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Luftwaffen-Chef erklärt im Interview seinen Besuch auf der Wasserkuppe

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Von: Jessica Vey

Ingo Gerhartz (links) machte sich vor Ort ein Bild von der Segelflug-Woche angehender Offiziere der Bundeswehr.
Ingo Gerhartz machte sich vor Ort ein Bild von der Segelflug-Woche angehender Offiziere der Bundeswehr. © Jessica Vey

Der Chef der deutschen Luftwaffe war zu Besuch auf der Wasserkuppe: Im Gespräch mit unserer Zeitung betont Generalleutnant Ingo Gerhartz die Wichtigkeit des Nato-Bündnisses: „Es geht nur gemeinsam.“ 

Wasserkuppe - Manch einer in der Rhön (Fulda) hat sich am Montagabend (27. Juni) sicher gefragt, was es mit dem großen Hubschrauber am Himmel auf sich hatte: Der Chef der deutschen Luftwaffe, Ingo Gerhartz, ist von Berlin eingeflogen worden.

Am Dienstag war er schließlich auf der Wasserkuppe unterwegs. Der 56-Jährige besuchte auf dem höchsten Berg in Hessen Nachwuchs-Offiziere und nahm sich Zeit für ein Interview mit der Fuldaer Zeitung (Lesen Sie hier: Run auf die Rhön und die Stadt Fulda - Touristiker haben dennoch Sorgen)

Rhön: Chef der Deutschen Luftwaffe auf der Wasserkuppe

Was ist der Grund für Ihren Besuch?

Ich besuche junge Offizieranwärter und -anwärterinnen, die hier eine Segelflug-Woche verbringen. Von ihnen werden später jedoch nur die wenigsten aktive Flieger sein. Bei der Luftwaffe arbeiten 30.000 Leute – nur circa ein Prozent davon sitzt im Cockpit. Die anderen sind im Bereich Technik und Logistik unterwegs – als Unterstützung.

Für diejenigen, die unterstützen, ist es wichtig, dass sie mal das Gefühl des Luftraums erleben. Aber auch für die, die später mal in die fliegerische Ausbildung gehen, ist es wichtig zu sehen: Hier kommt niemand alleine in die Luft. Bei den Segelfliegern auf der Wasserkuppe braucht es beim sogenannten Windenstart vier, fünf Leute, damit das Flugzeug fliegen kann. So sieht man: Es geht nur im Team.

Die Bundeswehr organisiert auf Hessens höchstem Berg also eine Teambuilding-Maßnahme?

Ja, genau. Es geht um das Erleben der dritten Dimension. Die Luft, das ist unsere DNA.

Fliegen Sie selbst noch?

Ja, ich fliege immer noch aktiv Eurofighter. Wenn ich zu meinem Flugzeug komme, weiß ich: Wenn die Techniker das Flugzeug nicht gewartet und für den Flug klar gemacht hätten, könnte ich nicht fliegen. Ich muss ihnen blind vertrauen.

Der Chef der Deutschen Luftwaffe (Dritter von rechts) zu Besuch auf der Wasserkuppe.
Der Chef der Deutschen Luftwaffe (Dritter von links) zu Besuch auf der Wasserkuppe. © Jessica Vey

Steht diese Übungswoche vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine?

Nein. Diese Segelflug-Ausbildung wird jedes Jahr auf der Wasserkuppe absolviert. Das haben wir vor zehn Jahren initiiert, um zu vermitteln: Was heißt Fliegerei? Die jungen Offizieranwärterinnen und -anwärter sollen merken: Es geht nur gemeinsam. Und das gilt letztlich für alle Aufgaben, die auf sie zukommen und die immer komplexer werden.

Dieser Gedanke „gemeinsam“ hat doch auch etwas mit dem aktuellen Weltgeschehen zu tun, wenn man an die Rolle des Nato-Bündnisses denkt.

