Hinter der Fatimakapelle beginnt der Waldbereich, der für den Ruheforst vorgesehen ist.
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Hinter der Fatimakapelle beginnt der Waldbereich, der für den Ruheforst vorgesehen ist.

Keine anonyme Bestattung

Letzte Ruhe unter Bäumen: Bei Kerzell soll 2022 der erste Waldfriedhof im Raum Fulda entstehen

  • Volker Nies
    vonVolker Nies
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Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Begräbnis im Wald. Im Raum Fulda gibt es aber noch keinen Forst, in dem Urnen beigesetzt werden dürfen. Das wird sich bald ändern. Die Waldgenossenschaft Kerzell hat entsprechende Pläne.

Kerzell - Die Friedhofskultur wandelt sich – auch im Kreis Fulda. In den Friedhöfen geht die Zahl klassischer Gräber, in denen die sterblichen Überreste eines Menschen in einem Sarg oder in einer Urne beigesetzt werden, zurück. Im Trend sind Bestattungsformen, bei denen sich die Nachkommen möglichst wenig um das Grab der Eltern oder der Großeltern kümmern müssen.

Eine solche Bestattungsform ist das Begräbnis im Wald. Hier wird eine kompostierbare Urne an einem Baum beigesetzt – durchaus auch in einer kirchlichen Zeremonie, sofern die Familie des oder der Toten das wünscht. Eine Grabpflege ist danach nicht mehr notwendig. (Lesen Sie hier: Reportage: Bestatter Philipp Heres (36) berichtet vom Tod, der Würde und Corona)

Fulda: Erster Waldfriedhof in der Region soll 2022 in Kerzell entstehen

Es ist keine anonyme Bestattung, weil an dem Baum eine Plakette mit dem Namen und den Daten des Verstorbenen angebracht wird. Weil ein personalisiertes Gedenken möglich ist und die Erinnerung einen Ort findet, tragen auch die christlichen Kirchen eine Bestattung im Wald mit.

Vielen Menschen spendet die Aussicht auf eine letzte Ruhestätte in einem ruhigen und harmonischen Wald ein bisschen Trost. Im Forst in Kerzell haben die Besucher zudem eine schöne Fernsicht auf die Stadt Fulda.

In vielen Fällen suchen sich die Menschen schon zu Lebzeiten den Wald und auch den speziellen Baum aus, an dem sie beigesetzt werden wollen – und zwar sehr oft viele Jahre im vorhinein.

In der Region kann man sich bisher in Lauterbach (Vogelsbergkreis), Rasdorf, Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis) und Zeitlofs (Unterfranken) im Wald beisetzen lassen – aber nicht im Raum Fulda. Das soll sich – wenn die Genehmigungen vorliegen – ab Frühjahr nächsten Jahres ändern. In dem laufenden Bauleitverfahren gaben die Eichenzeller Gemeindevertreter für die Pläne einstimmig grünes Licht. Noch ist der Flächennutzungsplan aber nicht geändert.

Der Ruheforst

Nutzer: Der Ruheforst kann, wenn er im Frühjahr nächsten Jahres entsteht, von jedermann genutzt werden. Man muss nicht in Kerzell oder Eichenzell wohnen. Die Waldgenossenschaft Kerzell erwartet, dass die meisten Nutzer aus dem Landkreis Fulda kommen werden.

Dienstleister: Die Reservierung, die Belegung und die Abläufe werden durch Beauftragte der Ruheforst GmbH in Erbach organisiert werden.

Grabschmuck: An dem Baum, an dem die Urne beigesetzt wird, wird eine Plakatte mit den Daten des Verstorbenen angebracht. Die Beisetzung, die in einer kompostierbaren Urne erfolgt, ist also nicht anonym. Ein Grabstein und anderer Grabschmuck sind allerdings nicht erlaubt.

Ruhezeit: Die Ruhezeit für den gesamten Forst beträgt 99 Jahre. In dieser Zeit wird der Wald nicht bewirtschaftet. Die Waldgenossen sorgen aber für die Standfestigkeit der Bäume. Nach 75 Jahren werden keine Plätze mehr vergeben.

„In dem Waldgebiet zwischen den Fatima-Kapelle und den alten Hügelgräbern, von denen Abstand gehalten wird, sollen an 90 ausgesuchten Bäumen insgesamt 450 Ruheplätze entstehen“, berichtet Willi Reith, stellvertretender Vorsitzender der Genossenschaft. Bei der Inbetriebnahme des Ruheforsts sind vier Hektar Wald für Beisetzungen reserviert. Der Flächennutzungsplan, den die Gemeinde derzeit für die neue Waldnutzung ändert, sieht in der Endstufe 16 Hektar vor, die für Beisetzungen genutzt werden könnten.

„Im Wald soll ein Andachtsplatz mit einem großen Holzkreuz sowie drei bis vier Ruhebänken entstehen“, berichtet Reith. In dem Waldstück befinden sich Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen. In der Nähe der Fatima-Kapelle sollen von der Waldgenossenschaft noch Parkplätze geschaffen werden.

Video: Die letzte Ruhe im Wald - Zu Besuch auf einem Waldfriedhof

In der Genossenschaft Kerzell sind 30 Waldeigentümer Mitglied. Sie hatte vor zwei Jahren Kontakt zur Firma Ruheforst aufgenommen. Die Ruheforst GmbH in Hilchenbach bei Siegen steht mit ihrem Konzept hinter bundesweit 70 Waldfriedhöfen. Marktführer ist die Friedwald GmbH in Griesheim mit 74 Waldfriedhöfen. Der erste Friedwald wurde 2001 bei Kassel eröffnet.

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