Dieses Foto haben die Entführer aufgenommen: Als Beweis, dass er noch lebt, musste Wolfgang Gutberlet das Glas halten.
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Dieses Foto haben die Entführer aufgenommen: Als Beweis, dass er noch lebt, musste Wolfgang Gutberlet das Glas halten.

Acht Tage im Oktober 1976

„Angst hilft, dass man keinen Unfug macht“: Der frühere Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet spricht über seine Entführung

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Der frühere Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet war 32, als er von drei Männern entführt und für acht Tage festgehalten wurde. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert sich der 76-Jährige an dieses Verbrechen und erklärt, was er daraus gelernt hat. 

Dipperz - Am 8. Oktober 1976 wird Wolfgang Gutberlet an der Tankstelle Ecke Maberzeller Straße/Haimbacher Straße in Fulda von drei Männern entführt. Nach der Zahlung von zwei Millionen D-Mark Lösegeld wird er am 16. Oktober wieder freigelassen. Später hilft Gutberlet der Polizei bei ihren Ermittlungen.

Wie hat die Tat Ihren Blick auf das Leben und auch auf Probleme verändert?
Man muss bedenken, das war 1976, das ist lange her. Natürlich gibt es da einen Einfluss, es gibt einen kurzfristigen, und es gibt einen längerfristigen Einfluss. Wir haben damals zum Beispiel kurzfristig für einige Tage das Haus verlassen, weil so viele Leute versucht haben, zu uns Kontakt aufzunehmen.
Und wir haben gemerkt, dass es für unseren ältesten Sohn, der damals in Poppenhausen zur Volksschule ging, besser ist, wenn er in eine etwas größere Schulgemeinde kommt. Wir hatten den Eindruck, dass die Menschen diese Ereignisse so überbewerten, dass er danach eigentlich nicht mehr ganz normal zur Schule gehen konnte. Ich glaube, nicht ich habe mich anders verhalten, sondern die Menschen um uns herum haben das getan.
Was war denn der längerfristige Einfluss?
Es gibt vielleicht Situationen, in denen man vorsichtiger ist, als man sonst gewesen wäre. Aber durch die Tat hat sich mein Leben nicht verändert. Ich habe so weiter gearbeitet wie vorher auch. Es kommen im Leben so viele Einflüsse zusammen, das kann man gar nicht so separieren. Und eigentlich geht es auch viel mehr um die Fragen: Was ziehe ich daraus für Konsequenzen? Was lerne ich daraus?
Was war das in Ihrem Fall?
Dass es darauf ankommt, in einer solchen Situation die Ruhe zu bewahren. Und wenn man sie nicht hat, zu wissen, wie man sie wiederfindet.

Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet über seine Entführung: Man muss die Ruhe bewahren

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Sie haben in einem Interview mit Ihrem Biografen Dr. Mathias Schmidt gesagt, dass Sie gebetet haben, als sie bei der Entführung in eine Holzkiste gesperrt wurden. War das ein solcher Mechanismus, um die Ruhe zu bewahren?
Ja. Es ist ja eine Aufgabe im Leben, dass ich das denken kann, was ich will. Dass meine Emotionen nicht bestimmen, was ich denke oder was ich sage. In einer solchen extremen Situation wie damals, die sich ins Existenzielle verschärft, wo einem alle möglichen Konsequenzen durch den Kopf schießen, ist das besonders herausfordernd. Es ist nicht leicht, einen Gedanken in Ruhe zu verfolgen. Da kann es helfen, wenn man ein Mantra hat, mit dem man sein Denken wieder unter Kontrolle bekommt. 
Kannten Sie diesen Mechanismus damals schon?
In dieser Situation probiert man einiges aus. Ich habe versucht, mir Gedichte vorzusprechen, habe aber gemerkt, dass das in dieser Situation zu schwer war und nicht gewirkt hat. Ich habe dann als Mantra etwas genommen, das ich schon hunderte Male gebetet habe: das „Gegrüßet seist du, Maria“. Das durchzubeten, ohne dazwischen abgelenkt zu sein, ohne einen anderen Gedanken reinflutschen zu lassen, das war erstmal ein Stückchen Arbeit.  
Wie lange haben Sie gebraucht?
Das weiß ich nicht mehr. Aber es half. Ich konnte danach wieder geordnet denken. Das habe ich in meinem Leben auch beibehalten. Ich habe immer viele Sprüche und Gedichte im Kopf. Für mich ist Christian Morgenstern eine wichtige Quelle mit seinen Gedichten und Versen – und natürlich auch Goethe.

