Volles Lüderhaus unter Coronabedingungen: 220 Besucher trugen sich in Teilnehmerlisten ein.
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Volles Lüderhaus unter Coronabedingungen: 220 Besucher trugen sich in Teilnehmerlisten ein.

„Bei Sprengung vibriert das Haus“

Massiver Widerstand gegen Steinbruch-Erweiterung der ZKW Otterbein - Anwohner fürchten die Folgen

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
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Mit so viel Andrang hatte die Bürgerinitiative Pro Lebensraum Großenlüder nicht gerechnet: 220 Besucher kamen zu ihrem Infoabend. Die Botschaft der BI: Die Pläne der Zemente- und Kalkwerke (ZKW) Otterbein gefährden die Umwelt in der ganzen Region – und nicht nur in Müs.

Großenlüder - Auf dem Langenberg über Müs brennt das Unternehmen seit mehr als 100 Jahren Kalk, seit mehr als 40 Jahren wird Zement produziert. Um für weitere Jahrzehnte den Rohstoff Kalk zu sichern, wollen die ZKW ihren Steinbruch erweitern – bis auf 135 Meter an die Ortsgrenze von Müs heran. Die Firma hat ihre Pläne vor einem Jahr öffentlich gemacht, ein Genehmigungsantrag liegt im Regierungspräsidium aber noch nicht vor. In einer Bürgerbefragung hatte das Gros der Menschen in Müs die Erweiterung des Steinbruchs abgelehnt. Auch die Gemeindevertretung hatte sich den Bedenken der Bürger im Dauerkonflikt angeschlossen.

In Großenlüder (Kreis Fulda) wächst der Widerstand gegen die Pläne. BI-Sprecher Chris Lohfink und Armin Sopp verwiesen auf Gefahren für Müs durch die Steinbrucherweiterung und Belastungen für die Region durch die Zementproduktion. „Wenn die Steinbruchkante bis auf 135 Meter heranrückt, dann wird Müs zum Ort am Abgrund“, sagte Lohfink. In dem Steinbruch wird regelmäßig gesprengt. „Bei jeder Sprengung vibriert das Haus“, berichtete eine Anwohnerin.

Fulda: Widerstand gegen Steinbruch-Erweiterung - „Müs wird Ort am Abgrund“

„Im März 2013 forderten die ZKW von den Gemeinde einen Sicherheitsabstand von 300 Metern zwischen Wohnhäusern und Steinbruch. Jetzt will das Unternehmen bis auf 135 Meter an den Ort heran – das passt nicht“, sagte Lohfink. Die Müser Grundschule müsse dann wohl vor jeder Sprengung geräumt werden.

Sopp warnte vor Risiken für das Trinkwasser, wenn der Steinbruch tiefer gelegt wird. „Schon heute liegt das Abbauniveau zehn Meter unter dem Niveau der Altefeld. Pro Stunde werden 72.000 Liter Wasser abgepumpt und abgeleitet. Das wird in Zukunft noch mehr werden.“

Bei der Zementherstellung setzt das Unternehmen Sekundärbrennstoffe ein – wie Tiermehl und Trockenklärschlamm. Das Unternehmen habe eine Genehmigung, bis zu 42.000 Tonnen dieser Stoffe pro Jahr zu verbrennen. „Bei der Verbrennung geraten viele Umweltgifte in die Luft: Dioxine und Furane, Schwermetalle wie Arsen, Cadmium und Quecksilber sowie Feinstaub“, berichtete Sopp. Die gesamte Quecksilberbelastung im Landkreis durch Industriebetriebe werde allein durch die ZKW verursacht.

Umweltbelastung und Luftschadstoffe durch Zementöfen

Sopp forderte, dass Zementwerke die gleichen Grenzwerte für Umweltbelastung einhalten müssten wie Müllverbrennungsanlagen. Heute sind die Grenzen für Zementöfen weniger streng. „Es gibt keinen Grund, warum der Staat die Nachbarn von Zementöfen schlechter schützt“, klagte Sopp. Um eine Gleichbehandlung der beiden Anlagentypen bemüht sich jetzt die Grünen-Bundestagsfraktion. Ausnahmegenehmigungen durch das Regierungspräsidium erlaubten es den ZKW, deutlich mehr Schadstoffe auszustoßen, als es die gesetzlichen Grenzwerte erlaubten, sagte Sopp. (Lesen Sie hier: Bürgerinitiative kritisiert Emissionswerte - ZKW Otterbein widerspricht)

„Die Luftschadstoffe machen an keiner Ortsgrenze halt“, warnte Großenlüders Bürgermeister Florian Fritzsch (SPD). In dem Genehmigungsverfahren habe die Gemeinde zwar kein Mitspracherecht, aber jeder Bürger werde Einwände vorbringen dürfen. Die Gemeinde werde eigene umweltfachliche und juristische Gutachten in Auftrag geben. „Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen, um eine Belastung zu verhindern“, versprach Fritzsch.

Video: Schadstoffe: Die Luft ist unrein

Sein Vorgänger im Amt, Ehrenbürgermeister Werner Dietrich (UBL), kritisierte zunächst Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber (CDU). Dass Klüber sich in der Frage der Beteiligungsrechte der Gemeinde zweimal korrigierte, zeige dessen „Inkompetenz“.

Es sei nicht zu vertreten, dass das Unternehmen ZKW die Gewinne aus dem Betrieb vereinnahme, während es die Umweltbelastungen auf die Gemeinschaft abwälze. ZKW-Geschäftsführer Winfried Müller äußere oft, dass er eine gute Nachbarschaft mit dem Ort Müs wolle. „Seine Pläne zur Steinbrucherweiterung stehen aber nicht für gute Nachbarschaft, sondern für Egoismus“, rief Dietrich aus. Er fasste zusammen:„Es gibt nur eine Antwort zu den Plänen der ZKW, den Steinbruch zu erweitern:Nein!“

Im kommenden Jahr will die Initiative eine Demonstration auf die Beine stellen, kündigte Lohfink an.

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