In Steinau an der Straße wurde in der Nacht zum Donnerstag ein Automat in der Kreissparkasse gesprengt.
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In Steinau an der Straße wurde in der Nacht zum Donnerstag ein Automat in der Kreissparkasse gesprengt.

Fälle in der Region

Mit einem Knall zum großen Geld? Zahl der Automatensprengungen geht 2020 in Hessen zurück

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Drei Minuten, dann ist alles vorbei. Zurück bleibt eine Spur der Verwüstung. In den vergangenen Jahren haben Geldautomatensprengungen zugenommen. 2020 ist in Hessen allerdings ein Rückgang zu verzeichnen.

Region - Die drei Täter gehen sehr geplant vor: Einer trägt eine Gasflasche in die VR-Bank in Uttrichshausen, ein anderer bricht den Automaten auf. Am Boden liegt ein Schlauch, der jetzt in das Gerät gesteckt wird. Dann verlassen sie den Raum. Um 3.05 Uhr an diesem 6. Dezember 2017 kommt es zur Explosion. Rauch steigt auf. Kurze Zeit später sind die Personen wieder da, gehen zum Automaten, holen die Geldkassetten raus und verschwinden mit einer großen schwarzen Tasche. Der Inhalt: 264.260 Euro.

Zwischen dem ersten Betreten und der Explosion vergehen keine drei Minuten. Die Gesichter sind nicht zu erkennen. Zwei Monate nach dem Vorfall werden die leeren Geldkassetten in einem Wasserlauf bei Schweinfurt an der A71 gefunden. Hier sind sie also vorbeigekommen. (Lesen Sie hier: Erst kürzlich kam es in Steinau an der Straße zu einer Automatensprengung.)

Die Zahl der Automatensprengungen ist 2020 in Hessen zurückgegangen

Häufig agieren Automatensprenger länderübergreifend, heißt es in einem Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA). Von den 132 Tatverdächtigen, die 2019 im Zusammenhang mit solchen Straftaten in Deutschland festgenommen wurden, gelten 90 als sogenannte reisende Täter. Der größte Teil der Verdächtigen stammte aus den Niederlanden und hat laut BKA einen marokkanischen Migrationshintergrund. Die Täter würden in Form eines kriminellen Netzwerks handeln und in unterschiedlicher Besetzung die Taten ausführen. Selten seien Einzeltäter am Werk.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 349 Automaten gesprengt. Häufig mussten die Täter ohne Beute fliehen: In 142 Fällen gelangten sie an Bargeld, 207 Mal nicht. Die Gesamtzahl ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. 2011 verzeichnete das BKA noch 38 Automatensprengungen.

Mit 105 Fällen am stärksten betroffen war 2019 das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dann kommt in dem Ranking auch schon Hessen mit 53 Fällen. Während die Zahlen in diesem Jahr in NRW hoch bleiben, gehen sie in Hessen zurück: Wie das Landeskriminalamt (LKA) mitteilt, wurden von Januar bis September nur 18 Fälle registriert. Ein Grund könnten die zeitweise geschlossenen Grenzen während des Lockdowns sein, aber vielleicht ist es auch die Tatsache, dass es zahlreiche Festnahmen gab. Oder es liegt an den besseren Sicherheitsvorkehrungen, die die Banken inzwischen treffen.

Schäden bei Automatensprengungen sind meist höher als die Beute

So können Automaten beispielsweise mit Färbemittel ausgestattet werden, die die Banknoten bei einem Raub nutzlos machen. Auch spezielle Explosionsmatten werden mitunter eingesetzt, die die Automaten resistenter machen. Aber: Je stärker die Automaten vor Überfällen geschützt werden, desto brachialer gehen die Täter vor und nutzen mitunter sogar feste Sprengstoffe.

Häufig wird aber – wie in Uttrichshausen – ein Gasgemisch in den Automaten geleitet und gezündet. Egal, ob die Täter an die Beute gelangen oder nicht: Die Kollateralschäden sind immer hoch. In Uttrichshausen lag der reine Sachschaden bei über 40.000 Euro.

Wegen dieser und zwei weiterer Automatensprengungen sind drei Männer aus Ungarn angeklagt, die seit Dezember 2019 in U-Haft sitzen. Ihnen wird derzeit am Landgericht Fulda der Prozess gemacht. Ein Kriminalhauptkommissar, der als Zeuge befragt wurde, sagte es ganz plakativ: „Wenn so eine 150 Kilo schwere Tresortür quer durch den Raum marschiert, dann liegt der Schaden nicht nur bei fünf Euro.“ Laut BKA sind die Sachschäden in den meisten Fällen deutlich höher als die Beuteschäden. Die durchschnittliche Beutesumme betrug rund 107.000 Euro.

Urteil im Automatensprenger-Prozess fällt in Fulda Ende November

Das „Handelsblatt“ nennt diese Form des besonders schweren Diebstahls „Bankraub 2.0.“ Die Zeiten, in denen Kriminelle bewaffnet und mit Strumpfmaske über dem Kopf Banken stürmten, seien vorbei. Doch nicht nur die Täter rüsten auf – auch die Polizei tut es: Seit April 2019 werden die Ermittlungen bei Automatensprengungen für ganz Hessen zentral beim LKA gesteuert. Wenn es zu einer Verurteilung kommt, dann können die Haftstrafen lang sein: Im Juni 2019 wurde ein 33-Jähriger zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Automatensprenger-Prozess am Landgericht Fulda wird das Urteil Ende November erwartet.

Thomas Sälzer (53) ist Vorstandssprecher der VR Bank Fulda. Im Interview schildert er seine Sicht auf Automatensprenger.

Wie gut wappnen sich die Banken gegen Automatensprenger?
Die Automaten sind grundsätzlich gut geschützt. Darauf achten die Banken sowie die Geldautomatenhersteller. Allerdings lassen sich die Täter immer Neues einfallen und werden meiner Meinung nach in ihrem Vorgehen immer rabiater.
Wie viele solcher Schadensfälle gab es in den letzten Jahren bei der VR Bank Fulda?
Viele Jahre gab es bei uns erfreulicherweise überhaupt keine Sprengungen oder andere Versuche, einen Geldautomaten aufzubrechen. Zuletzt gab es im Oktober 2018 eine Sprengung des Automaten in den Kaiserwiesen, den wir mit der Sparkasse Fulda betreiben. Im Übrigen sind die Angriffe auf Geldautomaten in Deutschland in den letzten fünf Jahren insgesamt stark gestiegen.
Welche Folgen hat so eine Geldautomatensprengung für eine Bank?
Zunächst möchte ich sagen, dass wir sehr froh sind, dass es in den Fällen, in denen wir betroffen waren, keine Personenschäden gab. Jedoch ist der Ärger und Aufwand für die Schadenbeseitigung sehr groß. Im Rahmen der erheblichen Kollateralschäden muss auch die gesamte Gebäudestatik geprüft werden. Insofern haben wir ein großes Interesse daran, dass die Täter gefasst und dann auch verurteilt werden.

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