Wolfgang Gutberlet über seine Entführer: Man schaut, dass man irgendwie in ein Verhältnis kommt

Wolfgang Gutberlet ist heute 76 Jahre alt und spricht mit unserer Zeitung über seine Entführung im Oktober 1976. (Archivfoto)
Wie gehen Sie mit schwierigen Situationen um?
Ebenso. Fokussieren, Klarheit schaffen, die Probleme angehen und sich von den Emotionen nicht wegreißen lassen, einen klaren Kopf bewahren, vernünftig sein. Das sind eigentlich die wichtigen Dinge.  
Sie sprechen sehr ruhig und bedacht. War das schon immer so? Oder waren Sie bei der Entführung auch impulsiv im Umgang mit den Tätern? 
Nein, nein. Ich habe ganz selten in meinem Leben Leute angeschrien. Und dass ich ruhig geblieben bin, hatte durchaus auch eine Wirkung. Es hilft, wenn man sich klar macht, dass auch die Täter nicht gerade in einer komfortablen Situation sind. Man schaut, dass man irgendwie in ein Verhältnis miteinander kommt. Trotz der ungleichen Machtverhältnisse.
Welche Rolle spielte in dieser Situation die Angst?
Die Angst hilft einem, dass man keinen Unfug macht, dass man vorsichtig ist. Sie darf nur nicht zu schlimm werden, dann kann man nicht mehr denken. Es schießen einem ja die verschiedensten Gedanken durch den Kopf, Fluchtgedanken, Verhaltensmöglichkeiten, wie man seine Situation verbessern kann.

Entführungsopfer Wolfgang Gutberlet: In Frankfurter Wohnung an Heizkörper gefesselt

Sie wurden an einen Heizkörper gefesselt und in einer Frankfurter Wohnung festgehalten. Sie konnten nicht handeln.
Man kann in jedem Augenblick handeln. Es ist nur die Frage, woran man das Handeln ausrichtet. Man kann sich hinlegen und jammern, das ist auch ein Handeln. Man kann versuchen, mit Mitleid zu arbeiten, mit Ruhe und Beziehungsaufbau. 
Hatten Sie eine Beziehung zu den Entführern?
Natürlich hatte ich eine Beziehung zu meinem Bewacher. 
Sie sagen Bewacher, nicht Entführer.
Es waren ja drei, nur einer hat mich die ganze Zeit bewacht. Mit den anderen hatte ich nur bei der Entführung selbst und bei der Freilassung Kontakt. Da meine Augen verbunden waren, habe ich sie erst später im Gerichtssaal zum ersten Mal gesehen. 
Dass die Entführer überhaupt festgenommen werden konnten, lag auch daran, dass Sie sich die Umgebung sehr genau eingeprägt haben. Hat die Mithilfe bei der Ermittlungsarbeit Ihnen geholfen, mit dem Erlebten fertig zu werden?
Das hat ein Polizeipsychologe nachher gesagt. Er fragte sich, warum ich das so gut verkraftet habe und ging davon aus, dass die Mithilfe bei der Aufklärung bei der Verarbeitung geholfen hat. Als ein Gefühl, die Sache wieder im Griff zu haben. Ich habe das allerdings nicht so empfunden.  

