Professor Dr. Daniel Jaspersen aus Fulda, Experte für Ernährungsmedizin, fordert einen kritischen Blick auf die Lebensmittelverschwendung.
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Professor Dr. Daniel Jaspersen aus Fulda, Experte für Ernährungsmedizin, fordert einen kritischen Blick auf die Lebensmittelverschwendung.

Essen im Wandel

Ernährungs-Experte aus Fulda fordert kritischen Blick auf Lebensmittelverschwendung

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr in der Industrie im Handel und leider auch in Privathaushalten weggeworfen. Wie steht es um unser Bewusstsein für Lebensmittel? Dieser Frage ist Professor Dr. Daniel Jaspersen, Experte für Ernährungsmedizin, in einem Gastbeitrag nachgegangen.

Fulda - Vor fast 2500 Jahren stellte der griechische Philosoph Sokrates fest: „Wir müssen essen, um zu leben, aber wir leben nicht, um zu essen“. Dieses Prinzip hat sich grundlegend verändert – ebenso wie unsere Esskultur. Essen ist ein Grundbedürfnis und hat mit Genuss, Lust und Achtsamkeit zu tun, wofür aber Zeit investiert werden muss.

Professor Dr. Daniel Jaspersen ist Spezialist für Innere Medizin, Gastroenterologie, Proktologie, Diabetologie, Infektiologie und Ernährungsmedizin. 

Einen wesentlichen Einfluss auf unsere Ernährung haben die Alltagsbedingungen und vor allem Stress und Zeitdruck. Der ungesunde Snack zwischendurch wird intensiv von der Nahrungsmittelindustrie beworben, und die Burgerindustrie hat Hochkonjunktur. Das Essen im Stehen, beim Gehen oder Autofahren ist zu einem wichtigen Bestandteil der Nahrungsaufnahme geworden und kaum geachtet wird darauf, was heruntergeschlungen wird.

Fulda: Wandel der Ernährung - So hat sich unsere Esskultur verändert

Auf der anderen Seite hat die Corona-Pandemie bei den deutschen Verbrauchern zu einer neuen Wertschätzung gesunder Lebensmittel geführt – je älter desto intensiver. Laut aktuellem Ernährungsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) halten 80 Prozent der 14- bis 29-Jährigen eine gesunde Ernährung für wichtig, im Vergleich zu 96 Prozent der über 60-Jährigen.

Das Bewusstsein für den hohen Wert biologisch hergestellter Lebensmittel nimmt also zu und inzwischen sind auch die Discounter auf den Zug aufgesprungen. In Anbetracht der Zunahme ernährungsbedingter Wohlstandskrankheiten und das Wissen um deren Zusammenhänge, ist die Ernährung heute besonders wichtig für die Gesundheit geworden. Vor allem auch im Hinblick auf den Fleischkonsum und die Entstehung bestimmter Krebserkrankungen.

Und was die Wertschätzung betrifft, muss ein kritisches Augenmerk auf die Lebensmittelverschwendung gerichtet werden. Unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist die neue Internetplattform www.lebensmittelwertschätzen.de entstanden. Ziel dabei ist eine gemeinsame Strategie von Bund und Ländern zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen und -verlusten.

Die Verschwendung betrifft den kompletten Lebensmittelsektor. Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr in der Industrie, bei Großverbrauchern, im Handel und leider auch in Privathaushalten weggeworfen. Ein großer Teil davon wäre vermeidbar. (Lesen Sie hier: Virologe rät: Hühnersuppe und ausgiebiges Küssen für ein starkes Immunsystem)

Der Autor

Professor Dr. Daniel Jaspersen ist Spezialist für Innere Medizin, Gastroenterologie, Proktologie, Diabetologie, Infektiologie und Ernährungsmedizin. 

Deutschland hat sich dem Ziel der Vereinten Nationen verpflichtet, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren. Dies kann aber nur gelingen, wenn sich alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette beteiligen. Das gesellschaftliche Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel muss weiter steigen.

Durch Corona: Fokus auf gesunde Ernährung wächst

Als ein sinnvolles Beispiel sei die Fuldaer Tafel genannt. Unter dem Motto „Verteilen statt wegwerfen“ gibt der Verein gute, qualitativ-, einwandfreie Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden sollen, an Bedürftige aus. Die Arbeit wie die Abholung der Lebensmittel aus den Läden, das Sortieren, Verpacken und die Abgabe werden überwiegend von Ehrenamtlichen durchgeführt.

Der Wandel in der Ernährung und der Umgang damit ist offensichtlich. Der Trend geht eindeutig in Richtung gesünder und länger leben. Das zeigt sich auch bei einer Straßenumfrage in Fulda. Bei Monika Kluwe etwa steht die Gesundheit im Vordergrund: Wenn die Petersbergerin mal wieder ihre „vegetarische-Phase“ hat, achtet sie besonders auf ihren Fleischkonsum. In der dunklen Jahreszeit nimmt sie zudem gerne Vitamin-D zu sich. Auch viel Obst und Gemüse sind wichtig – und das am besten in Bio-Qualität. Süßes darf es aber auch sehr gerne das ein oder andere Mal geben.

Ernährung in Zahlen

76 Prozent der Deutschen essen täglich Obst und Gemüse. Im vergangenen Jahr waren es 70 Prozent. Zudem achten 64 Prozent meistens oder immer auf das „Biosiegel“, mit dem Produkte gekennzeichnet sind.

64 Prozent essen jeden Tag Joghurt, Käse und Co. Die Vorliebe für Milchprodukte bleibt unverändert hoch.

26 Prozent essen täglich oder mehrmals am Tag Fleisch- und Wurstprodukte. Das ist ein Rückgang von acht Prozent gegenüber 2015. Gleichzeitig ist die Zahl der Vegetarier und Veganer gestiegen – von zwei auf zehn Prozent! 

(Die Zahlen stammen aus dem aktuellen Ernährungsreport 2021 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.)

Ähnlich wird bei Helmut Kühn gegessen: Besonders viel Gemüse und Obst kommt bei dem 68-Jährigen aus Fulda auf den Teller. Er verzichtet auf Süßigkeiten und setzt auf gutes regionales Vollkorn- und Mehrkornbrot. Ansonsten ernährt er sich ganz normal und ausgewogen. Außerdem achtet er darauf, keine fettreichen Lebensmittel zu konsumieren.

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Dass es nicht allein auf die Ernährung ankommt weiß Rosemarie Dittmann. Auf viel regelmäßige Bewegung mit dem Hund setzen die 68-Jährige und ihr Mann aus Hünfeld. Beim Rhöner Kartoffelschwein in Hilders besorgen die beiden regelmäßig ihr Fleisch und Gemüse. „Ein Eis muss auch mal sein“, antwortet ihr Mann auf die Frage, ob sie denn auch mal Süßes essen. 

Bei Christine Rolig geht es vor allem um Eigeninitiative: In ihrer Parzelle im Schrebergarten des Kleingärtnervereins Neue Heimat baut die 57-Jährige unter anderem ihren Schnittlauch und Salat an. Ein- bis zweimal in der Woche gibt es bei der Hobbygärtnerin Fleisch – und dies besonders abwechslungsreich. Ihr Mann steht dann auch gerne mal als Hobbykoch in der Küche und bereitet das Essen vor. (von Daniel Jaspersen)

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