Eine ältere Dame nimmt in ihrer Wohnung ein Telefongespräch an.
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Trickbetrüger haben sich der Corona-Pandemie angepasst und nutzen die Angst der älteren Menschen aus. Sie bieten beispielsweise angebliche Corona-Impfungen für zu Hause an (Symbolfoto).

„Mama, hilf mir!“-Schreie

Wie Trickbetrüger am Telefon für Panik sorgen - Opfer aus Fulda und Vogelsberg berichten

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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Egal, ob die potenziellen Opfer auf Schockanrufe hereinfallen oder nicht – die Anrufe von Trickbetrügern sorgen für Aufregung bis hin zu Panik. Das berichten eine Frau aus Fulda und eine Frau aus dem Vogelsberg.

Fulda - Mit einem vorsichtigen „Ja, Hallo“ meldet sich die 65-Jährige aus Fulda-Edelzell. „Ich bin am Telefon immer vorsichtig“, sagt sie. Schließlich hat sie schon einmal einen Anruf aus einem Trickbetrüger-Callcenter erhalten und sollte um einen fünfstelligen Eurobetrag erleichtert werden.

Um darüber zu berichten, hat die Pressestelle der Polizei den Kontakt vermittelt. Ein wenig konspirativ mutet es an, oft kommt es in Lokalredaktionen nicht vor, dass Journalisten mit Codeworten arbeiten, um sich zu identifizieren. Die 65-Jährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hingegen kennt das Prozedere. 

Fulda und Vogelsberg: Trickbetrüger sorgen für Panik am Telefon - Opfer berichten

Unerschrocken wirkt sie am Telefon – und doch, so räumt sie ein: „Nach dem Anruf und später im Kontakt mit der Polizei war ich damals schon aufgeregt.“ Zwischen 10.30 und 11 Uhr klingelte kürzlich das Telefon der Rentnerin: am Apparat eine weibliche Stimme, die sich mit „Hallo Mama“ meldete.

„Ich hatte aber das Pech, dass ich in meinem Leben nie Mama geworden bin“, berichtet die Edelzellerin, die der angeblichen Tochter dann erst einmal zuhörte. „Ich habe schon befürchtet, dass es sich um Trickbetrüger handelte. Davon hatte ich kurz vorher viel gehört.“

Sie habe sich geärgert, „dass solche Täter älteren Menschen ihr Erspartes abknöpfen“, sagt sie. Die Anruferin habe die 65-Jährige, die versuchte, das Gespräch mit ihrem Handy aufzuzeichnen, dann gefragt, was sie gerade mache, ob sie allein zu Hause sei und ob es ihr gut gehe, weil sie sich so komisch anhöre.

Welche Probleme sie selbst habe, schilderte die angebliche Tochter hingegen auch auf Nachfragen nicht. Aber sie brauche 50.000 Euro – und die möglichst schnell. So viel Geld könne sie in der Kürze nicht auftreiben, habe die Seniorin dann geantwortet; und plötzlich seien auch 40.000 Euro ausreichend gewesen.

Polizei: Auf Schockanrufe von Trickbetrügern folgen meist Gewinnspiel-Anrufe

So ausreichend immerhin, dass die Anruferin ankündigte, jemanden vorbei schicken zu wollen, weil sie selbst das Geld nicht abholen könne. „Nach dem Telefonat habe ich erst einmal tief durchgeatmet und dann die Polizei angerufen – über die 110, weil ich keine andere Nummer wusste“, erinnert sich die 65-Jährige.

Hier kam dann das Codewort ins Spiel, das für den Rückruf aus dem Betrugsdezernat vereinbart worden war, und nach einer kleinen Verwirrung um dieses lief die Ermittlungsmaschinerie an. „Die Polizei war ziemlich schnell bei mir“, berichtet die Fuldaerin.