Wolfgang Gutberlet hat sich für Verringerung der Haftstrafe eines Entführers eingesetzt

Kurz nach seiner Freilassung: Wolfgang Gutberlet (rechts) wird von einem Kriminalbeamten nach Hause gebracht.
Wie wichtig ist Vergebung für die Verarbeitung einer solchen Tat?
Es gibt drei Arten. Es gibt vergeben, vergessen und verzeihen. Vergeben ist mehr im physischen, also im materiellen Sinn gemeint. Es ist schon in dem Wort „geben“ enthalten. Vergeben habe ich insofern – das kann ich sagen –, als ich für einen der Täter, der mich darauf angesprochen hat, einen Antrag auf Verringerung des Strafvollzugs gestellt habe.
Diese Verringerung hat er bekommen. Danach hat er sich nicht mehr bei Ihnen gemeldet.
Ja, da gibt es auch ein Sprichwort: Undank ist der Welten Lohn. Das muss man auch einfach ganz nüchtern sehen. Das kann man dann verzeihen. Das Verzeihen läuft auf der seelisch-geistigen Ebene ab. Es bedeutet, dass man den Menschen und sein Vorgehen versteht.
Aber wie können Sie einen Entführer verstehen, der Sie um etwas bittet und dann, wenn er es bekommen hat, nicht einmal Danke sagt?
Ich kann mir vorstellen, dass dieser Mensch in einer ganz anderen Lebenssituation war und dass für ihn andere Sachen in dem Moment wichtiger waren. Dass er jetzt einfach nur den Gedanken hatte, da rauszukommen.

Chronik der Entführung

Seit dem Spätsommer 1976 hatte Wolfgang Gutberlet immer wieder anonyme Hinweise erhalten, dass in der Firma tegut nachts Ware verschoben werde. Nähere Informationen wollten die Anrufer dem Firmenchef in einem persönlichen Treffen geben. Zu zwei Treffen tauchen die Anrufer nicht auf, weil Gutberlet nicht allein kommt.

Beim dritten Anlauf fährt Gutberlets Mitarbeiter Willibald Arnold im Wagen hinter dem Tegut-Chef. Als Gutberlet an der verabredeten Tankstelle aussteigt, wird er von drei Männern mit Pistolen und Knüppeln überfallen und entführt. Zum Transport stecken die Entführer Gutberlet in einen Holzkiste.

Die Entführer fordern von Gutberlets Familie zwei Millionen D-Mark Lösegeld, das acht Tage nach der Entführung, am 16. Oktober 1976, von Gutberlets damaliger Frau Ingeborg am Rasthof Wetterau an der A5 übergeben. Kurz darauf wird Wolfgang Gutberlet von seinen Entführern in Frankfurt-Nied freigelassen.

Aufgrund von Beobachtungen und Hinweisen von Wolfgang Gutberlet kommt die Polizei den Entführern innerhalb weniger Stunden auf die Spur und nimmt diese fest. Das Lösegeld wird in der Wohnung eines der Entführer gefunden.

Im Januar 1977 wird der Haupttäter, ein damals 37-jähriger Metzger aus dem Vogelsbergkreis, zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die anderen beiden, ein 26-Jähriger aus Offenbach sowie ein 34-Jähriger aus dem Vogelsbergkreis, müssen für neun und sieben Jahre ins Gefängnis.

Und was meinen Sie mit vergessen?
Das Vergessen, das ist im Sozialen, auf der Beziehungsebene. 
Aber diese Tat haben Sie sicher nicht vergessen...
Wenn ich nicht dauernd darauf angesprochen würde, hätte ich das vergessen. Es kommt nur dann hoch, wenn ich darauf angesprochen werde. Es ist für mich aber auch kein emotionales Problem, mich daran zu erinnern. 
Und haben Sie den Entführen verziehen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube schon, zumindest teilweise. Das ist kein Entweder-oder.  Es ist ein weicher Bereich mit dem Verzeihen.

