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Gerhard Stanke hört als Generakvikar auf und rät: Geht zu den Menschen!

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Priester, Regens, Professor, Generalvikar – vor allem aber Mensch: Gerhard Stanke hat heute seinen letzten Tag als Stellvertreter des Bischofs. Der 74-Jährige verspricht jedoch: „Ich bleibe dem Bistum Fulda erhalten.“

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Dass er einmal Priester werden würde, das wusste Gerhard Stanke schon früh. „Ich war engagiert in unserer Kirchengemeinde und der Kolpinggruppe in Thalau, hatte großes Interesse an theologischen Fragen und diskutierte gern im Religionsunterricht am Domgymnasium. Zudem war mein Onkel Missionar in Brasilien“, sagt er. Aber auch wenn die Entscheidung, Priester zu werden, im Inneren früh fiel – öffentlich machte Gerhard Stanke sie erst nach dem Abitur. „Ich wollte mich von niemanden beeinflussen lassen. Hätte ich mich vorher offenbart, wäre ich anders behandelt worden.“ Heute sagt er deutlich: „Ich habe es nie bereut, Priester zu sein.“

Bitte eines Bischofs kann man nicht ablehnen

Dabei hat Stanke nie eine eigene Kirchengemeinde betreut, wie es für einen Pfarrer eigentlich üblich ist. Nach der Kaplanszeit in Wächtersbach, Bad Orb und Amöneburg wurde er mit 35 Jahren zum Regens des Fuldaer Priesterseminars ernannt. „Bischof Eduard Schick hat zu mir gesagt: Du wirst Regens. Das kam für mich völlig überraschend“, erinnert sich Stanke und fügt mit dem für ihn typischen scharfsinnigen Humor an: „Aber die Bitte eines Bischofs kann man nicht ablehnen.“

Spannende Zeit im Priesterseminar

22 Jahre war Stanke Chef des Seminars und damit zuständig für den Priesternachwuchs. „Das war eine spannende Zeit. Ich habe viele intensive Gespräche mit den Seminaristen geführt.“ Es sei auch hin und wieder zu Spannungen gekommen. „Wir hatten Studenten aus vielen verschiedenen Kulturen und Nationen, etwa aus Mazedonien und Kroatien. Das lief nicht immer reibungslos ab“, sagt er und betont zugleich: „Es war stets eine positive Atmosphäre im Seminar. Die Studenten haben sich wohlgefühlt.“

Nachwuchsmangel als Herausforderung

Was ihn damals schon umtrieb: die stetig sinkende Zahl der Priesteranwärter. Als Stanke 1980 Regens wurde, gab es 60 Kandidaten – zum Ende seiner Amtszeit waren es keine 40 mehr, mittlerweile ist es nur noch ein Dutzend. „Der Nachwuchsmangel ist eine der großen Herausforderungen der Kirche. Das Problem werden wir aber nicht allein in Fulda lösen können, sondern es betrifft die gesamte Kirche in Deutschland.“

Ein „wunderbares Jahr“

Als er 2002 als Regens aufhörte, „begann ein wunderbares Jahr“, sagt Stanke und schmunzelt erneut. „Ein Jahr lang war ich nur Professor – unvorstellbar, was ich in diesen Monaten alles lesen konnte.“

Danach begann aber die wohl schwerste Zeit: Stanke wurde Vorsitzender des Arbeitsstabes für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche – und blickte in Abgründe. „Was jungen Menschen von Mitarbeitern der Kirche angetan wurde, hat mich als Mensch und Priester entsetzt.“ Unter den Tätern seien auch Menschen gewesen, die er gekannt habe. „Die waren ganz engagiert im Kirchenleben, da hätte ich das nie vermutet.“

Opfer in den Blick nehmen

Stanke will den Blick allerdings weg von den Tätern, hin zu den Opfern lenken. „Einer der größten Fehler war, dass man die Opfer nicht ernst genommen hat. Es hat diese Menschen viel Überwindung gekostet, sich zu öffnen – und dann werden sie abgekanzelt.“ Der Arbeitsstab habe das geändert, es gebe nun Ansprechpartner, Entschädigungen, Therapieangebote und Präventionsmaßnahmen. Als Vorsitzender legte er zudem großen Wert auf Transparenz: „Wir haben von Anfang an mit den staatlichen Stellen, etwa der Staatsanwaltschaft, zusammengearbeitet.“ Stanke ist überzeugt: „Es hat sich viel getan seither. Es gibt nun eine andere Sensibilität für das Thema Missbrauch.“

