Axel Wintermeyer im Gespräch mit Volker Bouffier
+
Axel Wintermeyer - hier im Gespräch mit Volker Bouffier - ist Chef der Staatskanzlei in Hessen.

Axel Wintermeyer im Interview

Wird der Lockdown über den 31. Januar hinaus verlängert? Das sagt Hessens Corona-Krisenmanager

  • Christof Völlinger
    vonChristof Völlinger
    schließen

„Noch länger“ werden die Menschen in Hessen nach Einschätzung von Staatsminister Axel Wintermeyer (61, CDU) mit Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie leben müssen. Gleichwohl sieht der Chef der hessischen Staatskanzlei im Impfstart einen „Lichtblick“. Im Interview warnt Wintermeyer eindringlich vor der in Großbritannien grassierenden Mutation des Virus.

Die Vergabe von Impfterminen in Hessen ist chaotisch gestartet und sorgt für Verärgerung bei Senioren. Kam der Kollaps der Systeme überraschend?
Wir sind immer davon ausgegangen, dass Hessen sich gut vorbereitet hat auf die größte Impfaktion in der Geschichte des Landes. Der erste Ansturm war jedoch gewaltig. Am Dienstag gab es allein 1,6 Millionen Anrufe auf unseren Telefonleitungen. Außerdem acht Millionen Zugriffe auf unser Online-Portal. Kein Wunder, dass die Hotline und auch die elektronischen Systeme zusammenbrachen. Funktioniert hat es irgendwie doch. Bis Donnerstag Nachmittag haben sich schon fast 145 000 Menschen für eine Impfung registriert, rund 36 000 haben bereits einen Termin erhalten.
Wann können die Ersten, die einen Termin erhalten haben, sich impfen lassen?
Kommende Woche startet Impfphase zwei. Sechs regionale Impfzentren werden hochfahren, darunter auch das in Fulda, dann beginnen die Ü-80-Impfungen. In den folgenden drei Wochen werden wir etwa 60.000 Impfdosen verimpfen können. Sobald ausreichend Impfdosen für einen sinnvollen Betrieb zur Verfügung stehen, werden wir alle 28 Impfzentren im Land öffnen. Wir hoffen natürlich, dass dies schnellstmöglich passiert. Noch müssen wir die Menschen um Geduld bitten.

Corona in Hessen: Krisenmanager Axel Wintermeyer (CDU) im Interview

Halten Sie die Versorgung des Landes mit Impfstoff für ausreichend?
Ich kann Ihnen versichern: Jeder der eine Impfung will, der wird auch eine Impfung bekommen. In der ersten Phase sind fast 25.000 Menschen in Heimen sowie fast 40.000 Mitarbeiter des medizinischen Personals in Kliniken und Pflegeeinrichtungen geimpft worden. Landesweit müssen insgesamt rund acht Millionen Impfungen durchgeführt werden, das ist eine riesige Herausforderung. Ich hoffe auch, dass möglichst viele ihre Ärmel hochkrempeln und sich impfen lassen. Das Impfen ist der Lichtblick auf dem Weg in die Freiheit.
Gerade ist die erste Lieferung des Moderna-Vakzins in Hessen eingetroffen, Astrazeneca hat einen Antrag auf Zulassung gestellt. Könnte es nach dem holprigen Start mit dem Impfen nun schneller vorangehen?
Unsere Prognosen beruhen auf festen Lieferzusagen. Aktuell haben wir neben dem Biontech-Impfstoff auch erstmals 4800 Impfdosen von Moderna erhalten. Wenn in der zweiten oder dritten Februarwoche der Impfstoff von Astrazeneca zugelassen wird, können wir noch mehr Termine vergeben. Die in Hessen zur Verfügung stehenden Mengen sind aktuell aber geringer als erhofft. Bei aller Ungeduld darf man aber nicht vergessen: Vor einem Jahr starb der erste Mensch in China an Covid-19 und schon im Dezember haben wir in Hessen mit Impfungen gegen das Virus begonnen. Das ist ein pharmazeutisches Wunder. Aber niemand sollte das Wunder erwarten, nun sofort geimpft werden zu können.

