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Von Freiheit und Demokratie: Schauspieler Peter Simonischek über Schostakowitsch und Corona

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Von: Anke Zimmer

Schauspieler Peter Simonischek tritt am 25. Februar in Fulda auf.
Schauspieler Peter Simonischek tritt am 25. Februar in Fulda auf. © Xenia Hausner, Veranstalter

Peter Simonischek (75) kommt nach Fulda. Am Freitag, 25. Februar, präsentiert der Schauspieler („Toni Erdmann“) zusammen mit dem delian::quartett das Programm „DSCH – Spuren eines Lebens“.

Fulda - Der Schauspieler stand unserer Zeitung vor seinem Auftritt in Fulda Rede und Antwort. 

Herr Simonischek, im Mittelpunkt unseren Gesprächs steht Ihr Auftritt in Fulda.

Ja, mit dem delian::quartett.

Wie kam es dazu?

Es ist eine besondere Ehre für mich! Ich habe diese Lesung von Bruno Ganz übernommen. Ganz war für mich der bewunderte und verehrte Protagonist der Berliner Schaubühne in der 70er und 80er Jahren. Ab 1979 waren wir Kollegen. Ganz war etliche Jahre mit mir am selben Theater, zwischen uns bestand eine Art Seelenverwandtschaft, vor allem auch, was den Anspruch an das Theater betrifft. Als er 2019 starb, hat Andreas Moscho vom delian::quartett mich angefragt, ob ich für Bruno Ganz einspringen würde. Und das mache ich natürlich sehr gern.

„DSCH“ basiert auf einem sehr umfangreichen Buch von William Vollmann, ein mehr als 1000-Seiten-Werk.

Und vor allem ist es ein hervorragender Text. Der Roman „Europe Central“ dreht sich unter anderem um Dmitri Schostakowitsch. 1906 geboren, 1975 gestoben, hat er die dramatischen Turbulenzen bei der Entstehung der UdSSR erlebt. Und er war ein Spielball der politischen Vorgänge mit allen Ups und Downs. Überschüttet mit Orden, dann wieder in Ungnade gefallen. Unter Stalin ziemlich rigide sogar. Und all dies wird in einer literarischen, poetischen Form präsentiert.

Fulda: Schauspieler Peter Simonischek im Interview - Auftritt am 25. Februar

Das klingt sehr anspruchsvoll.

Anspruchsvoll ja, aber auch unterhaltend. Der Text hat so schöne Formulierungen, er besitzt auch Ironie. Es geht mitunter darum, dass manche Dinge in einer Diktatur nicht 1:1 benannt werden durften. Es geht um Zensur. So richtig verstehen kann man das natürlich nur aus der Zeit heraus. Und Zeitgenossen werden differenziertere Möglichkeiten der Rezeption gehabt haben als ein heutiges Publikum. 

Was sagt uns das heute? Was bringt uns die Beschäftigung damit?

Schostakowitsch ist ein sehr interessanter Zeitgenosse. Es geht um künstlerische Freiheit, darum, wie ein Künstler von einem Regime vereinnahmt wird, wie er versucht, sich dagegen zu wehren, welche Mittel er nutzt, wie ohnmächtig er ist und wie weit er ein unbestechlicher Künstler sein kann. Das ist natürlich ein Thema ohne Ablaufdatum. Was die Freiheit wert ist, kann man ja jetzt auch in der Corona-Pandemie sehen. 

Wie meinen Sie das?

Ich weiß nicht genau, ob es in Österreich oder Deutschland war, aber als es um staatliche Unterstützung ging, wurden die Branchen in Kategorien eingeteilt. Theater und Bordelle landeten in einem Topf. Das ist ein kleines Indiz dafür, dass an dem Ansehen der Kunst immer gearbeitet werden darf.  

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Wie wird der Abend in Fulda ablaufen? Wechseln sich Musik und Lesung ab, oder greift es ineinander?

Beides. Aber wesentlich ist die Musik. Und diese Musik... wie soll ich sagen: Der Abend ist anspruchsvoll, weil die Musik auch gelesen werden will. Das kommt im Text sehr schön vor, und der Hörer hat eine geschärfte Aufmerksamkeit. Zum Beispiel sind scheinbar heitere Stellen irgendwie gebrochen. Und bei Schostakowitsch gilt: Open End. Seine Kompositionen sind zunächst wie die Symphonien von Beethoven: Sie steuern traditionell auf ein Ende zu. Aber dann gibt es keinen Schlussakkord. Oder es gibt mehrere hintereinander… aber der befriedigende Finale Tusch bleibt aus. Es bleibt immer etwas offen. Das ist musikalisch sehr interessant. 

