Die Angeklagte wird beschuldigt, einen Mann mit Schlafmittel betäubt zu haben. (Symbolfoto)
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Die Angeklagte wird beschuldigt, einen Mann mit Schlafmittel betäubt zu haben. (Symbolfoto)

Schlafmittel und Teppichmesser

Mann vergiftet und verletzt? - Angeklagte ist in Peru statt im Landgericht Fulda

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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2016 soll eine damals 30-Jährige versucht haben, ihren von ihr getrennt lebenden Ehemann umzubringen. In Fulda soll ihr deshalb nun der Prozess gemacht werden, aber auch zum zweiten Termin blieb sie dem Landgericht fern – sie weilt in ihrem Heimatland Peru.

Fulda - Der Vorwurf klingt grausam und heimtückisch: Als die damals 30-Jährige im Jahr 2016 erfahren habe, dass ihr zu jener Zeit von ihr getrennt lebender Ehemann sich in eine andere Frau verliebt hatte, soll sie den Entschluss gefasst haben, ihn aus Eifersucht zu töten. Nach einem Suizid habe die Tat in Fulda aussehen sollen. Dazu habe sie ihm Benzodiazepin – ein Schlafmittel – in ein Getränk gemischt, um ihn zu betäuben. Dann, so die Anklage, habe sie ihm mit einem Teppichmesser die Pulsader aufgeschnitten und dabei die Beugesehnen seiner Finger durchtrennt.

Dass der heute 47-Jährige als Nebenkläger im Sitzungssaal 1 des Landgerichts erscheinen kann, hat er dem Umstand zu verdanken, dass seine damalige Frau den Rettungsdienst gerufen habe, als er aufwachte. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Aufgabe des Tötungsvorsatzes, weshalb sie nun wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung angeklagt ist. Für diese stehen immerhin Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren – in minderschweren Fällen drei Monate bis fünf Jahre – im Raum.

Fulda: Angeklagte bleibt Gerichtssaal schon zum zweiten Mal fern - Gutachter aus Frankfurt reist umsonst an

Der Sechsten Großen Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Dr. Jochen Müller will sich die gebürtige Peruanerin trotz eines Entgegenkommens offenbar nicht stellen. Der Stuhl der Angeklagten im Fuldaer Landgericht bleibt am Mittwochmorgen leer – zum zweiten Mal. Schon im Dezember, als die Verhandlung erstmals angesetzt war, weilte sie in ihrem Heimatland. Angeblich, weil sie keine Betreuung für ihre Tochter gefunden habe.

Das, was das Verfahren hätte vereinfachen sollen, hat es indes kompliziert werden lassen: Eine Verständigung zwischen den Prozessbeteiligten hatte eine nach wie vor ergebnislose Korrespondenz zur Folge. Der 35-Jährigen war eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung angeboten worden – unter der Auflage, dass sie sich vor Gericht vollumfänglich geständig und reuig zeigt. Zudem sollte sie vor einem möglichen Urteil ein Schmerzensgeld in Höhe von rund 7000 bis 7500 Euro an ihren Mann zahlen, der sich im Gerichtssaal immer wieder seine Hand reibt und wie der gemeinsame Sohn noch heute nicht nur körperlich, sondern auch psychisch angegriffen sei. Auch ein rechtsmedizinischer Gutachter ist aus Frankfurt für den Prozess angereist – umsonst. (Lesen Sie hier: Polizisten erklären im Mordprozess vor dem Landgericht Fulda: Blut der getöteten Ärztin klebte an seiner Kleidung)

Staatsanwältin Dr. Christine Seban aus Fulda beantragte im Dezember einen internationalen Haftbefehl

Knapp eine Viertelstunde zeichnet Richter Dr. Müller die Ereignisse seit jenem 16. Dezember nach, als die Beschuldigte erstmals nicht zur Verhandlung erschienen war. Schon damals hatte Staatsanwältin Dr. Christine Seban die Ausstellung eines internationalen Haftbefehls beantragt. Der hätte ausgesetzt werden können, wenn die heute 35-Jährige mit einem Geständnis für Klarheit in dem Fall gesorgt hätte. Damals war der 47-Jährige zwar noch bereit, der Vereinbarung zuzustimmen, nicht aber, sich auf einen persönlichen Täter-Opfer-Ausgleich einzulassen – „wegen der bisherigen Erfahrungen mit der Frau“.

Die Angeklagte indes zeigte kein Interesse an der Absprache. Anfang März wurde dies mehr als deutlich. Da erhielten nicht nur die bisherige Verteidigerin, sondern auch der Landgerichtspräsident eine E-Mail. Darin bekräftigte sie, dass sie wirtschaftlich nicht in der Lage sei, das Schmerzensgeld zu zahlen. Zudem entzog sie ihrer Rechtsanwältin das Mandat, weil diese einen Deal vereinbart habe, den sie nicht mittragen könne. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört.

Prozess in Fulda: Verteidiger sieht keinen Grund für einen internationalen Haftbefehl

Inzwischen vertritt Rechtsanwalt Christian Celsen die 35-Jährige, und der sieht keinen Grund für einen internationalen Haftbefehl. „Ja, wir haben einen hinreichenden Tatverdacht, für den gibt es Indizien, deshalb sitzen wir hier. Ein dringender Tatverdacht ist aber nicht gegeben“, widerspricht er dem Ansinnen von Staatsanwältin Dr. Christine Seban. Zudem erinnert er daran, dass 2018 die Zweite Große Strafkammer einen Haftbefehl abgelehnt habe.

„Seitdem gibt es keine neuen Ermittlungserkenntnisse“, konstatiert Celsen, der ankündigte, Beschwerde gegen einen Haftbefehl einlegen zu wollen. Jetzt bleibt die Entscheidung der Kammer abzuwarten, die auf dem „Dezernatsweg“ gefällt und den Beteiligten schriftlich mitgeteilt wird. Wie die deutsche Justiz der Angeklagten dann habhaft werden kann, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

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