In diesem Haus in Egelmes, das inzwischen nicht mehr steht, wurde Anneliese Smith getötet.
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In diesem Haus in Egelmes, das inzwischen nicht mehr steht, wurde Anneliese Smith getötet.

Spektakulärer Mordfall

Grausamer Mord in der Idylle: Anneliese Smith wird 1977 Opfer eines Serientäters

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Idyllisch und fern von großen Städten liegt der Ort Egelmes, ein Weiler mitten in der Natur der Rhön bei Hofbieber. Hier trifft Anneliese Smith am 15. Oktober 1977 auf ihren Mörder, ein Serientäter aus den USA. 

Hofbieber-Egelmes - „Da war mal was in Egelmes“, sagt heute Hofbiebers Bürgermeister Markus Röder. Doch genau kennt er die Zusammenhänge nicht. 1977, da war er noch ein Kind. Aber erst vor Kurzem hatte er einen Bauantrag zu dem Haus vorliegen, in dem die Tat geschah. Im Spätherbst 2020 wurde es abgerissen – zuletzt war das Gebäude eine Ruine mit einem Dach ohne Ziegeln.

„Das war immer das Mörderhäuschen. Es wurde nach dem Verbrechen zwar wieder vermietet, aber man hat es immer mit ein bisschen Grauen betrachtet“, sagt Werner Hosenfeld. Er lebt nebenan. Den Tag nach dem Mord an Anneliese Smith wird der 71-Jährige nie vergessen. Denn er ist es, der das Opfer findet.

Hessen: Anneliese Smith wird 1977 Opfer eines Serientäters - Grausamer Mord in der Idylle

„Ich wohnte zu der Zeit in Hofbieber und war bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Es gab Hase. Frau Smith wollte das gerne probieren und eigentlich vorbeikommen, um ein Stück abzuholen“, erinnert er sich. Als sie nicht kam, sei er mit dem Töpfchen zu ihr gegangen. Das war am 16. Oktober 1977, gegen 13 Uhr.

Etwa 13 Stunden zuvor muss das Verbrechen passiert sein. Anneliese Smith wohnt noch nicht lange in Egelmes. Sie ist die Witwe eines US-Offiziers, der im Vietnamkrieg gefallen ist. Halbtags arbeitet sie in der Wäscherei der US-Kaserne in Fulda. Die 37-Jährige pflegt den Kontakt zu den Amerikanern und bietet Soldaten immer mal wieder einen Imbiss an.

Auch am 14. Oktober, ein Tag vor ihrem Tod, hat sie Besuch von zwei Soldaten. Sie halten sich wegen eines Manövers gerade in der Nähe von Hofbieber auf. Die drei trinken Alkohol, es werden Zärtlichkeiten ausgetauscht – alles andere lehnt die 37-Jährige aber strikt ab (lesen Sie auch hier: Auch nach fast 35 Jahren bleibt diese Frage: Hat Monika Weimar ihre Töchter ermordet?).

Anneliese Smith wird Opfer eines Serientäters: Gegen Mitternacht stirbt sie nach einem Überlebenskampf

Von diesem Besuch erfährt Martin Woods, ein Kamerad der beiden Soldaten. Der damals 20-Jährige wird später vom Landgericht Fulda für die Tat verurteilt – zugeben wird er sie nie. Doch für das Gericht steht fest, dass er am 15. Oktober 1977, zwischen 20 und 21 Uhr, das Camp verlässt und sich auf den Weg nach Egelmes macht. Er klopft an die Tür von Anneliese Smith und bittet um ein Glas Wasser.

Zu dem Zeitpunkt telefoniert sie gerade mit einer Freundin. Die Frau hat zwar Angst vor dem Fremden, lässt ihn aber hinein, gibt ihm zu trinken, Suppe und auch Alkohol. Gegen Mitternacht stirbt sie – nach einem erbitterten Überlebenskampf. Im Wohnzimmer, Flur und Bad sind Blutspuren. Sie wurde bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und mit 47 Messerstichen getötet.

Das Opfer wurde in der Badewanne gefunden.

Der Täter zerschneidet ihr das Gesicht, legt sie in die Badewanne, duscht sie ab, vergeht sich an ihr und verschwindet. Im Bad findet sie Werner Hosenfeld am nächsten Tag: „Ganz am Anfang habe ich gedacht, dass sie Suizid begangen hat“, sagt der 71-Jährige, der bis zu seiner Pensionierung Polizist war.

„Aber dann war mir schnell klar, dass es Mord gewesen sein muss und dass sie in der Badewanne abgelegt wurde.“ Werner Hosenfeld ruft seine Kollegen, die Spuren sichern und Zeugen befragen. Ein Nachbar hat in der Tatnacht einen Mann in Uniform kurz vor Egelmes gesehen. Er war zu Fuß unterwegs.

Werner Hosenfeld: Ganz am Anfang habe ich gedacht, dass sie Suizid begangen hat

Schnell konzentrieren sich die Beamten auf die Einheit, zu der auch Martin Woods gehört. Durch Fingerabdrücke, die im Haus gefunden wurden, und widersprüchliche Aussagen gerät er in den Fokus. „Die Einheit wurde zusammengetrommelt, und jeder musste seine Uniform vorzeigen“, erinnert sich Hosenfeld. Auch Woods habe das getan und eine vollständige, saubere Uniform präsentiert.

Unvollständig ist bei der Kontrolle die Uniform eines anderen – des Zeltgenossen von Woods. Er wird später aussagen, dass Woods ihn gezwungen habe, ihm Teile seiner Uniform zu geben. Er wird auch aussagen, dass Woods gegen 2 Uhr in der Nacht zum Zelt kam und sagte, dass er „die Frau kaputtgemacht“ habe.

Und der Zeltgenosse von Woods wird die Beamten zu dem Ort bringen, wo die blutverschmierte Kleidung vergraben liegt (lesen Sie auch hier: „Angst hilft, dass man keinen Unfug macht“: Der frühere Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet spricht über seine Entführung).

Grausamer Mord in der Idylle: Täter Martin Woods wird wegen Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt

Im September 1978 kommt es schließlich zur Verhandlung vor dem Landgericht Fulda. Nach einem Indizienprozess wird Martin Woods wegen Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt, eine Jugendstrafe, weil er zum Tatzeitpunkt erst 20 war. Die Kammer geht von einem Sexualverbrechen aus.

Jahre später stellt sich heraus, dass er ein Serientäter ist. Bevor er nach Deutschland kam, hat er die 20-jährige Rebecca Gerst in seiner Heimatstadt Toledo in Ohio umgebracht. Mit Hilfe von DNA-Spuren wird dieser Mord knapp 40 Jahre später aufgeklärt.

Zu dem Zeitpunkt sitzt er bereits eine lebenslange Haftstrafe ab, weil er 1989 die 26-jährige Jennifer Stewart, ebenfalls in Toledo, getötet hat. Der amerikanische Richter Frederick McDonald, der ihn verurteilte, beschreibt Woods als den gefährlichsten Verdächtigen, den er je kennengelernt habe.

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