Dr. Thomas Schmitt, Zeitzeuge und Herausgeber unserer Zeitung.
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Dr. Thomas Schmitt, Zeitzeuge und Herausgeber unserer Zeitung.

Demokratisierung mit Schoko-Nikoläusen

Projekt des Vonderau Museums: Zeitzeugen berichten über die Nachkriegszeit in Fulda

  • Sabrina Mehler
    VonSabrina Mehler
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Kleine Glücksmomente, einschneidende Erlebnisse, unvergessene Erinnerungen: Mehrere Männer und Frauen haben als Zeitzeugen vor laufender Kamera ihre persönlichen Geschichten aus der Nachkriegszeit geteilt. Das groß angelegte Projekt „Fulda erzählt“ des Vonderau Museums läuft gut an.

Fulda - Museumsleiter Dr. Frank Verse und seine Mitarbeiterin Katja Galinski, die das Zeitzeugenprojekt betreut, sind begeistert: Nach ihrem Aufruf im Sommer hatten sich 35 Männer und Frauen gemeldet, die aus der Zeit Ende der 40er Jahre und Anfang der 50er Jahre berichten möchten: „Mehr als gedacht“, sagt Verse erfreut. Ihre individuellen Lebensgeschichten und Erinnerungen an Ereignisse der Fuldaer Geschichte werden Eingang in die Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ finden, die 2021 im Vonderau Museum gezeigt wird. Dafür fanden nun in Zusammenarbeit mit dem Berliner Büro beier+wellach in der Villa Schmitt nahe dem Paulustor erste Videointerviews mit Zeitzeugen statt.

In einem Projekt des Vonderau Museums berichten Zeitzeugen über die Nachkriegszeit in Fulda

Eine derjenigen, die ihr privates Geschichtsbuch öffnete, ist die 83 Jahre alte Fuldaerin Gertrud Rübsam, die aus der Zeitung von dem Zeitzeugenprojekt erfahren hatte: „Ich habe etwas zu erzählen, was ich den Jugendlichen heute kundtun will: wie die Zeit damals war“, erklärte sie bei den Dreharbeiten. Eindrücklich schilderte sie Erfahrungen ihrer Kindheit, die von Hunger, Not und beengten Wohnverhältnissen geprägt gewesen sei. Sie teilte auch ihre Erinnerungen an den Einmarsch der Amerikaner in Fulda: „Das war eine einzige Befreiung nach all den Bombennächten.“ Wie andere Zeitzeugen auch brachte sie zum Drehtermin persönliche Dokumente mit: So zeigte sie vor der Kamera auf ein Bild von ihrer Erstkommunion im Jahr 1945. Ein anderer Zeitzeuge, der Einblick in seine Kindheitserinnerungen – und in die Geschichte der Wiederzulassung der „Fuldaer Zeitung“ nach der Nazizeit – gab, war Dr. Thomas Schmitt, Herausgeber unserer Zeitung.

Sie sind 1940 geboren und haben die Kriegs- und Nachkriegszeit aus der Perspektive eines Kindes erlebt. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Ich kann mich nur noch an Schlaglichter erinnern, da ich bei Kriegsende fünf Jahre alt war. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fliegeralarm und einen Aufenthalt im Luftschutzbunker. In der Nähe unseres Hauses war eine Bombe niedergegangen. In den letzten zwei oder drei Jahren des Kriegs wohnten wir auch nicht mehr in der Stadt, sondern zunächst in Büchenberg und dann in Silges. Später sind wir mit dem Pferdefuhrwerk durch den Dammersbacher Wald zurück nach Fulda gefahren.
Wissen Sie noch, wie es war, als die Amerikaner in Fulda einmarschierten?
An den Einmarsch der Amerikaner selbst habe ich keine Erinnerungen. Aber ich weiß durchaus noch, dass die Amerikaner Häuser beschlagnahmt haben – so wie das Parterre des Hauses meiner Großeltern. Ich erinnere mich, wie Soldaten im Sommer 1945 dort saßen und Zigaretten rauchten. Zu uns Kindern waren sie immer sehr nett. Wir bekamen Süßigkeiten, zum Beispiel bunte Drops. Es war übrigens für uns auch die erste Begegnung mit Farbigen.
Im Zeitzeugen-Interview gehen Sie auf die Fuldaer Pressegeschichte ein ...
Mein Vater war nach dem Krieg vom Wiedererscheinen der Zeitung sehr in Anspruch genommen. Die Amerikaner vergaben damals Lizenzen und waren sehr streng. Mein Vater hatte als politisch Unbedenklicher zwar eine Lizenz für den Druck des Bonifatiusboten und von Büchern. Aber noch nicht für die Zeitung, weil man vergessen hatte, dass sie im Dritten Reich nicht im Eigentum der Familie war. Ich erinnere mich auch an eine Figur, die im Garten meiner Großeltern stand: eine Schwarze Tante mit einer Katze, die aus einem Sack hervorsprang. Das bedeutete: Die Katze war aus dem Sack, die Zeitung konnte im April 1951 wieder erscheinen.

