Vier Männer stehen in der Fliedener Kirche.
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Gemeinsam arbeiten (von links) Fliedens Pfarrer Holger Biehn, Heinz-W. Hilberg, René Knipschild und Auszubildender Justin Thiel an einer Multimedia-Präsentation für die Fliedener Kirche, die einst Synagoge war.

Förderung vom Bund

Ein Terminal für die evangelische Kirche in Flieden - als Dokumentation über Synagoge und kunstvolle Fenster

  • Andreas Ungermann
    VonAndreas Ungermann
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Die Fenster in der evangelischen Kirche Flieden, die einst eine Synagoge war, haben als christlich-jüdisches Kunstwerk für einiges – auch überregionales – Aufsehen gesorgt. Nun sollen sie, der Kirchenraum und das jüdische Leben im Ort, in einer Multimedia-Installation erklärt werden.

Flieden - Ein Campingausflug an den Edersee gab dem evangelischen Pfarrer von Flieden, Holger Biehn, die Inspiration zum jüngsten Projekt im Königreich: An Christi Himmelfahrt nach dem ersten Corona-Lockdown im Vorjahr zog es Biehn mit dem Wohnmobil in den Norden von Hessen, wo er die Kirche in Affoldern besuchte und dort auf ein Terminal im Eingangsbereich stieß. „Da begrüßte mich in einem Video der Pfarrer, und mir war klar, dass wir das in unserer Kirche auch brauchen“, erinnert sich Biehn.

Denn vielmehr habe schon länger die Frage im Raum gestanden, wie sich die Geschichte der heutigen Kirche und einstigen Synagoge sowie die neuen Fenster als christlich-jüdisches Kunstwerk dokumentieren und präsentieren ließen. Herumstehende Pinnwände, so viel sei klar gewesen, würden dem Charme des kleinen Gotteshauses nicht gerecht.

Fulda: Terminal für evangelische Kirche in Flieden - als Dokumentation über Synagoge

Schon bald entstand eine „Corona-Bekanntschaft“ zu Heinz-Wilhelm Hilberg und René Knipschild. Die beiden haben mit ihren Firmen 3H-Media-Works Hilberg & Partner sowie RK Custom Software Development die Multimedia-Präsentationen in den 14 Kirchen am Eder-Radweg umgesetzt, die Biehn inspiriert hatten.

„Herr Hilberg sorgt für die Hardware, während wir die Software liefern“, beschreibt Knipschild kurz und knapp die Arbeitsteilung. Will heißen: Während Hilberg die Fotos und das Terminal sowie einen Monitor liefert, der auf der rechten Seite des Altarraumes installiert wird, programmieren Knipschild und sein Team die Plattform. (Lesen Sie hier: Seltener Anblick: Drei Kirchen im Kreis Fulda zeigen in diesem Jahr Osterkrippen)

An einem Terminal soll die Geschichte der evangelischen Kirche in Flieden erklärt werden.

Diese wird in neun Kacheln neun Themengebiete aufnehmen. Dahinter verbergen sich Texte, Bilder, Videos und Audiodokumentationen, in denen die Kirchenfenster, die Geschichte von Kirche und Synagoge, das jüdische Leben in Flieden und darüber hinaus – etwa mit Verweis auf die Landsynagoge Heubach –, aber auch das Thema Antisemitismus beschrieben werden.

„Wir wollen gelingendes jüdisches Leben und das Zusammenleben mit Christen zeigen, wir werden aber auch Pogrome und Antisemitismus nicht verschweigen. Das soll durchaus in eine aktuelle Debatte führen“, kündigt der Pfarrer an. Auf die Namensnennung von Pogrombeteiligten und Tätern während des Nazi-Regimes werde indes verzichtet – abgesehen von Fliedens Bürgermeister aus den Jahren 1933 bis 1945. Ein Gespräch zwischen dessen Enkelin und Biehns Kollegin Anke Haendler-Kläsener soll in der Installation zu hören sein. „Das wirkt sicherlich bedrückend“, meint Biehn.

Stichwort

Das Projekt „Kirchen am Eder-Radweg“ verbindet seit 2018 im Kirchenkreis Eder 14 Gotteshäuser rund um den Stausee. Der Radweg ist 110 Kilometer lang. In den Kirchen finden die Besucher Terminals, über die multimedial Informationen vermittelt werden. „Einmalig in Europa – durch die Ausstattung der Kirchen mit einem multimedialen, barrierearmen Informationssystem können Besucherinnen und Besucher in die Geschichte der Kirche und des Ortes eintauchen, Andachten und Musikstücken lauschen, Rätsel lösen oder Tipps für die Weiterfahrt erhalten“, heißt es auf der Internetseite zum Radweg. Außerdem können Besucher den Edersee per Multimedia-Guide erkunden. Eine Fortführung ist laut Pfarrer Holger Biehn und Heinz-Wilhelm Hilberg, der das Projekt „Kirchen am Eder-Radweg“ umgesetzt hat, in Flieden ebenfalls denkbar. So ließen sich Häuser einstiger jüdischer Einwohner ebenso dokumentieren wie der jüdische Friedhof und damit eine Ortsführung zu verschiedenen Themen einrichten – beispielsweise christliches Leben in der Gemeinde. (au)

Verbaut würden in dem Terminal für die Präsentation gute Lautsprecher, deren Klang den Kirchenraum ausfüllt, kündigt Knipschild an. Das Tablet für die Steuerung muss für den Dauerbetrieb ausgelegt sein. Und schließlich will das Konzept noch erstellt sein. Das umfasst auch eine Homepage, sodass Besucher sich über ihren Aufenthalt in Flieden hinaus online weiter mit dem Thema befassen können. „Allein in der Kirche haben wir Material für zwei bis drei Stunden“, sagen Biehn, Hilberg und Knipschild. Mit einem fünfstelligen Betrag für die Einrichtung ist bei einem solchen Umfang schon zu rechnen.

Terminal in evangelischer Kirche wird vom Bund mit 12.000 Euro gefördert

Möglich macht die Umsetzung überhaupt erst eine Förderung durch den Verein „Jüdisches Leben in Deutschland“. 12.000 Euro Fördergelder des Bundes fließen über diesen nach Flieden. Hinzu kommen Spenden sowie Unterstützungen von Kommune und Landkreis.

Wenn die Installation ab Oktober zu sehen sein wird, dann hofft Biehn, dass Gruppen und Schulklassen aus der Region den Weg in die kleine Kirche finden. „Denn es ist wichtig, dass wir über jüdisches Leben – gelungen oder unterdrückt – Bescheid wissen. In der Schule wird das selten vermittelt – vor allem das Wissen über das Judentum auf dem Land“, stellt Biehn fest. Interesse daran bestehe jedoch. Das machten Nachfragen jüdischer Reisender beim Jüdischen Museum in Frankfurt deutlich, zu dem ein enger Kontakt bestehe. Dort werde häufig auf Flieden und die Fenster des US-amerikanischen Künstlers Barney Zeitz verwiesen, in denen er auf Deutsch und Hebräisch „Segen“, „Gnade“ und „Frieden“ darstellt.

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