Jan-Philip Glania bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio
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In Rio 2016 war Jan-Philip Glania am Start. Auf Tokio verzichtet der Schwimmer.

Neben Tom Bartels

TV-Kommentator bei den Olympischen Spielen 2021 - Neue Aufgabe für Jan-Philip Glania

  • Thomas Schafranek
    VonThomas Schafranek
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Neue Herausforderung für Jan-Philip Glania: Der ehemalige, international renommierte Rückenschwimmer wird mit dem bekannten Reporter Tom Bartels die Schwimmwettbewerbe bei den Olympischen Spielen in Tokio für die ARD kommentieren – abwechselnd im TV oder im Livestream.

Fulda - Glania selbst hat 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro an den Olympischen Spielen teilgenommen. Wir fragten den 32-jährigen Petersberger, der vor gut einem Jahr seine Profi-Karriere beendet hatte und mittlerweile als Zahnarzt in Fulda tätig ist, wie es zur Zusammenarbeit mit Tom Bartels (55) kam, wie er sich auf die Aufgabe vorbereitet und was er zu den Medaillenchancen der deutschen Schwimmer sagt.

Jan-Philip Glania wird die Schwimmwettkämpfe bei Olympia mit Tom Bartels kommentieren.
Wie ist die Zusammenarbeit mit der ARD zustande gekommen?
Ich kenne Tom Bartels schon seit London. Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt. Tom ist ein super netter und sympathischer Typ. Bei allen Großveranstaltungen nach 2012 haben wir uns dann immer wieder getroffen und uns ausgetauscht. Nach meinem Karriereende hab ich ihn dann angeschrieben und scherzhaft gesagt, dass er sich melden soll, wenn mal ein TV-Experte gebraucht wird. 
Und dann hat er sich sofort gemeldet?
Nicht sofort, weil Olympia im vergangenen Jahr ja ausgefallen ist. Aber vor zwei Monaten hat er dann plötzlich und für mich überraschend angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, sein Co-Kommentator bei den Schwimm-Wettbewerben zu werden. Das hat mich total gefreut.

Fulda: Neben Tom Bartels - Jan-Philip Glania kommentiert im TV Olympia

Sie mussten also nicht lange überlegen?
Keine Sekunde. Das passt einfach mit Tom Bartels. Er ist jemand, der beim Kommentieren niemanden grundlos in die Pfanne haut. Er hat eine extrem hohe Kompetenz und kann die Leistungen der Sportler gut einschätzen. Ich habe richtig große Lust darauf, das mit ihm zu machen. Und ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Ich glaube, dass es für den Zuschauer interessant ist, mal die Sicht eines Sportlers bei solchen Wettkämpfen zu hören, vielleicht auch mal die Taktik bei den Rennen erklärt zu bekommen. Und ich finde es spannend, die Seiten zu wechseln – selbst wenn ich mich nach wie vor mehr als Sportler und weniger als Journalist fühle.
Es gibt Experten, die Phrasen dreschen, weil sie den ehemaligen Kollegen nicht weh tun wollen. Aber es gibt auch solche, die Klartext reden und offen kritisieren. Wie wollen Sie das machen?
Ich bin der Meinung, dass man die Leistungen realistisch einschätzen und bewerten muss. Einfach pauschal zu kritisieren, wäre mir zu einfach. Man muss schon die Vorgeschichten der Athleten kennen, ob sie beispielsweise verletzt waren, wie ihre Vorbereitung gelaufen ist, oder ob ihre Leistungen vielleicht seit Monaten stagnieren. Und aus Sportlersicht weiß ich noch, wie schwierig es manchmal ist und dass es tatsächlich auf Kleinigkeiten und die Tagesform ankommen kann. Dennoch: Ich werde nichts unangemessen in den Himmel loben, aber auch nicht grundlos draufhauen. Ich möchte sachlich und realistisch kommentieren.

