Herbert Schwechla / Foto: Daniel Krenzer

GLÜCKS-Geschichten 2015: „Ein Leben lang lernen“: Student in Fulda mit 68 Jahren

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Mehr als 7000 Studenten tummeln sich auf Fuldas Campus. Einer von ihnen ist Herbert Schwechla. Doch das wissen oft nur diejenigen, die mit ihm Veranstaltungen besuchen. Der Rest, der ihm auf dem Hochschulgelände begegnet, hält ihn für einen Professor. Denn der Petersberger ist 68 Jahre alt.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniel Krenzer Dieser Artikel stammt vom 9. Juli 2015.

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Im Café nahe des Campus sitzt Herbert Schwechla und berichtet aus seinem Studienalltag. Hier ist es ihm lieber als in der Mensa, wo es so laut ist. Das Essen dort schmecke zwar, aber „ich habe in meinem Leben schon genug Zeit in Mensen verbracht.“

Die Freude am Studium steht dem 68-jährigen Petersberger ins Gesicht geschrieben. Auch sein üppiger grauer Bart kann sein freundliches, manchmal spitzbübisches Lächeln nicht verdecken. Er erzählt begeistert von seinem Wochenpensum, den Vor- und Nachteilen des Studierens im Alter und auch von seinem ersten Leben – und beinahe wird sein Kaffee dabei kalt.

„Wenn ich so etwas anfange, möchte ich auch bestehen“ Die meisten Studenten in Deutschland über 60 Jahren sind Gasthörer, besuchen also lediglich die Veranstaltungen. Das ist dem Mann, der 28 Jahre lang Geschäftsleiter des Berufsbildungszentrums (BBZ) in Petersberg war, zu wenig. Er studiert „Wirtschaftsrecht – Nachhaltigkeit und Ethik“ im zweiten Semester – mit allem, was dazugehört. „Vor Klausuren gibt es da schon auch mal Lern-Nachtschichten“, gibt Schwechla zu. Es gehe ihm zwar nicht um gute Noten. „Aber wenn ich so etwas anfange, dann möchte ich auch bestehen.“

Es interessiere ihn vor allem, mehr darüber zu erfahren, wie die Wirtschaft nachhaltiges und ethisch korrektes Vorgehen mit Gewinnmaximierung vereinbaren kann. „Der Druck, Gewinn zu machen, ist oft so groß, dass Nachhaltigkeit leider unter den Tisch fällt.“

Wenn es beim Stillen des Wissensdurstes einmal mit dem Computer hakt, hilft sein 28 Jahre alter Sohn. „Wo junge Studenten vielleicht anderthalb Stunden brauchen, um eine Datenbank zu füllen, da brauche ich bald zehn. Aber das macht nichts, dabei lerne ich ja wieder etwas“, nimmt Schwechla die Hürden der EDV tiefenentspannt hin. Die anderen Studenten nennen ihn einfach nur „Herbert“ „Warum tust du dir das an, Herbert?“, sei er wiederholt von Kommilitonen Anfang 20 gefragt worden – und meinen damit sein 30 Semesterwochenstunden an der Hochschule. Für Schwechla ist das eine Frage der Lebenseinstellung. „Ich habe in meiner Zeit beim BBZ immer ein Leben langes Lernen gepredigt. Daran muss ich mich dann natürlich auch selbst halten“, erläutert er schmunzelnd.

Auf einen juristischen Studiengang sei die Wahl gefallen, da er die Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten möchte. Vor Jahrzehnten hatte er ein Studium als Diplom-Ingenieur der elektrischen Energietechnik abgeschlossen, in Frankfurt kam später noch der Diplom-Kaufmann hinzu. „In meiner Zeit als Geschäftsführer bin ich immer wieder in Situationen gekommen, in denen wir juristische Unterstützung brauchten. Juristen denken ganz anders, sprechen eine ganz andere Sprache.“ Das faszinierte Schwechla so sehr, dass er nun in seinem Ruhestand diese eigene Juristen-Welt kennenlernen und besser verstehen möchte. Sechs Semester Sozialrecht-Studium in Fulda hat der 68-Jährige dabei schon hinter sich. „Dieses Wissen ist im Alter so wertvoll, wenn es zum Beispiel um Fragen der Gesundheit oder Pflege geht“, fühlt sich der aus dem Rheingau stammende Petersberger für den Lebensabend gewappnet, wiegelt aber gleich ab: „Aber nicht zu viel über das Alter reden.“ Denn dass er sich dafür noch zu jung fühlt, ist im deutlich anzumerken. Schon auf dem Weg hierher, auf dem er studentisch flott die vielbefahrene, vierspurige Leipziger Straße überquert – inklusive Zwischenspurt. Seine Frau hätte ihn gerne öfter daheim Unter den Kommilitonen fühlt sich der Alt-Student gut aufgenommen. „Viele begegnen mir mit Neugierde, Vorbehalte gibt es da eigentlich keine“, berichtet er. Lediglich bei Gruppenarbeiten sei mal als älterer Student manchmal ganz schön einsam. „Ich spreche einfach die Sprache der jungen Leute nicht. Aber es macht mir Spaß, mit ihnen in Kontakt zu stehen. Das hält jung.“

Nur zuhause halte sich die Begeisterung über sein Studium bei allem Verständnis in Grenzen. „Meine Frau würde es schon begrüßen, wenn ich mehr Zeit daheim verbringen würde. Manchmal fragt sie, wann sie endlich das Essen auftischen könne oder versucht mich, mit einem guten Krimi zum Fernseher zu locken, wenn ich allzu sehr in meine Unterlagen vertieft bin.“

„Streber“ in der ersten Reihe Den Versuchungen der Freizeit und Verpflichtungen im eigenen Haus und der Familie gibt Schwechla aber regelmäßig nach – und nutzt damit den großen Vorteil seines Alters: „Die jungen Leute müssen gute Noten abliefern, um gute Chancen im Berufsleben zu haben – ich nicht.“ Außerdem könne er sich eher einmal trauen, Dinge kritisch zu hinterfragen. „Meistens halte ich mich zurück. Klappt aber nicht immer.“ Er sitze schließlich in der ersten Reihe. „Jaja, immer die Streber da vorne“, fügt er an und lacht. Studenten jenseits der 60 Jahre sind in Fulda eine absolute Rarität. „Ich bin der zweitälteste, und in meinem Studiengang der einzige“, weiß Schwechla. Dabei könne er das Studium im Ruhestand allen nur wärmstens empfehlen: „Man sieht die Dinge aus neuen Perspektiven und bleibt geistig fit. Und wenn man im Alter ein Ehrenamt ausüben möchte, dann ist es kein Fehler, sich juristisch ein wenig auszukennen.“

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