen Rentnerin (80) aus dem Main-Kinzig-Kreis um ihr Erspartes)

Täter gehen „hochprofessionell“ vor und legen falsche Fährten - Ermittler aus Fulda berichtet

Genau die Dunkelziffer birgt aber laut dem Kriminalhauptkommissar eine Gefahr: „Für uns ist es wichtig, dass wir von diesen Straftaten erfahren“, sagt er. Schließlich liegt genau hier ein Arbeitsansatz der Polizei. „An die Hintermänner im Ausland heranzukommen, ist unglaublich schwierig. Aber wir können die Abholer ergreifen“, erklärt Mikulasch. Dazu bedürfe es jedoch im Optimalfall der Mithilfe potenzieller Opfer, um die Beute-Boten auf frischer Tat zu ertappen.

Hendrik Mikulasch ist Leiter der Betrugsermittlungen bei der Kriminalpolizei in Fulda.

Allerdings ist das nicht einfach, weil die Täter „hochprofessionell vorgehen und bisweilen Lunte riechen oder falsche Fährten legen“. Wie sie das tun und wie die Polizei dem begegnet, will der Kriminalhauptkommissar nicht verraten, um seine Arbeit nicht zusätzlich zu erschweren. Das nämlich tut schon die Corona-Pandemie zur Genüge: „Zu Corona-Zeiten tragen auch die Abholer Mund-Nasen-Schutz. Das macht es Zeugen schwer, sich an sie zu erinnern“, schildert der Beamte.

Aber ist die Arbeit der Betrugsermittler nicht mitunter frustrierend oder aufwühlend, angesichts ständig wechselnder und immer fieser werdender Methoden? „Wut und Frust können wir uns nicht erlauben, wir müssen professionell bleiben, denn das ist die Gegenseite auch. Ich würde eher sagen, es spornt uns an: Wir nehmen jeden Fall ernst, aber je perfider die Masche ist, desto intensiver arbeiten wir, um die Bürger zu schützen“, sagt Mikulasch.

Trickdiebe nutzen Corona-Angst: So schützen Sie sich vor Betrügern

Dass ihn das Vorgehen der Trickbetrüger insbesondere bei den Schockanrufen dennoch nicht gänzlich kalt lässt, ist aus seinen Worten herauszuhören. „Bei Schockanrufen geht es wahnsinnig emotional zur Sache, weil die Täter enormen Druck aufbauen. Die stimmen nämlich ihre Geschichten nicht nur auf ihre Zielpersonen ab und versuchen diese abzuschirmen, sondern spielen mit Panik und Urängsten. Da wird vorgespielt, dass Menschen hohe Strafen drohen, wenn keine Kaution gestellt wird, oder dass Verwandte in Lebensgefahr schweben – oft noch mit Hilferufen im Hintergrund. Das ist unheimlich belastend und führt dazu, dass sich Opfer aus Scham und Angst nicht an uns wenden“, weiß Mikulasch und fügt an: „Deshalb ist es so wichtig, dass beispielsweise Bankmitarbeiter sensibilisiert sind, wenn Leute hohe Geldsummen abholen, oder Taxifahrer, die vielleicht jemanden zur Geldübergabe fahren sollen.“

Drei Fragen an Marco Hohmann, Kriminalhauptkommissar beim Polizeipräsidium Osthessen

Die Trickbetrüger sind kreativ. Wie stellen Sie sich in der Prävention auf neue Maschen ein?
Wir versuchen, selbst wie die Täter zu denken und dabei gesellschaftliche Entwicklungen und aktuelle Situationen einzubeziehen. Das gelingt uns sehr oft und wir müssen feststellen, dass unsere Hypothesen in der Realität dann auch so eintreffen. Beispielsweise Covid-19: Da werden inzwischen viele Anrufe getätigt, in denen den Opfern suggeriert wird, einem Verwandten oder einem Freund gehe es sehr schlecht und er brauche dringend Geld für Medikamente. So etwas baut großen Druck auf die Betroffenen auf. Umso wichtiger ist es für uns dann, die Bevölkerung zügig zu warnen.
Was raten Sie der Bevölkerung oder gerade älteren Menschen?
Viele Betroffene blicken die Betrugsversuche gleich, und reagieren richtig. Eine Rückversicherung bei Freunden und Verwandten – beispielsweise durch einen Anruf – kann Schaden verhindern. Wichtig ist es dabei, nicht die Rückruftaste zu verwenden, sondern bekannte Nummern neu zu wählen. Am Telefon sollten zudem niemals persönliche Daten und Informationen preisgegeben oder Zusagen zu Zahlungsforderungen gemacht werden. Noch immer rufen „falsche Polizeibeamte“ mit der Rufnummernübermittlung 110 an, das tun wir nicht. Auf alle Fälle sollte bei verdächtigen Anrufen zügig die Polizei kontaktiert werden. Wir haben früher viele Vorträge gehalten, Vereine und Seniorennachmittage besucht.
Die Möglichkeit wäre weiterhin wichtig, funktioniert aber leider im Moment wegen Corona nicht. Umso wichtiger ist es für uns, Warnungen über die Medien wie die Zeitung oder über die sozialen Medien wie etwa unseren Twitterkanal @polizei_oh zu streuen. Über Instagram erreichen wir zwar die älteren Menschen nicht, aber das kann zur Aufklärung in Familien beitragen. Wichtig ist zudem, dass sich Betroffene an unsere Seniorenberater in den Kommunen wenden oder sich über unsere Internetseite www.senioren-sind-aufzack.de informieren.
Können sich denn Menschen auch an Sie wenden, wenn es schon zu spät ist?
Das ist selbstverständlich auch möglich, wir haben bei uns auch eine Opferberaterin, die sich um die Geschädigten kümmert. Da geht es häufig nämlich nicht nur um den finanziellen Verlust – bisweilen im sechsstelligen Bereich –, sondern auch um psychische Belastungen. Viele Betroffene, die oft auch die Warnungen kannten, fragen sich: „Wie konnte das gerade mir passieren?“ Da ist jede Menge Scham und auch Angst im Spiel. Diesen Menschen steht unsere Beraterin zur Seite. Und wir nehmen aus solchen Gesprächen auch Erfahrungen für unsere weitere Aufklärungsarbeit mit.

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