Wolfgang Gutberlet: Wenn ich nicht dauernd darauf angesprochen würde, hätte ich die Tat vergessen

Sie haben erzählt, dass Sie gebetet haben. Welche Rolle spielt für Sie der Glaube? 
Der Glaube prägt das Menschenbild. Und das Menschenbild ist entscheidend, wenn es darum geht, was ich kann und was ich nicht kann. Wenn ich ein Verhältnis zu den Menschen habe, das überwiegend von Misstrauen geprägt ist, dann werde ich mich anders verhalten als wenn ich ein Verhältnis zu Menschen habe, das sagt: erst einmal vertrauen.
Das stelle ich mir schwierig vor, wenn einem etwas passiert ist wie Ihnen. Wie kann man da kein Misstrauen zu den Menschen entwickeln?
Ein Menschenbild, das von Vertrauen geprägt ist, muss man lernen, jeden Tag und bei jeder Kleinigkeit. In jeder Begegnung mit Menschen. Mit welchem Denken gehe ich an den anderen heran? Ich habe im Unternehmen immer gesagt: Es muss mir gelingen, die Menschen beim Gelingen zu erwischen, nicht beim Falschmachen. Das ist nicht so einfach, das Falsche ist immer konkret und drängt sich auf. Wissen Sie, Menschen haben die Neigung, andere verändern zu wollen. Der Einzige, den man verändern kann, ist man selbst. Es ist ein Problem unserer Zeit, dass wir ganz schnell ins Zwingen übergehen. Gerade erleben wir, was das für Unruhe stiftet. 

Literaturtipp

Mathias R. Schmidt und Wolfgang Gutberlet: Wertverleihend Handeln: Theo und Wolfgang Gutberlet und die Geschichte von Tegut 1947 – 2009. Parzellers Buchverlag. 223 Seiten. 24 Euro.

Spielen Sie auf die Coronakrise an?
Auch, ja. Es gilt in vielen Punkten. Dass wir in immer mehr Verordnungen reinkommen. Dass der Freiheitsraum immer kleiner wird. Das geht so lange, bis die Menschen ausbrechen. Manchmal sage ich zu Menschen, die es auf dem Gebiet etwas wild treiben: „Aha, ihr bereitet die nächste Revolution vor.“
Würden Sie sagen, dass die Regierung die Schraube gerade ein bisschen überdreht?
Bestimmt. Ja.
Dass diese Querdenker-Demos eine logische Konsequenz sind?
Es ist das alte Räuber- und Gendarm-Spiel. Es schaukelt sich hoch. Ich glaube nicht, dass Demonstrationen das geeignete Mittel sind, um etwas zu ändern. Demonstrationen führen dazu, dass die Macht auf der Gegenseite auch hervorgerufen wird. Es ist abhängig voneinander, es ist ein Spiel miteinander.
Für die Regierenden ist es sicher schwierig, das richtige Maß zu finden.
So ist es. Das richtige Maß, das Mittelmaß. Mittelmäßig ist in unserer Sprache negativ belegt. Aber die Mitte zu finden, den richtigen Ausgleich, nicht in die Pole, sondern in die Mitte zu gehen. Das ist wichtig.

Wolfgang Gutberlet über Corona: Die Regierung überdreht die Schraube ein bisschen

Haben Sie in der Zeit, in der Sie in der Gewalt der Entführer waren, etwas über sich gelernt? 
Wovon hängt es ab, ob man etwas aus einer Erfahrung lernt? Es hängt davon ab, ob man in der Lage ist, sich von außen zu betrachten. Aus der Betroffenheit herauszugehen, die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und je mehr Perspektiven man betrachtet, umso mehr lernt man. 
Hatten Sie Angst, dass die Entführer wiederkommen?
Ich glaube, die nicht, aber solche Ereignisse wird es immer wieder geben. Gefahrloser wird die Welt nicht. Wenn ich überlege, in wie vielen Situationen ich schon gesteckt habe, die völlig anders hätten ausgehen können, da kann man nur dankbar sein, dass man noch da ist.

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