Der Fuldaer Gemüsemarkt 1948
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Der Fuldaer Gemüsemarkt 1948

Geschichten sollen nicht vergessen werden

Vonderau Museum startet großes Projekt zur Stadtgeschichte und sucht Zeitzeugen

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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Das Vonderau-Museum sammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt die Geschichte von Stadt und Region Fulda. Nun werden für ein neues, groß angelegtes Dokumentationsprojekt mit dem Titel „Fulda erzählt“ Zeitzeugen gesucht, die von der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen können.

  • Das Vonderau Museum sucht im Rahmen des Projekts „Fulda erzählt" Zeitzeugen.
  • Im ersten Schritt geht es vor allem um Kinder und Jugendliche, die Fulda zwischen 1945 und 1949 erlebt haben.
  • Die Erinnerungen der Menschen sollen nicht verloren gehen, sagt Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld.

Fulda - Wer kennt noch das Amerika-Haus, das einst anstelle des heutigen Kaufhofs stand und in dem Diskussionsrunden stattfanden und Bücher ausgeliehen werden konnten? Wer hat nach der Wiedereröffnung der Hochschule 1946 Vorlesungen besucht? Wer erinnert sich an seine Schulzeit nach dem Kriegsende und wer an den demokratischen Neuanfang mit Entnazifizierung, neu gegründeten Parteien und Wahlen?

„Wir wollen diese Menschen als Experten für unsere Stadt gewinnen und sie dazu einladen, ihre Geschichten zu erzählen, damit die Erinnerung nicht verloren geht“, erklärte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU) bei der Vorstellung des Zeitzeugenprojekts „Fulda erzählt“.

Wer erinnert sich an das Amerika-Haus in Fulda? Vonderau Museum sucht Zeitzeugen

Das Themenspektrum erstreckt sich über die Dekaden vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart. In einem ersten Teilprojekt geht es allerdings zunächst um die unmittelbare Nachkriegszeit. Dazu passt, dass die neue Jubiläumsausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ im Vonderau Museum während des Hessentags eröffnet und dann von Mai bis Dezember 2021 zu sehen sein wird. In die sollen auch die ersten Ergebnisse des Projekts einfließen. Die Zeitzeugen werden dafür zu Video-Interviews eingeladen.

Stellten das Zeitzeugenprojekt „Fulda erzählt“ vor: Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (von links), Kulturamtsleiter Thomas Heiler, Museumsmitarbeiterin Katja Galinski und Museumsleiter Frank Verse.

„Wir wollen von ihnen erfahren, wie die Menschen die Zeit zwischen dem Nationalsozialismus und dem Aufbruch zur Demokratie erlebt haben“, betonte Wingenfeld und zählte auch einige Schlaglichter in der Fuldaer Geschichte auf, die die Stadt geprägt haben: etwa das Engagement von Oberbürgermeister Cuno Raabe, um die Demokratie zu etablieren, und die Ankunft von Heimatvertriebenen, die die Stadt mit aufgebaut hatten.

„Das Zeitzeugen-Projekt ist ein wichtiger Schritt in der Neuorientierung des Museums, das baulich und inhaltlich weiterentwickelt und zu einem Ort der Begegnung, Kommunikation und Identitätsstiftung werden soll“, erklärte Wingenfeld.

Ein Verkehrspolizist 1946 in Fulda

Von der damaligen Zeit sollen nicht nur „bekannte Persönlichkeiten“ wie damalige Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft erzählen, betonte Museumsleiter Dr. Frank Verse. „Wir freuen uns vor allem über die einfachen, kleinen Geschichten. Denn es sind oft Alltagserlebnisse, die meist nicht weitergegeben werden.“

Museumsmitarbeiterin Katja Galinski wies darauf hin, dass auch Objekte, Dokumente, Bilder sowie individuelle Erinnerungsstücke wie Kleidung oder Dokumente wie Tagebücher, Kennkarten und Reisepässe gesucht werden. Die Ausstellung wird außerdem von einem Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Workshops begleitet. Vermittlungsformate wie eine App zur Hessischen Verfassung und eine Lern-App werden entwickelt.

Gesucht werden...

Für das Zeitzeugenprojekt „Fulda erzählt“ sucht das Vonderau Museum Menschen, die von der Nachkriegszeit in Fulda erzählen können. Auch Objekte, Dokumente, Bilder und andere Erinnerungsstücke sind erwünscht.

Besonders gesucht werden Kinder und Jugendliche, die die Jahre 1945 bis 1949 in Fulda erlebt haben und sich zum Beispiel an die amerikanische Besatzung und Demokratisierung erinnern können, an die Erziehung und Schule nach Kriegsende, an Kurse in der wiedereröffneten Hochschule, an das Amerika-Haus in der Rabanusstraße oder an das amerikanische Jugendprogramm „German Youth Activities“.

Wer seine Lebenserinnerungen teilen möchte oder Objekte als Leihgabe zur Verfügung stellen möchte, meldet sich bei Museumsmitarbeiterin Katja Galinski unter Telefon (0661) 1 02 32 17 oder per E-Mail an katja.galinski@fulda.de.

Die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung wird von einem Kuratorium erarbeitet, das aus Frank Verse, Katja Galinski, Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler sowie Ausstellungsmacher Peter Wellach vom Berliner Büro Beier und Wellach bestehen wird.

„Wir wollen all die Erinnerungen und Dinge, die wir im Rahmen des Projekts bekommen, nicht nur museal verwalten“, unterstrich Wingenfeld und ergänzte: „Wir wollen damit auch neue Debatten anstoßen.“ Dabei verwies der Oberbürgermeister auf das dazu passend Motto, das die Stadt anlässlich des Stadtjubiläums im vergangenen Jahr gewählt hatte: „Zukunft braucht Herkunft.“

Das Vonderau Museum hat im Zuge der Corona-Krise angefangen, Objekte zu sammeln, die für die aktuelle Zeit stehen.

Der Einmarsch der Amerikaner in der Kronhofstraße in Fulda 1945
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