Mehr Sicherheit für kleine Rehe: Im Vogelsberg gibt es drei neue Drohnenpiloten, die mit Hilfe einer Wärmebildkamera Jungtiere im hohen Gras aufspüren und vor dem Mähtod bewahren können.
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Mehr Sicherheit für kleine Rehe: Drohnen können mit Hilfe einer Wärmebildkamera Jungtiere im hohen Gras aufspüren.

Lösungsideen in der Region Fulda

Mähwerke töten tausende Rehkitze: Können Drohnen die neugeborenen Tiere retten?

  • VonMarius Scherf
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Wenn das Gras hoch steht, mähen Bauern ihre Wiesen. Aber in ihnen verstecken sich oft neugeborene Rehkitze. Sie sind dem Mähwerk hilflos ausgeliefert, werden schwer verletzt oder verenden. Können Drohnen Abhilfe schaffen?

Region - Niemand weiß, wie viele es wirklich sind. Sterben jährlich 100.000 Rehkitze den sogenannten Mähtod? Das schätzte vor ein paar Jahren die Deutsche Wildtier Stiftung. Landwirte widersprachen. Tierschutzorganisationen wie Peta hingegen meinen, dass die Dunkelziffer noch viel höher liege.

Doch Fakt ist: In jedem Jahr, wenn die Wiesen hoch und saftig stehen, sehen sich Landwirte mit demselben Problem konfrontiert. Oswald Henkel, Bio-Landwirt aus Hofbieber im Kreis Fulda, erklärt: „Setzzeit und Silage fallen in den gleichen Zeitraum.“ Das heißt: Bauern wollen ihre Wiesen mähen, doch Ricken, die weiblichen Rehe, gebären ihren Nachwuchs ins hohe Gras. Hier liegt er sicher getarnt vor Fressfeinden.

Fulda: Mähwerke töten tausende Rehkitze - Können Drohnen die Tiere retten?

Eigenständig flüchten tun die Jungtiere nicht. Bei Gefahr drücken sie sich fest ins Gras und verharren dort regungslos. Das bringt den Kleinen jedoch wenig, wenn sich ein Mähwerk nähert. „Tierkinder werden aufgeschlitzt, verstümmelt oder regelrecht zerhackt“, beschreibt die Tierschutzorganisation Peta in einer Pressemitteilung die Folgen drastisch.

„In diesem Jahr ist die Gefahr sogar größer als sonst“, weiß Oswald Henkel. Die Rehe hätten ihren Nachwuchs später zur Welt gebracht, und der erste Wiesenschnitt im Jahr sei durch das schlechte Wetter noch nicht möglich gewesen. Der 64-Jährige muss beim Mähen besonders aufpassen.

Eine altbewährte Methode, auf die Henkel zurückgreift, ist es, vor der sogenannten Mahd das Wild mit an Pfählen befestigten Tüten oder Windrädern aufzuschrecken und aus der Wiese zu vertreiben. Zudem informiert er standardmäßig den Jagdpächter, der die Wiese nach Kitzen absucht.

Strafen drohen

Nicht alle Landwirte scheren sich um die hilflosen Tiere auf ihren Wiesen, und immer wieder kommt es zu Gerichtsurteilen gegen solche, die ein Rehkitz übermäht haben. So wie im Falle eines Bauern aus dem mittelhessischen Geilshausen: 7500 Euro musste er zahlen, weil er nach Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes Wirbeltiere „ohne vernünftigen Grund“ getötet habe, so das Gericht. Der Landwirt soll den zuständigen Jagdpächter über das Mähen der Wiese nicht vorab informiert haben. Der Tod von drei Kitzen sei vermeidbar gewesen.

„Manche ältere Bauern denken eben, sie können es machen wie immer“, sagt Mari-Linn Dungs. Die Jagdpächterin aus Bermuthshain im Vogelsberg betreut ein Revier von 800 Hektar und hat vereinzelt immer wieder mit widerspenstigen Landwirten zu kämpfen, die sie vor einer Mahd entweder gar nicht informieren oder erst wenige Stunden vorab. „Aber ich setze mich gegen Widerstände durch und fahre die Wiesen auch mal zur Kontrolle ab. Wenn ich ein totes Kitz entdecke, zeige ich den Bauern an.“

Vor allem Lohnunternehmern sei es egal, wenn sie ein Kitz übermähen. Der Profit sei wichtiger. Der erste Schnitt werde indes im Jahr immer früher gemacht. „Ich kann die Bauern ja auch verstehen, dass sie ertragreich mähen möchten, aber es geht um Lebewesen“, appelliert Dungs. Zum Glück setze bei den jüngeren Landwirten ein Umdenken ein, sagt sie.

Doch nicht immer reicht das aus: „Erst neulich hat mein Sohn vor sich im Gras noch zwei Kitze entdeckt.“ Glück gehabt. „Ein Patentrezept, wie man den Tod der Kitze sicher verhindern kann, gibt es nicht“, resümiert Henkel.

Wie viele Kitze in der Region bei einer Mahd ums Leben kommen, dazu gibt es laut Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld keine Zahlen. Eine Meldepflicht besteht nicht.

Video: Rehkitz-Rettung mit Drohne und Wäschekorb

Drohnen sollen nun Abhilfe bei dem uralten Problem schaffen. Immer häufiger kommen die kleinen Flugobjekte bei der Suche nach Rehkitzen zum Einsatz: Mit Hilfe von Wärmebildkameras spüren sie die Tiere auf. Schon 2019 waren im Kreis Fulda, unter anderem in Ufhausen bei Eiterfeld, Drohnen im Einsatz. Damals stellte der Kreisbauernverband gemeinsam mit einem Jäger die Idee vor. Eine weitere Möglichkeit nutzt die Nabu-Ortsgruppe Sinntal: Sie hat im Jahr 2019 zwei sogenannte Rehkitzretter KR 01 angeschafft. Diese senden Laser- und Akustiksignale aus, die der Reh-Mutter Gefahr signalisieren. Aber auch Drohnen werden in Sinntal eingesetzt.

Im Vogelsbergkreis gibt es mit der „Kitzrettung-Hilfe“ ein Netzwerk, welches bundesweit Drohnenpiloten vermittelt. Hans-Ullrich Weidner, Vorsitzender der Jägervereinigung Lauterbach, hat vor drei Jahren das Projekt mit ins Leben gerufen. „1400 Helfer und 100 Drohnenpiloten sind bei uns aktiv“, sagt er. Im Vogelsbergkreis ziehen vier Drohnen des Netzwerkes ihre Kreise. Eine Nachricht via WhatsApp genüge bereits. Je früher, desto besser, so Weidner, „denn der Run auf die Piloten ist in der Hochsaison gewaltig.“

Wie viele Kitze tatsächlich in ein Mähwerk geraten, ist unklar, doch bei der Kitzrettung wurde 2019 ein Verzeichnis eingerichtet, welches gelungene Rettungen registriert: 6634 Rehkitze konnten seitdem bundesweit vor dem Mähtod bewahrt werden.

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