(Lesen Sie hier: Paul Biedermann: Ich habe großen Respekt für diese Entscheidung)

Einsatz für Glania: Ex-Schwimmer kommentiert vom 24. Juli bis zum 1. August

Wie oft werden Sie im Einsatz sein? ARD und ZDF wechseln sich ja in der Berichterstattung ab.
Ja, das stimmt. Trotzdem werden wir vom 24. Juli bis zum 1. August jeden Tag im Einsatz sein. Wenn das ZDF live im Fernsehen überträgt, kommentieren Tom und ich parallel dazu im ARD-Livestream. Und das sogar nachts, denn um 3.30 Uhr deutscher Zeit stehen jeweils die Finals an. Wir müssen also quasi eine Woche lang in der Zeitzone von Tokio leben.
Von wo aus werden Sie kommentieren?
Wir machen das von Mainz aus. Ich werde die gesamte Woche in Mainz im Hotel sein und mich jeweils auf die anstehenden Wettkämpfe vorbereiten. Wir nutzen die Studios, die bei der Fußball-EM im Einsatz waren. Die werden gerade nur noch ein wenig umgebaut.
Wie bereiten Sie sich auf die neue Aufgabe vor?
Derzeit lese ich viel über die wichtigsten Schwimmer, mache mir Notizen. Ich komme abends heim und setze mich vor den PC und recherchiere. Ich will natürlich bestmöglich vorbereitet sein. Aber alles über die etwa 1500 Schwimmer zu wissen, geht natürlich nicht. Wichtig ist, dass man die Finalisten kennt und vor und während der Rennen etwas über die sagen kann. 
Wie intensiv ist Ihr Kontakt noch zu den aktiven Schwimmern? 
Einige kenne ich noch aus meiner aktiven Zeit. Es sind aber auch einige junge dabei, die ich nicht persönlich kenne. Mit denen werde ich mich noch in Verbindung setzen. Besonders freue ich mich auf Athletensprecher Jacob Heidtmann, der ein richtig guter Freund von mir ist. Er schwimmt die 400 Meter Lagen am ersten Tag, an dem ich im Fernsehen und nicht im Livestream kommentiere – am Sonntag, 25. Juli.

Olympische Spiele - Wie hoch sind die Chancen für die deutschen Schwimmer?

Große Hoffnungen auf einen Medaillenregen dürfen wir uns sicher nicht machen. Wie schätzen Sie die Situation des deutschen Schwimmsports ein?
Es ist schon seit einiger Zeit so, dass es immer mal wieder positive Ausreißer gibt. Aber insgesamt fehlt ein bisschen die Breite. Das liegt auch am System der Sportförderung. Richtig unterstützt wird man nämlich erst, wenn man oben angekommen ist. Das müsste allerdings viel früher ansetzen – als richtige Talentförderung. Und natürlich ist das Image des Schwimmsports nicht das beste. Fußball und andere Sportarten sind da finanziell lukrativer, sind viel stärker in den Medien präsent. Die Kids entscheiden sich dann eben nur selten für eine Schwimm-Karriere.
Es gab lange Diskussionen, ob die Spiele überhaupt stattfinden sollen. Wie denken Sie darüber?
Ich finde es gut, dass Olympia stattfindet. Ich freue mich für alle qualifizierten Sportler, dass sie sich nach der langen Zeit der Ungewissheit ihren Olympiatraum nun doch erfüllen können. Und das nach einem Jahr Training fast ohne Wettkämpfe, in dem nie ganz klar war, ob die Spiele überhaupt stattfinden werden. Für mich wäre diese Ungewissheit ein echter Motivationskiller gewesen. Deshalb habe ich Respekt vor allen, die das so konsequent durchgezogen haben
Und dass keine Zuschauer dabei sein werden, ist nicht so wichtig?
Natürlich sind Wettkämpfe mit Zuschauern viel besser. Aber gerade für die Schwimmer ist Olympia mit Abstand das wichtigste Event. Da kommt keine EM oder WM ran. Die Athleten beißen in diesen sauren Apfel nach dem Motto: Olympia lieber so, als gar nicht.

„Da war die Atmosphäre extrem cool“ - Glania schwärmt von Mannschaftssportarten

(Lesen Sie hier: Sprinter Michael Pohl fährt nicht zu den Olympischen Spielen)

Wie war das bei Ihnen? War Ihnen eine volle Schwimmhalle wichtig?
Für mich war das extrem wichtig. Ich habe diesen Adrenalin-Kick gebraucht, wenn die Fans auf den Tribünen ein Höllen-Spektakel abgeliefert haben. Das sieht man auch daran, dass ich im Training immer langsamer geschwommen bin als im Wettkampf. Also für mich wären die anstehenden Corona-Spiele nicht optimal gewesen.
Aber abgesagt, wie einige Tennisspieler, die keine rechte Lust haben, ohne Fans zu spielen, hätten Sie nicht?
Auf gar keinen Fall.
Was interessiert Sie neben dem Schwimmen bei Olympia noch? Sind Sie ein Junkie, der sich möglichst alles anschaut?
Ja, ich gucke tatsächlich am liebsten alles. Aber das geht natürlich nicht, weil einiges parallel läuft. Bei den Spielen 2016 in Rio bin ich nach meinen Wettkämpfen gern zur Leichtathletik gegangen und zu den Mannschaftssportarten wie Fußball oder Handball. Da war die Atmosphäre in vollen Arenen schon extrem cool. Aber auch Beachvolleyball war hochinteressant.

