Samir Al-Hami.
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Nach 30 Jahren in Fulda beendet Samir Al-Hami seine berufliche Laufbahn.

Interview

Samir Al-Hami hört auf: Ein Gespräch über die Anfänge in Fulda, besondere Operationen und einen großen Streit

  • Michael Tillmann
    vonMichael Tillmann
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  • Daniela Petersen
    Daniela Petersen
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Dr. Samir Al-Hami (65) war zehn Jahre am Klinikum. Danach hat er das Neuro-Spine-Center im Münsterfeld gegründet. Nach 30 Jahren in Fulda beendet er seine berufliche Laufbahn und blickt zurück auf seine Kindheit, besondere Operationen und einen großen Streit. 

Sie waren seit 30 Jahren in Fulda als Neurochirurg tätig und haben zum Ende des Jahres die Geschäftsleitung des Neuro-Spine-Centers abgegeben. Wie geht es Ihnen damit? 
Für mich ist es eine Erleichterung. Dieses Vorhaben habe ich schon seit mehreren Jahren. Eigentlich wollte ich schon mit 60, dann mit 63 und schließlich mit 65 in Rente gehen. Mir war es wichtig, es dann zu tun, wenn ich noch gesund bin und als Chirurg kein Unheil anrichte. Ich habe einige ewige Chirurgen kennengelernt, deren Fähigkeiten nachgelassen hatten und die nicht mehr up to date waren. Das wollte ich nicht. 
Sie haben mit Dr. Christoph Erdmann einen neuen Geschäftsführer ernannt, bleiben aber Gesellschafter. Wie genau schauen Sie ihm über die Schulter?
Gar nicht so sehr. Das möchte ich auch nicht. Ich will von dem Alltagsgeschäft weg. Dr. Erdmann war über 15 Jahre im Eichhof-Krankenhaus in Lauterbach. Er hat mit Geschäftsführung viel mehr Erfahrung als ich. Wenn ich mich da einmische, dann kann das nur stören. Überhaupt habe ich meine Ärzte, die alle in sogenannten Chefarzt-Positionen bei mir angestellt sind, nie überwacht. Sie sind für das verantwortlich, was sie tun. 
Aber als Gesellschafter schauen Sie sicher auf die Wirtschaftlichkeit Ihres Unternehmens.
Ja, das bleibt auch so. Die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. Ich schaue, dass Rücklagen gebildet werden und die Rendite erreicht wird. Dr. Erdmann weiß, dass einige Entscheidungen mit mir abgestimmt sein müssen. Aber ansonsten werde ich mich aus dem Basisgeschäft raushalten. 

Fulda: Samir Al-Hami beendet nach 30 Jahren seine berufliche Laufbahn

Wie hat Ihr Team auf die Ankündigung reagiert, dass Sie aufhören?
Erst haben sie es nicht geglaubt, weil ich das ja schon länger vorhatte. Als ich dann mit dem neuen Geschäftsführer ankam, war klar, dass ich es ernst meine. Einige waren überrascht, manche vielleicht auch traurig. Es sind Tränen geflossen, das hat mich gerührt. Aber sie verstehen mich und gönnen es mir. Sie wissen ja, wie viel ich gearbeitet habe. 
Wie viele Patienten hatten Sie in den 30 Jahren?
In Fulda mehr als 15.000 Patienten.
Das sind viele Operationen. 
Manchmal hatte ich acht bis zehn OPs am Tag, manchmal auch nur eine, die über viele Stunden ging.

Zur Person

Dr. Samir Al-Hami wurde 1955 in Irbid in Jordanien geboren. Mit 19 Jahren kam er nach Deutschland, studierte Medizin und schloss am Universitätsklinikum Mainz seine Ausbildung zum Neurochirurgen ab.

Anfang der 1990er Jahre ging er mit Professor Dr. Thomas Wallenfang nach Fulda, mit dem er in Mainz gearbeitet hatte. Wallenfang leitete fortan die Neurochirurgie am Klinikum, Al-Hami wurde Leitender Oberarzt. Nach zehn Jahren entbrannte ein Streit (siehe Interview). Daraufhin verließen Wallenfang und auch Al-Hami das Klinikum.