Corona: Wintermeyer sieht Impfung als „Lichtblick auf dem Weg in die Freiheit“

Welche Rückmeldungen gibt es bezüglich der Verträglichkeit des Impfstoffs von Biontech/Pfizer?
Da bei mir alle Fäden zusammenlaufen, kann ich Ihnen versichern, dass es beim Impfen in Hessen bisher zu keinen Komplikationen gekommen ist. Dokumentiert sind lediglich zwei Fälle britischer Krankenschwestern, die eine Überreaktion ihres Immunsystems gehabt haben. Aber auch das hat man in den Griff bekommen. Die Impfung ist vergleichbar mit einer Grippeimpfung.
Wird der Lockdown über den 31. Januar hinaus erneut verlängert?
Die nächste Entscheidungsrunde von Bund und Ländern ist für den 25. Januar terminiert. Aktuell ist davon auszugehen, dass auch die Hessen noch länger mit Einschränkungen werden leben müssen. Wie stark diese ausfallen, hängt von den Inzidenzen ab. Bei der Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und der Einschränkung persönlicher Freiheiten werden wir aber mit Augenmaß agieren. Wie bei der jährlichen Grippewelle dürfte das Infektionsgeschehen gerade in den Monaten Januar und Februar seinen Höhepunkt erreichen. Je weniger Infektionen da auftreten, desto schneller können Lockerungen folgen.

Im Video: Die aktuelle Corona-Lage in Hessen

Person und Aufgabe

„Das waren sehr harte elf Monate“, urteilt Axel Wintermeyer mit Blick auf die Pandemie. Als Koordinator der Corona-Politik der hessischen Landesregierung hat der Chef der Wiesbadener Staatskanzlei zwar kaum noch Außentermine. Jedoch verbringt der 61-jährige CDU-Politiker aktuell täglich allein mindestens acht Stunden in Video- und Telefonkonferenzen, um Maßnahmen – auch mit dem Kanzleramt und den übrigen Bundesländern – abzustimmen.

Staatskanzlei-Chef warnt eindringlich vor Coronavirus-Mutation

Welche Gefahr geht von den Mutationen aus, die inzwischen Deutschland erreicht haben?
Der Mutant B.1.1.7., der in Großbritannien und Irland rasant um sich greift, bereitet uns große Sorgen. Er ist wesentlich ansteckender als die bisherige Variante. Es muss alles getan werden, dass dieser Mutant nicht so schnell in Deutschland Platz greift. Sonst müssten wir bis Ostern mit einer Verzehnfachung der Infektionszahlen rechnen.
Wie sinnhaft ist die zum Beispiel im Landkreis Fulda gültige 15-Kilometer-Regel, schließlich kennt das Virus keine Grenzen?
Das Virus wird von Mensch zu Mensch übertragen. Das wichtigste ist daher die Kontaktbeschränkung. Deshalb müssen tagestouristische Ausflüge in Corona-Hotspots reduziert werden, so weit es geht. Der Ansturm auf die Wasserkuppe vor 14 Tagen zwang zum Handeln.
Wie bewerten Sie den Vorstoß von CSU-Chef Markus Söder, der auf eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen pocht?
Ich halte nichts von einer Impfpflicht. Die wäre nur schwer durchsetzbar, zumal die Impfstoffe erst kurz auf dem Markt sind. Ich halte es aber für unabdingbar, dass Pfleger, die mit den gefährdetsten Menschen arbeiten, sich immunisieren lassen. Da ist noch Luft nach oben. Wir benötigen angesichts der Pandemie jeden einzelnen Pfleger.

Das gesamte Interview mit Axel Wintermeyer lesen Sie in der Freitagausgabe der Fuldaer Zeitung und im E-Paper. An dieser Stelle erscheint eine gekürzte Fassung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema