Kreis Fulda: Das Unternehmen ZKW Otterbein möchte seinen Steinbruch erweitern.
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Das Unternehmen ZKW Otterbein möchte seinen Steinbruch erweitern.

Steinbrucherweiterung

Bürgerinitiative beklagt Emissionswerte der ZKW Otterbein - Unternehmen widerspricht

  • Sabrina Mehler
    VonSabrina Mehler
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  • Volker Nies
    Volker Nies
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Die Zement- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein möchten in Großenlüder-Müs ihren Kalksteinbruch vertiefen und um 6,5 Hektar erweitern – zum Ort könnte die Entfernung dann noch 135 Meter betragen. Einer Befürchtung der Bürgerinitiative widerspricht das Unternehmen nun.

Update: Winfried Möller, Geschäftsführender Gesellschafter, und Geschäftsführer Dr. Christian Müller sprechen von „unrichtigen Behauptungen“: Wie unsere Zeitung berichtete, befürchtet die Bürgerinitiative (BI) „Pro Lebensraum“ den Einsatz von Ersatzbrennstoffen beim Kalkbrennen, der ihrer Meinung nach zu einem Ausstoß von gesundheitsschädlichen Stoffen führen könnte. Dem tritt das Unternehmen jedoch entgegen.

Beide Geschäftsführer erklären: „Bei den Zement- und Kalkwerten Otterbein werden im Einklang mit den geltenden Genehmigungen keine Ersatzbrennstoffe beim Kalkbrennen eingesetzt, insbesondere werden die dabei einzuhaltenden Emissionsgrenzwerte entsprechend den immissionsschutzrechtlichen Vorschriften zum Schutz von Umwelt und Menschen sicher eingehalten und vielfach deutlich unterschritten.“

Kalk

Calciumcarbonat, wie Kalkstein fachsprachlich bezeichnet wird, ist ein besonders vielseitiger Rohstoff – und daher so allgegenwärtig wie unverzichtbar.

Kalk ist unter anderem in kosmetischen- und Chemieprodukten enthalten. Nahrungsmittel werden mit Kalk produziert. Er wird für die Herstellung von Glas, Bleichmittel und Farben gebraucht. In der Eisen- und Stahlindustrie, in der Bau- oder Landwirtschaft, beim Straßenbau und im Umweltschutz ist Kalk ebenfalls ein unscheinbarer, aber unerlässlicher Wirkstoff.

Insbesondere wird Kalkstein auch bei der Herstellung von Zement verwendet. (sam)

Das Unternehmen ZKW Otterbein hatte zudem stets erklärt, die Erweiterung des Steinbruchs sei nötig, um Kalk in den Mengen abbauen zu können, die den Fortbestand des Unternehmens mit seinen 120 Arbeitsplätzen um weitere 20 bis 25 Jahre sichern. Ein entsprechender Antrag wurde bisher noch nicht gestellt.

Die Zement- und Kalkwerke wurden im Jahr 1889 gegründet und sind heute ein Familienunternehmen in fünfter Generation.

Steinbrucherweiterung in Müs: Bürgerinitiative sorgt sich wegen Emissionswerten

Erstmeldung:

Großenlüder - Drei große Sorgen treiben die BI derzeit um: Der Steinbruch könnte in Zukunft für mehr Staub und Erschütterungen im Ort sorgen; er wird wohl den Grundwasserspiegel senken, und der Einsatz von Ersatzbrennstoffen beim Kalkbrennen führe zu einem hohen Ausstoß an gesundheitsschädlichen Stoffen. Einen Antrag auf Steinbruch-Erweiterung haben die Zement- und Kalkwerke Otterbein bisher nicht gestellt. Sie führen noch aufwendige Voruntersuchungen durch.

Ihre Sicht schilderte die BI jetzt Mitgliedern der Regionalversammlung: Landrat Bernd Woide und Neuhofs Bürgermeister Heiko Stolz (beide CDU), Rolf Banik (SPD) und Jörg Clar (FDP). Chris Lohfink, Sprecher der BI, erinnerte, dass die Bürger in einer Befragung und die Gemeindevertretung in Beschlüssen im vergangenen Jahr die Erweiterung klar abgelehnt hätten.

Werde der Steinbruch vergrößert und tiefer gelegt, dann werde, so Lofink, der Grundwasserspiegel sinken: „Dabei liegt das Niveau im Steinbruch schon heute zehn Meter unter dem Niveau der Altefeld.“

Fulda: Bürgerinitiative beklagt Emissionswerte der ZKW Otterbein

Besondere Sorgen mache sich die BI jetzt um die Emissionswerte der ZKW, gerade bei Schwermetallen und Feinstaub (siehe Kasten). „Die Werte sind schon lange so hoch. Aber wir können nicht länger zuschauen. Das sind wir unseren Kindern schuldig“, sagte BI-Vorstandsmitglied Armin Sopp. Die Emissionen – die in früheren Verfahren genehmigt wurden – spielen im Genehmigungsverfahren für eine Steinbrucherweiterung keine Rolle.

Die Zement- und Kalkwerke Otterbein und der Ort Müs leben in enger Nachbarschaft. Der Steinbruch soll noch näher an Müs heranrücken.