Al-Hami gründete 2002 im Münsterfeld das Neuro-Spine-Center und spezialisierte sich auf Wirbelsäulenchirurgie. Er ist mit Dr. Natalia Al-Hami verheiratet. Insgesamt hat er sechs Kinder im Alter von 3, 6, 7, 25, 33 und 35 Jahren.

Erinnern Sie sich an eine solche OP? 
Ja. Sehr gut sogar. Einmal habe ich einen Jungen, der einen Tumor am Hirnstamm hatte, über 22 Stunden operiert. In einem solchen Moment empfinde ich das nicht als Belastung, auch nicht, wenn die OP so lange dauert. Da konzentriere ich mich voll und ganz darauf. Da spielt Zeit keine Rolle.
Gibt es eine Operation, auf die Sie besonders stolz sind?
Vor vielen Jahren wurde ein Kleinkind nach einem Unfall mit schweren Kopfverletzungen eingeliefert. Ich habe es operiert, weil es noch vitale Funktionen hatte. Insgesamt musste ich den Jungen 15-mal operieren, weil immer was Neues kam, eine Hirnschwellung, eine Blutung. Einmal habe ich den Anästhesisten nachts um 3 Uhr gebeten, die OP vorzubereiten. Er meinte, ich sei ein Menschenschänder, weil das Kind aus seiner Sicht bereits verloren war. Aber der Junge schaffte es ohne bleibende Schäden. Vor drei oder vier Jahren habe ich eine Einladung zur Hochzeit von ihm bekommen. Das rührt mich immer noch. 
Sie sprechen hauptsächlich von Operationen am Gehirn, die Sie in Ihrer ersten Zeit in Fulda am Klinikum absolviert haben. Wie kam es, dass Sie sich vor 20 Jahren auf Wirbelsäulenchirurgie spezialisiert haben?
Das kam nicht ganz freiwillig. Viele meinen, ich sei Orthopäde, was ich nicht bin. Viele glauben auch, dass ich nur an der Wirbelsäule operiere, was ebenfalls nicht stimmt. Ich bin vom Studium her breit aufgestellt und habe die ganze Bandbreite der Neurochirurgie gelernt. Am Ende meiner Ausbildung am Uniklinikum in Mainz war ich vor allem in der Hirnchirurgie tätig. Dann bin ich abgeworben worden und ging nach Fulda. Dass ich letztlich das Neuro-Spine-Center gründete und mich auf Wirbelsäulenchirurgie festlegte, das hatte mit dem Streit im Klinikum zu tun.
Wie kam es dazu? Sie fingen Anfang der 1990er Jahre im Fuldaer Klinikum an. Professor Dr. Thomas Wallenfang, der mit Ihnen in Mainz gearbeitet hatte und der in Fulda die Neurochirurgie übernehmen sollte, wollte Sie als Oberarzt gern im Team haben. Nach zehn Jahren brach dann der Streit aus. Was war passiert, aus Ihrer Sicht?
Ausgangspunkt war eine Abmachung, die Professor Wallenfang und ich vertraglich festgehalten hatten. Dass ich mit ihm nach Fulda ging, knüpfte ich nämlich an eine Bedingung: Ich bestand darauf, bei Privatpatienten die Hälfte des Honorars zu bekommen, wenn ich sie operiert habe. Diese Mitbeteiligung an den privaten Honorareinnahmen war zunächst auch kein Problem, allerdings wollten irgendwann immer mehr Privatpatienten von mir behandelt werden. Das wurde Professor Wallenfang irgendwann zu viel, und er warf mir vor, ich würde die Patienten an ihm vorbei behandeln.
Ist ein solches Verfahren, dass der Leitende Oberarzt wie ein Chefarzt an Privatpatienten mitverdient, denn üblich? 
Nein. Üblich ist es nicht. Aber wir hatten es vertraglich vereinbart. Es war eine Abmachung zwischen uns beiden, die wir auch geheim hielten. Irgendwie haben es die anderen Chefärzte aber mitbekommen, die das ihren Oberärzten nicht ermöglichten. Das hat viel Unruhe reingebracht. Und dann kam noch eine weitere Sache dazu, die das Fass zum Überlaufen brachte.
Und das wäre?
Ich habe Mitte der 90er ein Wirbelsäulenimplantat patentieren lassen und Lizenzverträge mit Firmen gemacht. Das war alles genehmigt. Letztlich hatte ich dadurch aber zusätzliche Einnahmen, sodass ich am Ende als Oberarzt mehr verdient habe als Professor Wallenfang. Das ärgerte ihn, und es kam zum Bruch. 