Um Corona kommen wir nicht herum, Sie hatten das Thema vorhin schon erwähnt. Wie sind Sie durch die Pandemie gekommen? Glimpflich, hoffe ich.

Ja, glimpflich. Denn ich hatte mir auf der Bühne Omikron eingefangen, aber ohne gravierende Symptome. Die waren zum Glück schnell abgeklungen. Warten musste ich, weil für die Arbeit am Theater und beim Radio erst definitiv ein negativer Bescheid vorliegen musste. Der ORF ist extrem gut geschützt, jeder, der rein will, muss geimpft, geboostert und getestet sein, und dann wird auch noch Fieber gemessen. Die Verantwortlichen wollen das Haus Corona-frei halten, ob es gelungen ist, weiß ich aber nicht.

Aber man versucht alles.

So ist es. Andererseits ist es auch ganz klar, dass besonders in den Tourismusregionen die Wirtschaft ein gewichtiges Wörtchen mitreden will. Das ist in der Demokratie so, jeder versucht, seine Interessen durchzudrücken. 

Wir haben inzwischen schon über zwei Jahre Corona hinter uns, wie lief es denn bei Ihnen in dieser ganzen Zeit? Viele Künstlerinnen und Künstler hatten große Probleme, weil die Hilfsgelder nicht so kamen, wie erhofft. Vor allem Jüngere mussten schwer kämpfen.

Ich weiß, ich habe drei Söhne. Man muss sagen: Je älter man ist, desto besser ist man gesichert. Mir brachen natürlich auch viele Termine weg. Aber es gibt junge Musiker, die finanzieren sich durch rund 200 Auftritte im Jahr und leben davon. Das war plötzlich auf Null reduziert. Wir fest engagierten Schauspieler waren auf Kurzarbeit.

Wie ist die Situation aktuell?

Es gibt einen unglaublichen Premierenstau. Für Vieles mussten und müssen wir neu proben, und dann gibt es eine Infektion auf der Bühne und wieder gerät Alles insgesamt ins Schleudern und Stottern. 

Welche Folgen hatte Ihre Infektion?

Ich habe mir Omikron bei der Silvester-Vorstellung der „Fledermaus“ an der Staatsoper Wien geholt. Vorher hatten wir des Stück nur für eine Videoübertragung gespielt, komplett, aber ganz ohne Publikum. Heuer waren vier Vorstellungen geplant, alle ausverkauft. Nur eine davon konnte stattfinden. Denn ein Kollege wurde positiv getestet, die Oper musste für fünf Tage geschlossen werden. Ein Riesenschaden. Und nicht bei allen lief es so glimpflich ab wie bei mir und meiner Frau, die ich angesteckt habe. 

Ich vermute, weil Sie geimpft sind?

Geimpft, geboostert, alles. Aber es ist ein innenpolitischer, großer Jammer, dass die Impfquote in Österreich zu niedrig ist. Wien hat besser reagiert, steht besser da. Aber eine Impfpflicht ist gesellschaftspolitisch nicht produktiv. Da wurde einiges verabsäumt. Unsere Regierung war mit anderer Schadensbegrenzung beschäftigt…

Warum sind Sie gegen die Impfpflicht?

Weil sie uns noch mehr spaltet. Zigtausende Unwissende demonstrieren hier in Wien; alles Kraut und Rüben, alles durcheinander. 

Das ist in Deutschland nicht anders, die Impfgegner distanzieren sich nicht von den Rechten. 

Genau, die fahren einfach auf dem Zug mit. Das ist ekelhaft. Und man kann mit denen nicht reden, in deren Augen sind wir alle Schlafschafe. Ein Beispiel: Die Information, dass man sich anstecken kann, obwohl man geimpft ist, wurde umgedreht zu der Behauptung, wer geimpft ist, sei ansteckend. Es gab Arztpraxen, zu denen Geimpfte deswegen keinen Zutritt bekommen haben. Diese Blödheit ist unfassbar.

Was lehrt uns das?

Wenn wir die Demokratie erhalten wollen, müssen wir alles Geld in die Bildung stecken.

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