Sie hatte den Ermittlern allerhand Fragen zu beantworten. „Haben Sie Ihre Telefonnummer preisgegeben oder Ihre Kontonummer?“ Währenddessen sei Bewegung in den Fuldaer Stadtteil gekommen und die Beamten hätten mit ihr auf einen weiteren Anruf gewartet, der aber nicht erfolgt sei.

„Die Nacht danach war nicht so prickelnd“, sagt die Edelzellerin, die noch eine Zeit lang mit der Polizei in Kontakt gestanden habe. Denn später habe sie der eine oder andere Anruf ereilt, ohne das etwas gesprochen worden sei. „Das ist nicht ungewöhnlich“, erläutert ein Betrugsermittler des Hessischen Landeskriminalamtes.

Trickbetrüger sagten, die Tochter habe eine Mutter bei einem Unfall totgefahren

Er fügt hinzu: „Auf Schockanrufe folgt nicht selten das ,Gewinnversprechen‘.“ Davon weiß auch die 65-Jährige zu berichten, regelrecht gedroht worden sei ihr, als sie Geld für eine Gewinnspielteilnahme oder ihre Kontodaten für eine Gewinnüberweisung habe rausrücken sollen.

Immerhin: Die Abholer, die möglicherweise auch bei ihr hätten abkassieren sollen, wurden gefasst. Allerdings in einem anderen Fall, in dem es um eine höhere Summe ging. „Schon als wir vergeblich auf den nächsten Anruf gewartet haben, habe ich der Polizei im Scherz gesagt: ,Die sind bestimmt woanders, wo es mehr zu holen gibt“, erinnert sich die Edelzellerin an das Geschehen vor wenigen Wochen.

„Wenn die Maschen bekannt werden und vermehrt gewarnt wird, dann ziehen die Trickbetrüger weiter in die nächste Region. Das funktioniert wellenförmig“, sagt der LKA-Beamte. Nur wenige Kilometer weiter im südöstlichen Vogelsbergkreis traf es ein Ehepaar kurz darauf tatsächlich härter.

Diesem wurde am Telefon gesagt, die Tochter habe eine dreifache Mutter bei einem Verkehrsunfall totgefahren und benötige nun dringend 50.000 Euro Kaution. „Vollkommen durch den Wind“ seien ihre Eltern gewesen, erzählt die echte Tochter – selbst alleinerziehende Mutter.

„Meine Mutter hatte eine Panik hoch zehn. Sie war in wahnsinniger Sorge und hat gedacht, das wird mich völlig aus der Bahn werfen.“ Die 74-Jährige, die am Telefon auch Schreie wie „Mama hilf mir!“ gehört hatte, wäre auf den Schockanruf hereingefallen.

Video: Trickdiebe nutzen Corona-Angst: So schützen Sie sich vor Betrügern

„Sie hat schon die Bank angerufen und jemanden gesucht, der sie fährt“, berichtet die 48-Jährige, in deren Familie das schreckliche Erlebnis tief sitzt und nach zwei Monaten noch immer Gesprächsthema ist. „Dass solche Sequenzen, die zusätzlich Angst schüren, bei den Telefonaten eingespielt werden, ist nicht selten“, weiß Kriminalhauptkommissar Hendrik Mikulasch vom Polizeipräsidium Osthessen.

Das diene weiter dazu, Druck aufzubauen und die Opfer zur Zahlung zu bewegen, sagt er. Umso wichtiger, das bestätigt auch sein Kollege aus dem LKA, seien – wie hier geschehen – die richtige und sensible Reaktion der Bankmitarbeiter. Im Fall der Frau aus dem Vogelsberg hatten sie die Polizei in Hanau alarmiert, die kurz darauf vor der Haustür stand.

Zu einer Festnahme kam es nicht, die Familie war zu geschockt, um sich auf weitere Telefonate einzulassen. Zuletzt hatte in Fulda Taxifahrer Norbert Reinhardt einen Trickbetrug vereitelt. Er bewahrt eine ältere Kundin vor einem hohem Schaden.

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