Samir Al-Hami: „Ich habe in der Bevölkerung viel Unterstützung erfahren“

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Ich habe ihn vor zwei Jahren bei einem Kongress getroffen, da haben wir uns lange unterhalten. 
Professor Wallenfang musste im Jahr 2000 seinen Hut nehmen. Auch Sie hätten, wie Sie sagen, in Mainz als Oberarzt arbeiten können. Trotzdem sind Sie in Fulda geblieben. Wie kam das?
Das hatte zwei Gründe. Ich habe in der Bevölkerung viel Unterstützung erfahren. Viele Patienten haben mir geschrieben. Es gab sogar eine Mahnwache vor dem Klinikum mit Plakaten. Das hat mich sehr gerührt. Der zweite Grund war die Unterstützung vonseiten der Stadt, die wollte, dass ich in Fulda bleibe. Das steht sogar in meinem Auflösungsvertrag drin. Ich habe eine Abfindung von einer Million Mark erhalten, mit diesem Geld hat mich die Stadt unterstützt, eine eigene Klinik aufzubauen. Aus eigener Kraft hätte ich das nicht bauen können. Und die Stadt war es auch, die mir dieses Areal im Münsterfeld, wo früher eine Dentalklinik war, vermittelt hat.
Am Klinikum selbst konnten Sie nicht bleiben? 
Nein, das wäre nicht gut gegangen. 19 Chefärzte haben dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Alois Rhiel geschrieben und ihm mit Kündigung gedroht, wenn ich bleibe. Hinzu kam, dass ich Professor Wallenfang in den Rücken gefallen war. Ich war sozusagen ein Königsmörder. Ich hatte in der Klinik nichts mehr zu suchen. Rein rechtlich hätte ich aber bleiben können. 
Seit einigen Tagen steht die Büste von Abdel Aziz Al-Hami, des Vaters von Samir Al-Hami, vor dem Neuro-Spine-Center. Er ist das Vorbild des Neurochirurgen.
Noch mal zur Anfangsfrage: Warum ist es Wirbelsäulenchirurgie geworden?
Eine neurochirurgische Klinik braucht eine große Infrastruktur, eine anästhesistische Abteilung, Intensivstationen, Radiologie, eine internistische Abteilung. Eine solche neurochirurgische Klinik kann man nicht isoliert betreiben, also habe ich mich gefragt, was kann ich selbstständig abdecken, ohne auf das Klinikum angewiesen zu sein – und das war im Bereich der Wirbelsäulenchirurgie möglich. Ursprünglich hat das vielleicht 10 oder 15 Prozent meiner Tätigkeit ausgemacht. 
Würden Sie sich als eine streitbare Person beschreiben? 
Ja, das bin ich eindeutig. Das hat mir manchmal Schwierigkeiten gebracht. Ich sage, wenn mir was nicht passt. Ich ordne mich nicht gern einer Gruppe unter. Deswegen bin ich auch schon vor Jahren aus dem Gesundheitsnetz Osthessen ausgetreten. 
Was schätzen Sie an Fulda?
Als ich nach Fulda kam, bin ich mit den Menschen hier erst nicht warm geworden. Ich habe meinen Koffer die ersten drei Jahre nicht ausgepackt. Die kommunikative Art und die Streitkultur, die ich am Rhein erlebt habe, fehlten hier. Die Leute waren nett, aber ich wusste nicht, was sie von mir dachten. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ich habe gemerkt: Wenn man die Menschen hier mit dem Herzen gewinnt, dann kann man sich auf sie verlassen. Es sind ehrliche Leute, tolerant, sozial und hilfsbereit. Sie haben Werte, das schätze ich sehr. 
2018 haben Sie die Ästhetik Club Lounge hier im Münsterfeld eröffnet. Wie kommt man als Mediziner dazu, einen Club zu eröffnen?
Ich liebe Fulda, aber es gibt bestimmte Sachen, bei denen ich die Großstadtatmosphäre suche. Ich bin zum Beispiel ein Fan von Technopartys. Mit meiner Frau habe ich an den Wochenenden häufig Partys in Berlin und Frankfurt besucht. Mit drei kleinen Kindern wurde das zunehmend schwierig, so weit zu fahren. Deshalb habe ich mich entschieden, einen solchen Club einfach selbst zu machen. Ich wollte damit kein Geld verdienen, wir haben das eigentlich für uns gemacht. 
Wir sitzen hier in Ihrem Büro, wobei Büro nicht das richtige Wort ist. Es ist mehr ein Wohnzimmer, das mit Ornamenten und Gold an den Wänden geschmückt ist. Würden Sie sich als schillernde Persönlichkeit bezeichnen? 
Um Gottes willen, nein. Geld hat mir nie imponiert. Das heißt nicht, dass ich nicht wirtschaftlich erfolgreich sein wollte. Aber andere Werte waren mir schon immer wichtiger: die Familie, Gesundheit, soziale Kontakte. Mein Vater war ein sehr bescheidener Mann, er war immer mein Vorbild. Vor ein paar Tagen habe ich eine Büste von ihm aufstellen lassen. Mein Vater starb 2002. Er war ein sehr intelligenter Mensch, konnte in Jordanien aber nur die Grundschule besuchen und arbeitete als Maurer. Wir waren zwölf Kinder, er hat dafür gesorgt, dass wir alle eine Ausbildung gemacht haben.
Sie sind aber der einzige, der ins Ausland gegangen und Arzt geworden ist.
Ja, ich wollte eigentlich Astronomie studieren, aber wenn man aus einer armen Familie kommt, dann kann man das gar nicht bezahlen. Deshalb entschied ich mich für Medizin. Mit meiner Abiturnote hätte ich in England, Frankreich, den USA oder Deutschland studieren können. Als ich hörte, dass man in Deutschland kaum Studiengebühren zahlen muss und neben dem Studieren arbeiten kann, da wusste ich, das ist das Land, in das ich gehen werde. Damals war ich 19. 

