Helge Braun kandidiert für den CDU-Vorsitz
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Helge Braun kandidiert für den CDU-Vorsitz. Viele Landesverbände unterstützen ihn.

Politiker im Interview

Helge Braun will CDU-Vorsitzender werden - „Mein Ziel ist die Erneuerung“

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
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Bei seiner Bewerbung als CDU-Chef erfährt der geschäftsführende Kanzleramtschef Helge Braun (49) Unterstützung aus allen Landesverbänden. Das sagte der aus Gießen kommende Arzt nach einer Veranstaltung in Alsfeld im Interview mit unserer Zeitung.

Zunächst zu Corona. Bei Ihnen im Kanzleramt laufen weiter viele Fäden in der Pandemiebekämpfung zusammen. Zwei Drittel der Deutschen sind geimpft. Warum steigen die Zahlen dennoch so stark?
Die Corona-Variante Delta ist so ansteckend, dass wir eine Impfquote von mindestens 70 bis 80 Prozent brauchen, damit die Coronazahlen auch bei relativ normalem Verhalten stabil bleiben. 
Welche Maßnahmen sind jetzt nötig? 
Um gut durch den Winter zu kommen, ist mehr Impfen wichtig. Dazu zählen auch Auffrisch-Impfungen, wenn die erste Impfung mehr als ein halbes Jahr zurückliegt. Aber wir brauchen auch kurzfristig wirkende Maßnahmen – dort, wo die Inzidenz sehr hoch ist: In einigen Landkreisen liegt sie über 1000. Dort muss man Kontakte reduzieren: besonders im Bereich der Ungeimpften, aber auch bei den Geimpften, deren Impfung schon länger zurückliegt.

Helge Braun kandidiert für CDU-Vorsitz - So will er die Partei verändern

Reichen die Maßnahmen, die die Ampel plant?
Das Ampel-Paket reicht nicht. Der richtige Weg wäre jetzt, die Feststellung der „Epidemischen Lage nationaler Tragweite“ fortzusetzen. Ihr Auslaufen ist angesichts des enormen Infektionsgeschehens nicht zu vermitteln. Es ist jetzt das höchste seit Beginn der gesamten Pandemie. 
Wenn die Ampel aber dabei bleibt?
Dann muss sie ihren Gesetzentwurf mindestens nachbessern und den Ländern und Kommunen weitere Möglichkeiten geben, damit sie bei einem hohen Infektionsgeschehen handlungsfähig bleiben. 
Mit Maßnahmen wie zum Beispiel Lockdowns?
Mit Maßnahmen wie zum Beispiel Kontaktbeschränkungen. 
Also keine Lockdowns?
Generelle Lockdowns sind der allerletzte Schritt. Mit Maßnahmen wie der 2G-Regel plus Test kann man so hohe Sicherheit erreichen, dass eine generelle Schließung für alle in den allermeisten Fällen vermieden werden kann. 
Kommen wir zu Ihrer Kandidatur als CDU-Bundesvorsitzender. Sie hat viele überrascht. Wie kam es dazu?
Am Rande der CDU-Kreisvorsitzendenkonferenz Ende Oktober habe ich viele Gespräche geführt. Ich hatte den Eindruck, dass es gut wäre, wenn es einen Kandidaten gäbe, der einen Schwerpunkt legt auf einen kooperativen Führungsstil sowie die organisatorische und inhaltliche Erneuerung der CDU. (Lesen Sie hier: Jetzt steht es fest - Helge Braun will neuer CDU-Chef werden)
Gab es vor Ihrer Kandidatur Absprachen mit anderen CDU-Landesverbänden?
Bei der Mitgliederentscheidung entscheiden die Mitglieder. Kein Kandidat wird sagen können, dass ganze Landesverbände hinter ihm stehen. Aber es gibt schon jetzt aus allen Landesverbänden tolle Unterstützer, die mir sagen: Das ist die neue CDU, das ist der neue Führungsstil.

Zukunftsthemen anpacken - Digitalisierung, Bildung und Klimaschutz

Sie werden aber nicht als jemand wahrgenommen, der für die Erneuerung steht, sondern als jemand, der für die Merkel-Politik steht.
Ich habe mich in meiner gesamten Zeit in der Bundespolitik für Zukunftsthemen eingesetzt – etwa für Digitalisierung, Bildung und Klimaschutz. Deshalb kann ich inhaltlich und in der praktischen Umsetzung der Digitalisierung viel zur Erneuerung der CDU beitragen. Aber ich will das nicht allein tun, sondern ich will, dass viele daran mitwirken und für die CDU sichtbar werden.
Die „Süddeutsche“ hat geschrieben, Sie seien der Notarzt für die CDU, im Merz-Lager heißt es, die CDU brauche jetzt keinen Narkosearzt. Welcher Arzt wollen Sie sein für die CDU?
Mein Beruf hat mich geprägt. Ich übernehme auch in schwierigen Lagen gern Verantwortung. Die CDU ist in einer sehr schweren Situation. Die Aufgabe ist, dass die Zustimmung sehr schnell wieder steigt, weil wir im nächsten Jahr vier Landtagswahlen zu bestehen haben. Für die Aufgabe sind Kompetenzen aus der Intensiv- und Notfallmedizin sicher gut geeignet.

Video: Kanzleramtschef Braun kündigt Kandidatur für CDU-Vorsitz an

Norbert Röttgen sagt, er stehe für die CDU der Mitte. Friedrich Merz will der CDU mehr konservatives Profil geben. Wo stehen Sie?
Die CDU muss die Partei der Mitte sein. Sie muss einen versöhnlichen Arbeitsstil haben, der eine große Bandbreite zulässt. Wir waren immer dann stark, wenn wir sowohl Alfred Dregger als auch Heiner Geißler hatten, aber am Ende als CDU geschlossen auftraten. Das meine ich mit kooperativem Führungsstil – einen Vorsitzenden, der integriert, aber der auch Ansprechpartner in der CDU für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen und Strömungen sein kann. Mein Ziel ist die Erneuerung der CDU. (Lesen Sie hier: Helge Braun stärkt Armin Laschet den Rücken)
Wie nehmen Sie die Stimmung in der osthessischen CDU wahr? In Fulda und im Vogelsberg waren bisher die Merz-Anhänger stark.
Bei der letzten Abstimmung bin ich ja gar nicht angetreten. Meine Ambition ist jetzt nicht, Kanzlerkandidat zu werden, sondern ich will Parteivorsitzender werden. Ich habe bereits viel Unterstützung aus Osthessen erfahren. Das gibt mir Auftrieb. 
Glauben Sie nicht, dass das Merz-Lager nach der Niederlage bei der Bundestagswahl sogar noch Auftrieb bekommt?
Wir sollten in der CDU nicht von Lagern sprechen. Es gibt verschiedene personelle Angebote, aber am Ende sind wir eine CDU. Wenn die Mitglieder den Vorsitzenden gewählt haben, dann ist es dessen Aufgabe, ein breites Team zu bilden, das die CDU in die Zukunft führt. Die Frage, die jetzt zur Abstimmung steht – wer soll das Team anführen, und welchen Führungsstil wünschen wir uns? Aber wir sind eine Partei, und wir suchen den Gegner nicht in den eigenen Reihen. 

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