Herzstillstand nach Erkältung: Was passieren kann, wenn Sportler zu früh wieder Gas geben

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Region - Vor zwei Wochen versagte während eines Handballspiels in Heringen das Herz eines Spielers – Ersthelfer holten den jungen Mann zurück ins Leben. Immer wieder bekommen Sportler Probleme mit dem Herzen und kippen um. Verschleppen sie eine Grippe und treiben zu früh Sport, kann sich der Herzmuskel entzünden.

Nach einer Grippe oder Virusinfektion sollte ein Sportler langsam ins Training zurückkehren. Diese Faustregel hat jeder schon mal irgendwo aufgeschnappt. Sonst kann ganz schnell das Herz in Mitleidenschaft gezogen werden – es droht eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis). Wird sie nicht erkannt, kann sie tödlich enden. Hat sich der 22-jährige Handballspieler also unbewusst einem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt? Kaum erkennbare Symptome im Vorfeld „Ein viraler Infekt ist nur einer der möglichen Auslöser einer Herzmuskelentzündung", sagt Prof. Dr. Volker Schächinger, Direktor der Kardiologie in der Uniklinik Fulda. Weitere Gründe können Atemwegsinfekte oder erblich bedingte Probleme sein. Sport selbst könne dabei kein Auslöser für eine Entzündung sein. Langfristig sei Sport selbstverständlich immer gut. Aber: „Für den Zeitraum einer Grippe wird Sport zur zusätzlichen Belastung für das Immunsystem", sagt Schächinger. Der Körper, insbesondere das Herz, ist dann angreifbarer. Das tückische bei einer Herzmuskelentzündung ist, dass es im Vorfeld kaum erkennbare Symptome gibt. „Ein Sportler merkt es erst, wenn es akut wird und die Leistung schwächer wird", bestätigt Schächinger. Stichworte sind hier Luftnot, Brustschmerzen, Schwindel und Ohnmacht.

Der Handballspieler hatte diese Symptome wohl nicht. Er kippte plötzlich während des Spiels um, musste nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden – mit Erfolg. Doch sein Zustand ist kritisch: Noch immer liegt er im künstlichen Koma. Es gebe keine neuen Erkenntnisse, der Vater wolle sich erst äußern, wenn sich dies ändert, heißt es von den Verantwortlichen des Vereins. Die Info der „Hersfelder Zeitung", wonach der Jungakteur mit einer Erkältung gespielt habe, wolle man nicht kommentieren. Ehrgeiz oftmals größer als Vernunft Fakt ist: Der junge Mann hat einen plötzlichen Herzstillstand erlitten – und überlebt. Für die Familie, Freunde, Mannschaftskollegen und den gesamten Verein bleibt zu hoffen, dass sich der Sportler wieder vollständig erholt. Fakt ist aber auch: Zum Tagesgeschäft Sport gehört immer wieder, dass Akteure mit Erkältungen an Wettkämpfen teilnehmen. Dabei ist es egal, ob Profi- oder Amateursport. In dieser Hinsicht spielt der Ehrgeiz oft eine überdimensionale Rolle.

Gerade bei Wettkämpfen, die besonders wichtig sind oder nur einmal im Jahr stattfinden, schauen Spieler ungern zu, setzen Trainer ihre wichtigen Akteure nicht immer freiwillig auf die Ersatzbank. Der Verein aus Heringen muss sich diesen Vorwurf nicht gefallen lassen. Eine Erkältung oder ein Infekt wird im Amateurbereich anders als im Profisport, wo mit Blutwerten gearbeitet wird, nicht unbedingt erkannt. Außerdem passiert in abertausenden Fällen gar nichts.

„Selbst wenn der Spieler es will, würde ich es nicht erlauben" Dennoch: Geht es nach dem Cheftrainer der 2.-Liga-Wasserballer der Wasserfreunde Fulda, dem Sportwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Hohmann, wird in Fulda so schnell niemand mit Grippe ins sprichwörtlich kalte Wasser geworfen. Das müsse ohnehin von Fall zu Fall entschieden werden. „Wenn am Samstag ein Spiel ansteht und ein Spieler Donnerstags nur noch erhöhte Temperatur hat, dann ist er schon eine Option fürs Spiel", sagt Hohmann. Bei einem grippalen Infekt und Fieber würde er es einem Spieler, „selbst wenn der wollte, nicht erlauben", so Hohmann. Eine weise Entscheidung. Hat ein Sportler erst einmal eine Herzmuskelentzündung, droht „Minimum ein dreiviertel Jahr Sportpause, bis sich der Körper und das Herz wieder vollständig erholt haben", sagt Dr. Volker Schächinger. Wenn die Leistung des Herzens eingeschränkt bleibe, seien Medikamente an der Tagesordnung. „Betablocker, Wassertabletten, ACE-Hemmer, um nur mal eine Auswahl zu nennen", so Schächinger. „An Sport, geschweige denn Leistungssport, ist dann nicht mehr zu denken", weiß auch Andreas Hohmann. An der Uniklinik behandelt der Kardiologe rund 20 Patienten im Jahr, bei denen eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert wurde. „Die Dunkelziffer liegt aber deutlich höher, da eine Entzündung fast nie bemerkt wird und auch wieder verschwindet." Zum Glück für die meisten Menschen. Auf das Glück verlassen sich ambitionierte Sportler in ihrer Wettkampf-Vorbereitung ohnehin selten. Deswegen sollten sie lieber drei Mal überlegen, ob sie mit einer Grippe Vollgas geben.

Das könnte Sie auch interessieren