Thomas Heiler hat ein Buch über Fuldas Geschichte geschrieben.
+
Thomas Heiler hat ein Buch über Fuldas Geschichte geschrieben.

Wussten Sie schon, dass ...?

Stadtarchivar Thomas Heiler beleuchtet in neuem Buch die Geschichte Fuldas - Vielfalt abseits barocker Pracht

  • Hanna Wiehe
    vonHanna Wiehe
    schließen

Wussten Sie, dass es Leben in Fulda schon vor der Klostergründung gab? Dass die Stadt unter der Oranier-Herrschaft des späteren niederländischen Königs aufblühte? Oder dass der Quadratmeter-Preis für Bauland 1961 bei nur vier DM lag? Die „Kleine Stadtgeschichte“ die Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler verfasst hat, ist ebenso unterhaltsam wie lehrreich.

Fulda - „Es hat immer mal wieder Anfragen von Gästen oder historisch Interessierten gegeben, eine Stadtgeschichte in überschaubarem Format herauszugeben“, berichtet Heiler (61). Im Nachgang des Stadtjubiläums 2019 schließlich machte sich der Stadtarchiv- und Kulturamt-Leiter an die Arbeit. Erschienen ist ein handliches Buch, das mit zahlreichen Bildern illustriert ist. Wer sich für ein bestimmtes Sachgebiet interessiert, findet im Anhang überdies Literatur zum Weiterlesen.

Etwa ein Jahr Arbeit hat Thomas Heiler in das Werk gesteckt, inklusive der reinen Schreibarbeit. Der große Vorteil ist: Er kennt sich aus. Schließlich hat der 61-Jährige zu vielen Dingen in der Fuldaer Geschichte bereits publiziert und ist seit 1998 im Stadtarchiv tätig. (Lesen Sie hier: Teile des Fuldaer Stadtarchivs ziehen in neue Räume Und: Buch mit Fotoschätzen aus Fuldaer Stadtarchiv erschienen)

Stadtarchivar Thomas Heiler schreibt ein Buch über Fuldas Stadtgeschichte

Heiler ist gelernter Historiker, hat in München und Würzburg Geschichte und Germanistik studiert. Zum Archivwesen kam er, als in Würzburg eine Archivarstelle für eine studentische Hilfskraft frei wurde. Von 1987 bis 1990 besuchte er die Archivschule in München. 1991 kehrte er nach Würzburg zurück und wurde stellvertretender Leiter des Stadtarchivs und des Juliusspital-Archivs. Als Fulda 1997 einen Stadtarchivar suchte, bewarb er sich auf die Stelle, bekam sie – und trat sie 1998 an.

In dieser Funktion und als stellvertretender Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins hat Heiler seither zahlreiche Kapitel der Stadtgeschichte beleuchtet. Doch er betont: „Die Historie Fuldas ist weitaus vielfältiger, als es den Anschein hat. Kloster und barocke Residenz, so wichtig sie im Selbstverständnis und in der Außendarstellung der Stadt sind, stehen nur für einen Teil der Stadtgeschichte, an deren Gestaltung über 40 Generationen beteiligt waren. Jede von ihnen hat das Recht, dass ihre Taten gewürdigt werden – und in manchen Fällen auch die Untaten.“

Gleichwohl erklärt er: „Wir Historiker werden oft dafür kritisiert, dass wir die Geschichte vor allem aus der Sicht der Herrschenden beleuchten. Das stimmt, ist aber leider nur selten anders möglich: Denn von ihnen gibt es Namen und Biografien, ansonsten fehlen schlichtweg die Quellen.“

Thomas Heilers „Kleine Stadtgeschichte“ für Einheimische wie Zugezogene und Touristen

Heiler erklärt, er habe dennoch versucht aufzuzeigen, wie sich die Zusammensetzung der Bevölkerung im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Und so berichtet er von der Entwicklung Fuldas – in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Neuzeit. „Wenig erforscht sind bislang vor allem das Spätmittelalter sowie das 19. und das 20. Jahrhundert – mit Ausnahme der Nazi-Zeit“, berichtet Heiler.

Doch dem Autor ist es gelungen, einen für Einheimische wie Zugezogene und Touristen gut lesbaren Bericht zu verfassen, der unterhält und quasi nebenher Wissen vermittelt. Oder wussten Sie, dass das heutige Klinikum oder die Sparkasse Fulda auf Einrichtungen zurückgehen, die Wilhelm Friedrich von Oranien Anfang des 19. Jahrhunderts in Fulda gegründet hat – damals als Landkrankenhaus beziehungsweise Leih- und Pfandhaus? „Die Fuldaer Geschichtsschreibung hat diese Zeit lange schlecht gemacht, erst in den vergangenen Jahren änderte sich der Blick“, erläutert Heiler.

Thomas Heiler: Anbindung ans Bahnnetz war das wichtigste Ereignis nach der Klostergründung

Höchst spannend ist auch, welche Auswirkung 1866 die Anbindung Fuldas an das Bahnnetz hatte: „Nach der Klostergründung 744 war dies das wichtigste und weitreichendste Ereignis der Fuldaer Geschichte“, wie der Autor schreibt. „Das war eine Initialzündung, aber nicht nur wirtschaftlich. Es kamen damit auch neue Bevölkerungsgruppen; Fulda wurde so Industriestadt.“

Die Dimension der Großstadt-Debatte, die in jüngster Zeit wieder Wellen geschlagen hat, wird ebenfalls beim Blick in die „Kleine Stadtgeschichte“ hochinteressant: Reicht sie doch zurück bis 1927, als Fulda kreisfrei wurde – und bis nach 1974, als die Stadt wieder in den Landkreis eingegliedert wurde. Denn auch das gehört laut Heiler zur Historie der Barockstadt: Eine Konstante der Fuldaer Stadtgeschichte sei die nicht immer konfliktfreie Beziehung zwischen der Stadt und ihrem Umland. Die „Kleine Stadtgeschichte Fulda. Vom 12. März 744 bis zum Aufbruch im geeinten Deutschland.“ von Thomas Heiler hat 382 Seiten und ist für 16 Euro im Parzellers Buchverlag erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema