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„Viele sind überfordert“ - Wie Alltagsbegleiter Demenzkranke und ihre Familien unterstützen

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Von: Jessica Vey

Demenz alte Dame
Bilder aus früheren Zeiten anschauen – das kann Demenzkranken helfen, das Gehirn anzuregen. © Fotolia

Wenn jemand an Demenz erkrankt, ist das für den Menschen selbst schlimm. Und auch die Angehörigen leiden darunter. Der Verein Miteinander-Füreinander in der Rhön setzt Alltagsbegleiter ein. Sie entlasten die Familien. 

Fulda - „Es wird auch mal geweint, klar“, sagt Christiane Hack. Sie ist eine von zehn Alltagsbegleitern, die ehrenamtlich Familien mit Demenzerkrankten betreuen. Und sie gibt Kurse, in denen sie die Angehörigen informiert – über Patientenverfügung, über Medikamente und über Möglichkeiten, mit der Krankheit und vor allem mit dem Erkrankten umzugehen. In diesen Kursen wird es mitunter emotional.

Fulda: Verein unterstützt Demenzkranke und ihre Familien

„Der Umgang mit Dementen ist für die Angehörigen sehr belastend. Viele sind überfordert“, weiß die 56-Jährige. Für die Menschen sei es sehr hilfreich, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen. „Es hilft ihnen zu hören, dass es den anderen wie ihnen geht. Das ist dann schon eine Erleichterung.“

Christiane Hack aus Hettenhausen in der Rhön (Fulda) klärt dabei über Möglichkeiten auf, sich Unterstützung zu holen, zum Beispiel den Erkrankten einen Tag lang in eine Tagespflege zu geben. „Viele blocken da sofort ab. Aber wenn sie überlegen, fällt ihnen auf: Ach, an dem Tag könnte ich mal putzen und den Einkauf erledigen.“ Letztlich helfe es ihnen und es helfe dem Erkrankten, für den dies eine schöne Abwechslung sein kann. „Aufklärung und Unterstützung helfen, mit der schweren Situation umzugehen. Denn: Es muss beiden Seiten gutgehen, dem Dementen und dem Pflegenden.“

Eine weitere Option ist die Alltagsbegleitung des Vereins Miteinander-Füreinander. Ein Ehrenamtlicher ist in der Woche zwei bis drei Stunden bei den Familien. „Der Verein schaut dabei, welcher Alltagsbegleiter zu welcher Familie passt“, erklärt Hack. Die 56-Jährige macht das ehrenamtlich – neben ihrem Job als Palliativ-Krankenschwester. An der Arbeit begegnen ihr neben vielen Krebspatienten auch Demenzerkrankte, bei denen die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass das Lebensende bevorsteht.

Demenz ist nicht heilbar. Aber es gibt Möglichkeiten, der Krankheit entgegenzuwirken. 

Christiane Hack, Alltagsbegleiterin

Demenz ist nicht heilbar. Aber: Es gibt Medikamente, die das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen können. Und: Es gibt verschiedene Arten der Demenz. „Ich spreche mich dafür aus, dass man sich unbedingt beim Arzt eine Diagnose für den Betroffenen geben lässt“, sagt sie. (Lesen Sie hier: Babyboom in der Region Fulda: Ist Corona-Pandemie die Ursache?)

Doch manche Menschen haben Probleme mit dem Thema. Sie möchten nicht, dass Freunde oder Nachbarn davon erfahren, dass ihr Angehöriger dement ist. „Das Wort Demenz sprechen viele nicht gern aus. Es ist mancherorts ein Tabuthema. Aber offen darüber zu sprechen, das hilft“, ist Christiane Hack überzeugt. Das weiß sie aus Erfahrung. Denn ihre 83-jährige Mutter leidet bereits seit 15 Jahren an der Krankheit.

„Je mehr Erfahrung man sammelt, je mehr man über die Krankheit weiß, desto einfacher fällt es einem, damit umzugehen“, so Hack. Dabei weiß sie auch, dass vor allem Ehepartner Schwierigkeiten haben: Wenn der langjährige Partner sein Gedächtnis verliert, ist das für den Gesunden sehr schwer.

Video: Demenz - Wenn das Gedächtnis nachlässt

„Was hilft, ist Gelassenheit und Geduld. Wenn ein Erkrankter zum zweiten oder zum dritten Mal am Tag ein Brot eingekauft hat, wenn er zum zehnten Mal in der Woche denselben Schrank ausräumt, wenn er die Frage zum 20. Mal stellt, dann sollte man nicht genervt reagieren und denjenigen beschwichtigen. Wenn jemand zur Aggression neigt, dann könnte man das dadurch verstärken. Oder der Demente zieht sich daraufhin zurück.“

Hack rät: „Man sollte nicht sagen: Was machst du denn schon wieder, das hast du doch gestern schon gemacht!“ Sondern versuchen, den Menschen auf der Ebene abzuholen, auf der er sich befindet. Das heißt: Wenn jemand den Schrank zum wiederholten Male ausräumt, könnte man sagen: „Mensch, du bist aber schon wieder fleißig. Komm, lass’ uns das später fertig machen.“

Als Alltagsbegleiterin informiert sie sich über den Menschen: Ist das ein Mann, der sein Leben als Schreiner verbracht hat? Ist es eine Frau, die ihr Leben lang gern gestrickt hat? „So etwas ist meist fest verankert. Wenn man mit ihnen darüber spricht, dann blühen viele auf. Oder man blättert Fotoalben gemeinsam durch. Das weckt Emotionen, die im Langzeitgedächtnis vorhanden sind. Am Anfang der Krankheit ist es ja das Kurzzeitgedächtnis, das zuerst nicht mehr funktioniert“, erklärt sie.

Wozu die Alltagsbegleiterin generell rät, sind die gesellschaftlichen Angebote des Vereins Miteinander-Füreinander wie das „Smarte Frühstück“ und das „Erzählcafé“. Ältere Menschen in Gesellschaft zu bringen, sei die beste Prävention. Denn: Wenn jemand vereinsamt, dann lässt auch die Gehirnaktivität nach. „Am besten sollten ältere Menschen in Gemeinschaft leben, nicht allein.“

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