Sopp beklagt auch, dass von den ZKW mehr Fahrzeugbewegungen ausgegangen seien als vom Regierungspräsidium (RP) genehmigt: „180 Bewegungen pro Tag sind erlaubt, bis zu 290 haben wir gezählt.“ Die BI habe das Präsidium darüber informiert, doch dieses nehme die Kritik nicht ernst. Unserer Zeitung erklärt das RP ausweichend: „Wir gehen Beschwerden nach. Bislang waren aber keine durchgreifenden Maßnahmen erforderlich, insbesondere da derzeit die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten werden.“

Im Genehmigungsverfahren rückt jetzt wieder die Frage in den Fokus, welche Gremien beteiligt werden. Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber (CDU) hatte im November 2019 zunächst erklärt, für die Steinbrucherweiterung müsse der Regionalplan geändert werden. Die Gemeinde Großenlüder habe dabei ein Vetorecht.

Steinbrucherweiterung: Regionalversammlung ist wohl raus

Diese Aussage korrigierte das Regierungspräsidium im Januar 2020: Es erklärte, zu entscheiden habe die Regionalversammlung (oder einer ihrer Ausschüsse). Von den 40 Mitgliedern kommen sechs aus dem Landkreis und eines aus der Stadt Fulda. Das Gremium tagt öffentlich.

Jetzt spricht viel dafür, dass die Regionalversammlung gar nicht beteiligt wird. Das zumindest sagt das Regierungspräsidium. Sprecher Hendrik Kalvelage erklärt unserer Zeitung, der Antrag auf Erweiterung des Tagebaus wäre beim RP „voraussichtlich als wasserrechtliches Planfeststellungsverfahren“ zu stellen. In einem solchen Verfahren würde das Umweltdezernat des RPüber eine Änderung des Regionalplans mit entscheiden – ohne Regionalversammlung. Eine separate Entscheidung über den Regionalplan sei nicht erforderlich.

In dem Verfahren werden alle Umweltbelange geprüft. Der Antrag wird öffentlich ausgelegt, Bürger haben drei Monate Zeit, Einwände vorzubringen. Der RP-Sprecher fasst zusammen: „Eine Befassung der Regionalversammlung käme nur zum Tragen, wenn wider Erwarten kein Planfeststellungsverfahren, sondern etwa ein immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren durchgeführt werden würde. Hierfür gibt es derzeit keine Anzeichen.“

Hohe Emissionen

Das Unternehmen ZKW Otterbein in Müs ist für einen Großteil der Emissionen verantwortlich, die von der Industrie im Kreis Fulda ausgehen. Das hat die Bürgerinitiative „Pro Lebensraum“ auf Basis der Angaben aus dem Hessischen Emissionskataster errechnet.

Gemessen an der Gesamtheit aller Industrieemissionen im Landkreis kommen auf das Unternehmen ZKW Otterbein: Quecksilber 100 Prozent, Blei und Verbindungen 96,5 Prozent, Dioxine und Furane 95,1 Prozent, Benzol 91,2 Prozent, Cadmium und Verbindungen 86,1 Prozent, Ammoniak 77,6 Prozent, Feinstaub 28,8 Prozent. Norbert von der Pütten, Dezernatsleiter im Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie, bestätigt die Prozentwerte. „Von Zementwerken gehen generell hohe Emissionen aus“, erklärt der Dezernatsleiter. Allerdings bezögen sich die Zahlen allein auf die Industrie. Die Emissionen aus Gebäudeheizungen oder dem Verkehr etwa sind nicht eingerechnet.

Basis der Werte sind Angaben der betroffenen Unternehmen. Die Regierungspräsidien prüfen, ob die Angaben plausibel sind. Die Messwerte werden alle vier Jahre erhoben. Die jüngsten Zahlen – die auch die BI nutzte – stammen von 2016.

Das Unternehmen ZKW Otterbein verweist darauf, es betreibe seine Industrieanlagen auf Grundlage einer Genehmigung: „Wir halten die geltenden gesetzlichen und genehmigungsrechtlichen Bestimmungen und Grenzwerte nicht nur sicher ein, sondern unterschreiten sie bei vielen Emissionsgrößen deutlich.“

Grund für den Verweis auf das Wasserrecht: Der Steinbruch wurde zwar ursprünglich nach dem Immissionsrecht genehmigt. Seit 1999 wird er aber wegen der Auswirkungen auf das Grundwasser auf der Basis eines wasserrechtlichen Planfeststellungsbeschlusses betrieben.

Die Bürgerinitiative ist empört: „Wir finden, dass diese Vorgehensweise in einer Demokratie äußerst grenzwertig ist. Wieso gibt es die Regionalversammlung, die über Vorranggebiete und Vorbehaltsgebiete entscheidet?“, fragt Vorsitzender Lohfink.

Landrat Woide will abwarten, bis der konkrete Antrag des Unternehmens vorliegt: „Öffentliche Spekulationen zum weiteren Verlauf eines Genehmigungsverfahrens machen zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Sinn,“, sagt er.

Video: Streit um den Heuberg: Natur-Zerstörung im Steinbruch?

Bürgermeister Florian Fritzsch (SPD) sieht das Verfahren sehr kritisch. „Es ist erforderlich und notwendig, dass sich die Regionalversammlung mit dem Vorhaben auseinandersetzt. So kann öffentlich das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Bedürfnissen wie der regionalen Rohstoffsicherung auf der einen Seite und den Belangen der Menschen vor Ort wie auch des Umwelt- und Naturschutzes auf der anderen Seite erörtert werden.“

Für ihn stehe im Mittelpunkt, dass Menschen, Tiere und Pflanzen, Boden und Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und sonstige Sachgüter vor schädlichen Umwelteinwirkungen zu schützen seien. Diesem Anspruch müsse die Politik in einer demokratischen Entscheidung gerecht werden.

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