„Unsere Zeitzeugen sind ganz unterschiedlich: Es sind in der Region bekannte Menschen dabei und unbekannte. Sie berichten von der regionalen, aber auch der überregionalen Geschichte“, erklärt Frank Verse. Die Bandbreite der Erzählungen sei damit groß. Es sei deutlich geworden, dass es nicht immer die Berichte über die großen historischen Umbrüche braucht, sondern dass auch die kleinen Geschichten die Gesichte lebendig machten. Verse gibt ein Beispiel: „Viele Fuldaer erinnern sich daran, wie sie als Kind Süßigkeiten von den amerikanischen Soldaten bekommen haben.“

Demokratisierung mithilfe von Schoko-Nikoläusen

Auch dies gebe Aufschluss darüber, wie die Demokratisierung in Fulda stattgefunden hat: nicht nur, indem am 1. Dezember 1946 in Hessen die erste demokratische Verfassung in Deutschland in Kraft trat, sondern weil sich die Amerikaner um die Menschen kümmerten. Weil sie im Amerika-Haus eine Bibliothek einrichteten und an Weihnachten Schokonikoläuse verschenkten. „Es gab viele Instrumente zur Demokratisierung, manchmal ging das auch mit Spaß“, erklärt der Museumsleiter.

Das Projekt

Für die Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ wurden Zeitzeugen mit persönlichen Geschichten gesucht. Die Schau, die 2021 im Vonderau Museum zu sehen sein wird, zeigt die schrittweise Rückkehr zur Demokratie in Hessen und Fulda nach der NS-Diktatur und begibt sich auf eine lokalgeschichtliche Spurensuche von 1945 bis in die Gegenwart.

Für die Ausstellung sucht das Museum noch weitere Gegenstände, Fotos und Dokumente. Das können zum Beispiel Wahlkplakate, Mitgliedsausweise oder Aushänge aus der Zeit der Demokratisierung sein. Gesucht werden auch Fotos oder Objekte, die im Zusammenhang mit dem Amerika-Haus (1948–1953) oder dem amerikanischen Jugendheim German Youth Activities (1947-1953) in der Marienstraße in Verbindung stehen.

Ansprechpartnerin ist Katja Galinski unter Telefon (0661) 1 02 32 17 oder per Mail (katja.galinski@fulda.de). Infos auch im Internet unter www.fuldaerzaehlt.de.

Das Haus wolle sich im Zuge der Neukonzeptionierung noch stärker nach außen öffnen und den Bürgerinnen und Bürgern mehr Möglichkeiten zur Beteiligung geben, sagt Verse. Die Zeitzeugengespräche, die künftig auch zu anderen Themen geführt werden sollen, seien ein wichtiger Baustein in diesem Vorhaben. „Wir wollen wissen: Wie hat der normale Bürger die Geschichte wahrgenommen? Wie sehen die kleinen spannenden Geschichten aus?“ Das sei auch deshalb interessant, weil die meisten der Zeitzeugen die unmittelbare Nachkriegszeit aus der Perspektive eines Kindes betrachtet haben. „Und heute sitzen sie alle als alte Menschen vor der Kamera“, schildert Verse. Er sowie auch Projektleiterin Katja Galinski sind sich sicher: „Wir haben schon jetzt sehr viele interessante und spannende Geschichten gehört. Das wird eine sehr gute Ausstellung.“

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