Video: Olympische Spiele - Ruhm und Ehre seit 2800 Jahren

Das alles können die Sportler dieses Jahr nicht machen.
Ja, leider. In Tokio geht fast das gesamte olympische Flair verloren: Leben in der Corona-Blase, Wohnen im Olympischen Dorf ohne wirklichen Kontakt zu Sportlern anderer Sportarten und Nationen. Zudem müssen die Athleten beispielsweise spätestens zwei Tage nach ihrem eigenen Wettkampf das Land wieder verlassen. Die müssen sich dann den Rest von Olympia daheim im Fernsehen angucken. Das ist schon extrem bitter.
Zum Schluss ein Tipp des Experten: Wie viele Medaillen holt das deutsche Schwimmteam?

Wenn alle Trümpfe stechen, holen wir vier bis fünf Medaillen. Florian Wellbrock und Sarah Köhler auf den Langstrecken, Lagenspezialist Philip Heinz und Franziska Hentke beim Schmetterling haben Chancen, Edelmetall aus Tokio mit nach Hause zu bringen. Florian hat sogar das Zeug für drei Medaillen: über 800 und 1500 Meter und im Freiwasser über 10 Kilometer. Er muss nur seine Nerven im Griff haben. Ich bin gespannt.

Sportkommentator Tom Bartels über Glania: „Ich weiß, wie gut er die Szene kennt“

ARD-Kommentator Tom Bartels freut sich über die Zusammenarbeit mit Jan-Philip Glania.

Tom Bartels hat sich auch Jan-Philip Glanias Tätigkeit bei den Olympischen Spielen geäußert. Gegenüber unserer Zeitung ging Bartels sogar noch mehr ins Detail.

5 Fragen an Tom Bartels

Wie sind Sie auf Jan-Philip Glania als TV-Experten gekommen? Was prädestiniert ihn für den Job?

Nachdem wir entschieden haben, dass wir aufgrund der Gesamtkonstellation Schwimmen aus Mainz kommentieren werden, war mein erster Gedanke, einen Insider, sprich einen Trainer oder Schwimmer, der die aktuellen Athleten national wie international kennt, dazuzunehmen. Aus vielen Gesprächen mit Jan-Philip Glania weiß ich, wie gut er die Szene kennt und wie sehr er sich mit seiner Sportart beschäftigt. Wir haben dazu schon einmal bei einem Großereignis zusammen am Mikro gesessen (EM Berlin) – das hat gepasst!

Welche Sportarten werden Sie neben dem Schwimmen noch kommentieren?

Während der Olympischen Spiele diesmal nur das Beckenschwimmen und in der zweiten Woche die Wettbewerbe im Langstreckenschwimmen. Danach werde ich schon wieder beim Fußball im DFB-Pokal gebraucht. 

Welche Sportart kommentieren Sie am liebsten?

Da habe ich keine Nummer eins. Mir macht alles auf seine Art Spaß. Beim Schwimmen beispielsweise habe ich den allergrößten Respekt vor dem immensen Trainingsaufwand aller Athleten und Athletinnen.

Welche Sportart interessiert Sie persönlich am meisten?

Mich interessieren nahezu alle Sportarten – und das von klein auf. Mit Fußball und Tennis bin ich groß geworden, auch mit Wintersport und Leichtathletik. 

Was denken Sie über Olympia in Tokio? Hätte man die Spiele absagen sollen?

Jedes Land hat seinen eigenen Umgang mit der Pandemie. Olympia ohne Zuschauer wird eine neue Erfahrung sein. Nicht selbst vor Ort zu sein, auch. Ich bin dennoch froh, dass Olympia stattfindet, weil ich weiß, was Athleten investieren. Für viele ist 2021 eine einmalige Gelegenheit. Dass von geimpften oder permanent getesteten, meist jungen Sportlern eine Gefahr ausgeht, sehe ich nicht.

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