Nach der OP-Sensation um eine Schweineherz-Transplantation in den USA spricht Professor Dr. Hilmar Dörge vom Klinikum Fulda davon, dass das die Lösung für den Spendermangel sein könnte.
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Nach der OP-Sensation um eine Schweineherz-Transplantation in den USA spricht Professor Dr. Hilmar Dörge vom Klinikum Fulda davon, dass das die Lösung für den Spendermangel sein könnte.

„Von den Socken“

Sensation um Schweineherz-Transplantation - Experte aus Fulda hofft auf Lösung für Spendermangel

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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An der Verwendung tierischer Organe im Menschen forschen Mediziner schon lange. Nun erhält ein Schwerkranker ein Schweineherz. Auch in Deutschland könnte es bald solche Eingriffe geben. Läutet dies das Ende von Spende-Wartelisten und lebenslanger Dialyse ein?

Fulda/Baltimore - Es ist ein Meilenstein auf dem Gebiet der Organtransplantation: Erstmals weltweit ist einem Menschen ein Schweineherz als Ersatzorgan eingesetzt worden. Der an einer lebensgefährlichen Herzkrankheit leidende 57-Jährige habe das genetisch veränderte Organ bereits am Freitag bekommen.

Das teilte das University of Maryland Medical Center in Baltimore am Dienstag (11. Januar 2022) mit. Die Operation dauerte acht Stunden. Das transplantierte Herz habe seine Arbeit aufgenommen. Dem Patienten, der bis Dienstag noch an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen war, gehe es gut. (Lesen Sie hier: Gesundheitsexperte zur Booster-Impfung: Darum haben viele Menschen Vorbehalte gegenüber Moderna)

Fulda: Sensation um Schweineherz-OP - Experte hofft auf Spendermangel-Lösung

Es handelt sich um einen Mann, der wohl wegen Verletzung der Vorgaben nicht mehr auf der Warteliste für ein Spenderherz gestanden hat und für den das tierische Organ die letzte Alternative zum Tod war. „Ich bin völlig von den Socken, das ist eine Sensation“, sagte Professor Dr. Hilmar Dörge, Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie am Klinikum Fulda, zu der Schweineherz-Transplantation.

„Ich habe früher viel in der Transplantation gearbeitet“, führte der 57-Jährige aus. „Als Alternative zur Transplantation von menschlichen Organen gibt es grundsätzlich die Möglichkeit, Tiere als Organspender zu züchten oder Maschinen dafür herzustellen. Zuletzt ging die Forschung eher in Richtung künstliche Maschinen.“

Das Überleben des US-Amerikaners über einige Tage zeige, so Experten, dass das Team zumindest die gefährliche direkte Abstoßungsreaktion in den Griff bekommen habe. „Ich weiß, es ist ein Schuss ins Dunkel, aber es ist meine letzte Chance“, wurde der Patient David Bennett von der Klinik zitiert.

Der durchführende Arzt Bartley Griffith sagte: „Dies war eine bahnbrechende Operation und bringt uns der Lösung der Knappheit bei Organen einen Schritt näher.“ Die Transplantation könnte Hoffnung für zehntausende Menschen bedeuten, die auf Spenderorgane angewiesen sind. Wissenschaftler versuchen seit geraumer Zeit, Organe aus Schweinen für Menschen nutzbar zu machen – neben Herzen etwa Nieren und Lungen. 

Ähnlich sieht das auch Professor Dr. Hilmar Dörge aus Fulda. „Nur wenige Arbeitsgruppen haben die Idee, dafür Tiere zu züchten, weiterverfolgt. Diese Nachricht stellt Weichen für die Zukunft und zeigt, dass die Hauptgefahr, dass der menschliche Körper das tierische Organ unmittelbar abstößt, überwunden werden kann“, sagt der 57-Jährige. „Es wäre eine Lösung für den eklatanten Spendermangel.“

Experte aus Fulda zu Schweineherz-OP: „Mit jeder Minute ein neuer Weltrekord“

In Deutschland könnten solche Eingriffe möglicherweise ebenfalls in ein bis zwei Jahren vorgenommen werden, sagte der Münchner Herzchirurg Paolo Brenner vom Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). „Der klinische Versuch in den USA wird sicher auf das gesamte Feld eine positive Wirkung haben und die Entwicklung auch hier beschleunigen“, ergänzt Tiermediziner Eckhard Wolf vom Gene Center der LMU.