Ja, diese Segelflugwoche im Kleinen kann man auch auf die strategische Ausrichtung der Nato im Großen beziehen. Die Nato zeigt gerade, dass wir zusammenstehen. Das wurde am Wochenende beim G7-Gipfel in Elmau ganz deutlich.

Wie hat sich für Sie, als Chef der Luftwaffe, der Alltag geändert, seit der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist?

Letztlich ist die Sicherheit im Luftraum schon immer eine 24/7-Aufgabe – schon seit die Luftwaffe der Bundeswehr Mitte der 50er Jahre aufgebaut worden ist. Aber: Wir sind in höherer Einsatzbereitschaft. Ich war selbst in Afghanistan stationiert. Aber die Situation jetzt – das ist nochmal etwas ganz anderes, wenn nun die eigene Landes- und Bündnisverteidigung in den Fokus rückt.

Wasserkuppe: Der Berg der Flieger - „Es ist ein Traum“

Welche Bedeutung hat die Luftwaffe als Teilstreitkraft neben der des Heeres und der Marine?

Was wir können – und das müssen wir immer wieder beweisen: Wir können schnell sein. Wir sind sozusagen First Responder (Ersthelfer). Nachdem die russischen Streitkräfte in die Ukraine einmarschiert sind, war die Luftwaffe die Teilstreitkraft, die Eurofighter nach Rumänien verlegt hat und Tornados über der Ostsee in der Luft hatte, um schnell – im Verbund mit unseren Nato-Luftstreitkräfte-Partnern – sichtbar zu sein. Um das Signal zu senden: Das hier ist Nato-Gebiet, das ist eine rote Linie.

Wir werden ab Anfang August die Führungsrolle für die Sicherheit im Luftraum im Baltikum übernehmen. Das haben wir schon immer gemacht: Aber jetzt ist der Bezug natürlich realer.

Wie sehen Sie die deutsche Luftwaffe aufgestellt?

Es gibt Nachholbedarf. Über fast 25 Jahre – von 1990 bis 2014 – war das Budget der Bundeswehr fallend. Dass das an so einer Organisation nicht spurlos vorbeigeht, ist klar. Das war ja auch der Grund für die Bundesregierung, das Sondervermögen für die Bundeswehr gesetzlich zu verankern. Die Trendwende wurde 2014 eingeleitet, als Putin auf die Krim einmarschiert ist.

Das heißt: 25 Jahre Abbau stehen gut 5 Jahre Aufbau gegenüber. Wir haben Systeme, die sind gut und modern. Wir haben allerdings auch Systeme, die müssen erneuert werden. Es ist aber in keinster Weise eine Aufrüstung – es ist eine Ausrüstung. Das ist mir ganz wichtig zu betonen. Es war die richtige Entscheidung, wieder in die Sicherheit und Streitkräfte zu investieren. Wir müssen im Bündnis unseren Beitrag leisten.

Deshalb sollte man nicht die Frage stellen: Können wir Deutschland verteidigen, es müsste heißen: Können wir Deutschland im Bündnis verteidigen. Anders geht es nicht; und da sind wir wieder bei dem Thema hier oben auf der Wasserkuppe: Es geht nur gemeinsam.

Ingo Gerhartz Segelflug-Woche
Wenn der Chef zu Besuch ist: Ingo Gerhartz (links) machte sich vor Ort ein Bild von der Segelflug-Woche angehender Offiziere der Bundeswehr. Ihnen soll auf Hessens höchstem Berg die Bedeutung der Fliegerei nähergebracht werden. © Jessica Vey

Sie sind nun erstmals auf der Wasserkuppe, dem Berg der Flieger, wie gefällt es Ihnen?

Es ist ein Traum. Schon seit ich ein kleiner Junge bin, bin ich von der Fliegerei begeistert. Es war immer mein Kindheitstraum, in die Luft zu kommen. Und dass wir das hier in Zusammenarbeit mit der Fliegerschule Wasserkuppe, die das sehr professionell betreut, den jungen Menschen an so einem tollen Ort vermitteln können, das freut mich ganz besonders.

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