Al-Hami wollte eigentlich Astronomie studieren

Machen wir einen Sprung in die Zukunft: Bleiben Sie in Fulda?
Ich habe keine anderen Pläne, meine drei kleinen Kinder gehen hier zur Schule und in den Kindergarten
Sie haben auch drei erwachsene Kinder. Wollte keiner in Ihre Fußstapfen treten und die Klinik übernehmen?
Nein, das habe ich nie erzwungen. Sie sollten das machen, was sie wollten. Mein großer Sohn ist Anwalt und Notar geworden, die beiden Töchter sind Anwältin und Lehrerin. Ich bin stolz auf sie. 
Und sind Sie auch stolz auf Ihr Lebenswerk?
Absolut. Ich bin sehr zufrieden. Ich konnte Patienten helfen, und es gibt mir die Gewissheit, dass ich etwas Sinnvolles mit meinem Leben angefangen habe.
Was fangen Sie nun mit der freien Zeit an? 
In den ersten Wochen möchte ich zur Ruhe kommen. Danach will ich mir Aufgaben suchen, vielleicht etwas in Richtung Bildung machen oder im sozialen Bereich tätig werden. 
Was wünschen Sie sich für 2021?
Dass wir gesund bleiben und die Coronakrise gut überstehen. Die Erkrankung ist unberechenbar und gefährlich. Leider hat die Pandemie auch zu einer Destabilisierung der Gesellschaft geführt. Die Zeichen merkt man schon jetzt bei der inneren Sicherheit, dem sozialen Gleichgewicht und auch in der Wirtschaft. Mein zweiter Wunsch wäre, dass die ganzen Folgen im Rahmen bleiben. 
Würden Sie sich impfen lassen?
Ja natürlich. Impfungen sind ein Segen für die Menschheit.

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