Prinzipiell sei auch für andere Organe und Gewebe ein Ersatz aus Tieren vorstellbar. Ein Team um Wolf, Brenner und dem Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart hatte vor einigen Jahren gentechnisch veränderte Schweineherzen in Paviane transplantiert. Einige überlebten mehr als ein halbes Jahr, bevor die Studie wie vorgesehen abgebrochen wurde.

Organe aus Tieren haben Wolf zufolge einen entscheidenden Vorteil: „Es handelt sich um junge, gesunde Spender, die planbar zur Verfügung stünden.“ Wie schnell es auch bei anderen Organen zu Transplantationen kommen könnte, lässt sich schwer abschätzen. „Wenn es beim Herzen klappt, dann geht es auch bei der Niere“, sagt Brenner. Die Transplantation der Lunge sei etwas komplizierter. 

Damit Tier-Organe für den Menschen verwendet werden können, muss das Erbgut der Spendertiere verändert werden. Ohne genetische Anpassung käme es bei der Übertragung auf den Menschen zu einer sofortigen schweren Abstoßungsreaktion, erklärte Wolf.

Zahlen

339 Herzen wurden 2020 laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Deutschland transplantiert. 700 Patienten warten hierzulande auf eine Herztransplantation (Stand 31. Dezember 2020). 80 von 100 transplantierten Herzen arbeiten auch ein Jahr nach der Operation noch. Nach fünf Jahren sind es noch 70. 

9100 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Die meisten warten auf eine Niere. 2020 wurden 4900 Menschen neu auf die Liste genommen. 767 sind verstorben. 110.000 Menschen warten allein in den USA derzeit auf ein Spenderorgan. Es sterben jährlich über 6000 Menschen, bevor eine Transplantation vorgenommen werden konnte.

Im konkreten Fall seien zehn genetische Modifikationen vorgenommen worden. Dabei gehe es unter anderem um bestimmte Zuckerstrukturen auf der Oberfläche von Schweinezellen, gegen die der Mensch von Natur aus Antikörper habe. „Ein weiteres Risiko ist, dass es – wenn menschliches Blut durch Blutgefäße im Schweineherz fließt – zu Gerinnseln kommt.“

Und wie lange schlägt ein solches Tierherz im Menschen? „Man kann das jetzt noch überhaupt nicht sagen, weil man dazu keine Erfahrungswerte hat“, sagt Professor Dr. Hilmar Dörge aus Fulda. „Aber mit jeder Minute wird ein neuer Weltrekord aufgestellt.“

Die Zahlen bei der Transplantation von menschlichen Herzen seien so, dass knapp ein Fünftel der Patienten auch nach 20 Jahren noch mit dem fremden Herzen lebe. „In Fulda wurden in den 1980er und 1990er Jahren ebenfalls Herzen transplantiert. Ich kenne zwei Patienten, die seit 25 beziehungsweise 30 Jahren nach der Herztransplantation hier im Klinikum Fulda jetzt noch leben.“

Video: Genverändertes Schweineherz für herzkranken Mann in den USA

„Das kommt immer darauf an, wie gut das Herz zum Empfänger passt und wie stark das Organ abgestoßen wird.“, erklärte der Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie am Klinikum Fulda, der den Eingriff in Baltimore auch als ethisch erlaubt empfindet. „Dass Tiere zu medizinischen Zwecken gezüchtet werden, passiert ja auch schon. Biologische Herzklappen zum Beispiel stammen von Rindern und Schweinen, die extra dafür gehalten werden.“

Für die Transplantation eignen sich Schweineherzen laut Professor Dr. Hilmar Dörge deswegen, weil sie zum Beispiel von der Größe und dem Aufbau her dem menschlichen Herzen sehr ähnlich sind. „Außerdem haben Schweine einen ähnlichen Blutdruck wie wir“, sagt der Experte aus Fulda.

Die sogenannte Xenotransplantation wird seit den 1980er Jahren erforscht. Schweine sind als Spender besonders geeignet, weil ihr Stoffwechsel dem von Menschen ähnelt. In den USA hatte in den 1980er Jahren ein Arzt einem todgeweihten Neugeborenen mit funktionsunfähigem Herz ein Pavianherz eingesetzt. Das Mädchen überlebte aber nur wenige Wochen. In klinischen Studien wurden bereits Pankreas-Inselzellen aus Schweinen transplantiert, um Menschen mit Diabetes zu helfen (mit dpa-Material).

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