Die Wohlfahrtsverbände sorgen sich in Fulda um den Bestand von Sozialwohnungen und vergleichsweise günstige Mietwohnungen.
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Die Wohlfahrtsverbände sorgen sich in Fulda um den Bestand von Sozialwohnungen und vergleichsweise günstigen Mietwohnungen.

Immobilienmarkt in Fulda

Zu wenig Sozialwohnungen? Wohlfahrtsverbände kritisieren: „Markt alleine regelt unsere Probleme nicht“

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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Für die Liga der Wohlfahrtsverbände in Osthessen bedeutet Wohnen Teilhabe am Leben, sagt die Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen, Karola Günther.

Kreis Fulda - Seit vier Jahren ist Günther Geschäftsführerin des Paritätischen – einer der Wohlfahrtsverbände – in Osthessen, seit dieser Zeit beschäftigt sie das Thema Wohnraum. „Ich habe allerdings Dokumente gefunden, die zeigen, dass sich die Wohlfahrtsverbände schon 2012 mit dem sozialen Wohnungsbau beschäftigt haben“, berichtet Günther. Über Jahre sei das Thema seitens der Kommunen vernachlässigt worden.

Schon lange fordern die Wohlfahrtsverbände eine bessere Förderung des Wohnungsbaus. Neben Städten und Gemeinden seien Bund und Land ebenfalls in der Pflicht, räumt die Geschäftsführerin ein. So müsse endlich ein echter Bedarf ermittelt werden. Laut Auskunft von Magistratspressesprecher Johannes Heller hat eine Studie des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) 2017 ergeben, dass die Stadt Fulda angemessen mit mietpreisgebundenem Wohnraum ausgestattet sei und jährlich 30 neue Wohneinheiten bedarfsgerecht seien.

Fulda: Zu wenige Sozialwohnungen? „Markt alleine regelt unsere Probleme nicht“

„Die IWU-Studie weist aber die tatsächlichen Bedarfe nicht aus. Die praktischen Erfahrungen der Menschen und der sozialen Träger spiegeln sich darin nicht wider“, entgegnet Günther. Abhilfe könne ein Wohnraumhilfebüro schaffen, ist sie überzeugt. Ein solches – betrieben in Kooperation von Stadt und Landkreis Fulda – sei zwar bereits für Januar angekündigt gewesen, bislang aber noch nicht an den Start gegangen. „Dann gäbe es in Fulda zumindest eine Anlaufstelle, über die Wohnungsbedarfe erhoben würden“, meint Günther. Bedingt durch Corona sowie durch Abstimmungen zwischen Stadt und Kreis habe sich die Einrichtung der „Fachstelle Wohnen“ verzögert und sei nun für das zweite Halbjahr 2021 vorgesehen, erläutert der Magistratssprecher.

Günther sieht diese jedoch nicht als alleinigen Baustein. Das Thema Wohnraum und dessen Knappheit lasse sich nicht isoliert betrachtet, sagt sie. „Oft scheitert es an der Mobilität. Es gibt Bestrebungen, Ortsinnenlagen wiederzubeleben und Baulücken zu schließen. Das mag in stadtnahen Kommunen funktionieren. Aber nehmen Sie den Vogelsberg: Dort ist das Leben auf dem Land – gerade für das Klientel der Wohlfahrtsverbände – schlicht und ergreifend unattraktiv“, erläutert Günther.

Der Grund: Zwar seien auf den Dörfern die Mieten geringer und leerstehende Immobilien günstiger zu erwerben, dafür aber die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) teurer – wenn überhaupt möglich. In der Folge bedeute dies eine geringere Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben für Menschen, die von Transferleistungen oder prekären Einkommen lebten. Die Wohlfahrtsverbände betrachten dies mit Sorge. (Lesen Sie hier: Wohneigentum begehrt wie nie - Experte beklagt: „Thema Bauen über viele Jahre stark vernachlässigt“)

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Deutlich spricht sich die Regionalgeschäftsführerin gegen eine Separierung von Bevölkerungsschichten aus. „Wenn wir nicht auf eine soziale Mischung achten, gefährdet das den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, ist sie überzeugt. Das befürchtet auch das Bündnis „Mietenwahnsinn Hessen“, dem der Paritätische angehört. Dieses beklagt, dass seit Jahren deutlich mehr Sozialwohnungen aus der Bindung herausfallen, als neue geschaffen würden. Tatsächlich hat sich deren Zahl in Fulda seit 2016 verringert: von 2022 auf 1460.

Laut Heller werden Zu- und Abgänge nicht statistisch erfasst, sondern die Bestandszahlen zum 1. Januar. Seit 2016 seien über das städtische Programm zur Förderung des sozialen Mietwohnungsneubaus 95 Sozialwohnungen fertiggestellt worden. Derzeit befänden sich 30 Einheiten im Bau. „Weitere Förderungen von Wohnbau-Projekten wurden durch den Magistrat bewilligt und sind in Planung“, erklärt Heller. Zudem seien durch den Erwerb von Belegungsrechten seit 2016 insgesamt 64 Sozialwohnungen erhalten worden, die sonst aus der Mietpreisbindung herausgefallen wären.

Forderungen

In einem Positionspapier für eine Wohnungspolitik hat der Paritätische Gesamtverband vier Forderungen samt Unterpunkten aufgestellt:

Bezahlbaren und sozial verträglichen Wohnraum schaffen: Gemeinnützigen Wohnungsbau reaktivieren, sozialen Wohnungsbau verstärken, sozial gerechte Bodenvergabe.

Gleichberechtigte Zugänge zu Wohnraum schaffen: Zugang besonderer Bedarfsgruppen verbessern, Sicherstellung von barrierefreiem Wohnen.

Bestehenden Wohnraum sichern: Prävention von Wohnungsverlust, Verbesserung der mietrechtlichen Situation sozialer Träger, Wohngeld anpassen, Angemessenheit der Kosten der Unterkunft realitätsgerecht definieren, Energiekosten sozial gestalten.

Inklusives Gemeinwesen fördern: Nachbarschaft gestalten, Mobilität fördern.

Günther hält indes eine soziale Wohnraumquote für ein mögliches Instrument. „Der Markt alleine regelt unsere Probleme eben nicht“, sagt sie und sieht die Kommunen in der Pflicht, dem steigenden Mietendruck entgegenzuwirken – vor allem beim sozialen Wohnraumbau, denn das könnten die sozialen Träger nicht leisten.

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