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Dipperz statt Dnepr - im Grillrestaurant Kneshecke arbeitet ein aus der Ukraine geflohener Koch

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Von: Daniela Petersen

Die beiden Köche Michael Glas (links) und Vitali Omelyantschik können viel voneinander lernen.
Die beiden Köche Michael Glas (links) und Vitali Omelyantschik können viel voneinander lernen. © Jonas Wenzel

Familie Glas, die das Grillrestaurant Kneshecke in Dipperz im Landkreis Fulda betreibt, hat einen Koch aus der Ukraine eingestellt. Die Zusammenarbeit mit Vitali Omelyantschik läuft gut. Es gibt aber auch Herausforderungen.

Dipperz - Aus der Küche ist seit einigen Minuten eine Melodie zu hören: Blinding Lights von „The Weeknd“. Gepfiffen. Chefkoch Michael Glas pfeift immer, wenn er am Kochen ist. Die Stimmung im Grillrestaurant Kneshecke in Dipperz (Landkreis Fulda) ist gut. Gleich wird es Mittagessen geben. 

Seit einigen Wochen sitzen ein paar mehr Menschen mit am Tisch: Svenja und Michael Glas haben neun Gäste aus der Ukraine aufgenommen, die in zwei ihrer Bungalows auf dem Areal leben. Drei Frauen mit drei kleinen Hunden und Familie Omelyantschik mit vier Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren.

Fulda: Im Grillrestaurant Kneshecke arbeitet ein aus der Ukraine geflohener Koch

Der Vater Vitali konnte bei Michael Glas vor Kurzem als Koch anfangen. Und so gibt es neben Rouladen, Ochsenbäckchen, Tortellini und Salat eben auch Borschtsch an diesem Mittag, die der 38-jährige Neuzugang zubereitet hat. 

Vor dem Krieg war er in Kiew in einem Restaurant angestellt, das sich in einem Schiff auf dem Fluss Dnepr befindet. „Es ist eines der fünf besten Restaurants in der Ukraine“, sagt der 38-Jährige in seiner Sprache. Er spricht diesen Satz in sein Handy, um es über Google Translate ins Deutsche übersetzen zu lassen.

Die Sprache ist eine der großen Herausforderungen. Vitali spricht kein Englisch. Deshalb verständigen sich Michael und er hauptsächlich mit Gesten. „Im Prinzip ist es aber so: Handwerk versteht sich. Ein guter Koch in der Ukraine ist auch ein guter Koch hier“, sagt Michael und ergänzt: „Viele Gerichte, die wir anbieten, sind international.“

Von den insgesamt 38 verschiedenen Essen beherrscht Vitali schon ein gutes Drittel. „Diese Woche ist er noch am Herd eingesetzt, nächste Woche soll er dann den Posten am Grill übernehmen“, erklärt der 53-jährige Chef. Der Austausch sei für beide Seiten spannend.

„Ich habe bei ihm zum ersten Mal gesehen, dass man vier Gurken auf einmal schneiden kann. Er lernt von mir den Kneshecken-Style mit Grillgerichten, ich lerne von ihm die ukrainische Küche besser kennen“, sagt Michael. Ob künftig auch Borschtsch mit auf die Karte genommen wird, weiß er noch nicht. Er ist aber offen für die osteuropäische Küche.

Vitali Omelyantschik kommt aus der Ukraine – und kocht nun an der Kneshecke.
Vitali Omelyantschik kommt aus der Ukraine – und kocht nun an der Kneshecke. © Jonas Wenzel

„Schon vor dem Krieg gab es Kontakte über den Verein der Köche mit Mitgliedern der ukrainischen Jugendkoch-Nationalmannschaft. Sie waren hier und haben mit uns gekocht“, sagt der 53-Jährige (lesen Sie auch hier: Verein der Köche Fulda startet großen Hilfsgüter-Transport und will an Ukraine-Grenze kochen).

Es sei sogar geplant gewesen, dass vier der Köche im Sommer wieder nach Osthessen kommen. Doch mit dem Krieg haben sich die Pläne zerschlagen. „Wir haben gefragt, ob sie herkommen möchten, aber sie haben es verneint und wollen in der Ukraine bleiben.“ 

Auch Vitali Omeyantschik wäre geblieben, wenn die Situation nicht zunehmend gefährlicher für ihn und seine Familie geworden wäre. Er berichtet von Explosionen, die er mit angehört hat. Von Freunden und Bekannten, die er vermisst und die noch dort sind. Die Eltern seiner Frau Katja leben in Donezk, eine Stadt, die momentan hart umkämpft wird. 

Kriegsrecht in der Ukrainer: Väter von mindestens drei Kindern dürfen ausreisen

In der Ukraine gilt das Kriegsrecht. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen nicht ausreisen – es sei denn sie sind Väter von mindestens drei Kindern. Vitali hat vier. Mascha und Dima sind zehn und Zwillinge, Vania ist zwei und Jenia zwölf.

Auch Svenja und Michael haben zwei Kinder im Alter von zehn und zwölf. „Das passt also sehr gut“, sagt Svenja. Für sie war sofort klar, dass sie Flüchtlinge aufnehmen möchte: „Weil es nötig ist, und wenn man die Möglichkeit dazu hat, sollte man das tun“, betont sie. F

Vitaly (38) aus Kiew arbeitet nach der Flucht mit seiner Familie in der Küche des Grillrestaurants Kneshecke in Dipperz im Kreis Fulda als Koch.
Vitaly (38) aus Kiew arbeitet nach der Flucht mit seiner Familie in der Küche des Grillrestaurants Kneshecke in Dipperz im Kreis Fulda als Koch. © Daniel Vogl/dpa

ür die Gäste aus der Ukraine ist sie eine wichtige Ansprechpartnerin, sie fährt die Kinder zur Schule nach Loheland und hilft mit Formularen. Gerade füllt sie gemeinsam mit Katja einen Antrag auf Kindergeld aus. Auch für Vitalis Arbeitsgenehmigung mussten einige Voraussetzungen erfüllt werden.

„Er musste im Landkreis Fulda gemeldet sein und brauchte ein biometrisches Passbild, eine Krankenversicherung und ein Konto“, erklärt Michel Glas (lesen Sie auch hier: Ukraine-Krieg und die Folgen - Wer Flüchtlinge aufnimmt, bekommt Zuschuss vom Staat).

Letztlich habe das Ganze aber nur etwa zwei Wochen gedauert bis er anfangen konnte. „In Frankfurt zum Beispiel können da auch schon mal zwei Monate ins Land gehen, bis man einen Termin bekommt. Hier waren Gemeinde und Landkreis gut vorbereitet“, sagt Glas. 

Video: So sollen Ukraine-Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden

Dass Vitali bei ihm anfangen konnte und die Familie in Osthessen landete, war reiner Zufall. An der polnischen Grenzen trafen die Omelyantschiks auf den Verein „Kleine Helden“ aus Hünfeld, der Hilfstransporte organisiert hat und Flüchtlingen anbot, sie mit in Richtung Westen zu nehmen.

„Da wir schon häufiger mit dem Verein zusammen gearbeitet haben, wurde ich gefragt, ob ich einen ukrainischen Koch anstellen würde. Ich habe sofort ja gesagt“, erinnert sich Glas. Eine freche Frage muss er sich von seinem neuen Koch aber gefallen lassen: Ob er wirklich nur das eine Lied pfeifen kann...

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