2008 der nächste Schritt

2008 kam der nächste Schritt für Stanke: Bischof Heinz Josef Algermissen fragte ihn, ob er Generalvikar und damit die rechte Hand des Oberhirten werden wolle. „Da musste ich nicht lange überlegen. Ich kannte die Abläufe und Menschen im Generalvikariat und habe mir die Aufgabe zugetraut.“ Generalvikar zu sein, bedeute mehr, als nur der Chef der 100 Mitarbeiter des Gebäudekomplexes oberhalb des Paulustores zu sein. Das Bistum reiche von Kassel im Norden bis Frankfurt im Süden, von Marburg im Westen bis Geisa im Osten. „Die Situation in den Großstädten Kassel und Hanau ist eine ganz andere als in den Rhöndörfern. Das alles muss man im Blick behalten.“

Viel Verantwortung

Bei so viel Verantwortung bleibt nicht viel Zeit für anderes übrig. Dennoch gibt es Termine, für die immer Platz in Stankes Terminkalender war: Freitagnachmittags zum Beispiel besuchte er Patienten in Heimen und Krankenhäusern. „Und sonntagnachmittags gehe ich mit meinem Bruder in der Rhön wandern“, sagt der 74-Jährige und schiebt mit einem spitzbübischen Lächeln hinterher: „Naja, früher war es wandern, heute ist es angesichts des Alters eher spazieren gehen.“ Überhaupt fühlt er sich in der Rhön wohl: „Ich bin in Oberschlesien geboren, habe viele Verbindungen nach Osteuropa. Aber der Raum Fulda ist mein Fixstern. Die Region mit ihren freundlichen, offenen und bodenständigen Menschen ist auch meine Heimat.“

Bistumsprozess 2030

Was ihn in seiner Zeit als Generalvikar vor allem beschäftigte, war der Bistumsprozess 2030, der von Bischof Algermissen angestoßen wurde und nun von Bischof Dr. Michael Gerber fortgesetzt wird. Darin geht es um die Frage, wie die Diözese bei sinkenden Mitgliederzahlen und weniger Priestern zukunftsfähig aufgestellt werden kann. Soll heißen: neue Strukturen, Gemeindefusionen, Verkauf von Immobilien, andere Formen von Gottesdiensten und Kirchenleben. „Da stößt man auch auf Widerstand. Wenn wir vorschlagen, ein Gemeindezentrum nicht zu sanieren, weil es zu wenig genutzt wird, kommt das nicht gut an. Aber wir sind mit dem Konzept in die Regionen gegangen und haben viele wichtige Vorschläge von den Gläubigen vor Ort aufgenommen.“ Der Bistumsprozess 2030 werde eine der wesentlichen Punkte sein, die seinen Nachfolger Christof Steinert auf Trab halten werden.

Auftrag der Kirche nicht vergessen

Bei all dem dürfe man eines nicht vergessen: „Der Auftrag der Kirche ist: die Botschaft Jesu weitergeben. Darauf wird es bei allen Strukturänderungen letztlich ankommen. Wir müssen nach Wegen suchen, Menschen in Kontakt mit der Botschaft des Evangeliums zu bringen.“ Nicht nur die Kirche befinde sich in einer Krise, sondern auch die Gesellschaft in einer Glaubenskrise.

„In meiner Familie war der Gottesdienst so selbstverständlich wie das Mittagessen. Das ist heute leider nicht mehr so. Und das, obwohl wir eine zutiefst menschenfreundliche Botschaft haben: Jesus ist das Ja! Der Mensch ist von Gott angenommen, egal in welcher Situation er sich befindet.“

Wichtig sei zudem, dass die Kirche den Blick für die Menschen am Rand nicht verliere – Flüchtlinge, Arme, Kranke, Geknechtete. „Das war Jesu Kernklientel. Um diese Gruppen müssen wir uns kümmern.“ Er empfiehlt seinem Nachfolger, regelmäßig zu den Menschen zu gehen: „Das Generalvikariat ist kein Elfenbeinturm.“

„Ich bleibe Priester des Bistums Fulda“

Das wird der 74-Jährige in Zukunft weiter beherzigen – wenn auch nicht in erster Reihe. „Ich bleibe Priester des Bistums Fulda und werde weiterhin Gottesdienste feiern.“ Zudem ist er nach wie vor Geistlicher Beirat des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SkF). Vor allem will er sich – ähnlich wie Bischof Algermissen – für ältere Mitbrüder einsetzen. „Am Ende des Lebens, ohne Kirchengemeinde, wird man einsam. Mit Besuchen und gemeinsamen Gebeten will ich dem entgegenwirken.“

Termin

Am Donnerstag, 2. Januar, findet um 8 Uhr im Fuldaer Dom ein Gottesdienst zum Abschied von Generalvikar Gerhard Stanke statt.

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